Foto: gerald - pixabay
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Fragmente aus der Zukunft

 

Für Sie aufgelesen:

 

"Ich glaube, dass die wichtigsten Produkte der Ökonomie des 21. Jahrhunderts nicht mehr Autos, Textilien und Esswaren sein werden, sondern Körper und Gehirn und Bewusstsein, also künstliches Leben. Und es gibt drei Wege, wie sich der Mensch zum Homo Deus 'uppgraden' kann: 1. Bioengineering, 2. Cyborgs, 3. anorganisches Leben. Wenn das gelingt, werden wir Götter sein...."

"Die Supermenschen, die in den nächsten hundert Jahren entstehen, werden sich vermutlich stärker von uns heutigen Menschen unterscheiden als wir vom Neandertaler oder Schimpansen. Insofern wäre es aus biologischer Perspektive korrekt, von einer neuen Spezies zu sprechen..."

"Vielleicht bewegen wir uns auf eine Zukunft zu, in der ein kleiner Teil der Menschheit gottähnliche Fähigkeiten erlangt,während die allermeisten Menschen zurückbleiben..."

"Eine Idee ist, dass Menschen ohne Arbeit künftig ihre Zeit vermehrt mit Computerspielen verbringen... Intelligenten Computerspiele und virtuelle Welten werden immer elaborierter, sie können durchaus zum befriedigenden Lebensinhalt werden. Es gibt schon heute Menschen, die ziehen ihren Lebenssinn zu einem beträchtlichen Teil aus Fußballspielen, warum sollten also nicht auch Computerspiele zur Ersatzreligion taugen?..."

 

Der israelische Historiker Yuval Noag Harari im SPIEGEL-Gespräch

(DER SPIEGEL 12/2017)

Passend hierzu die Erzählung "Körperkontakt" in

Die letzten Tage des Kommissars

Dieter Lenz

Erzählungen und Zetteltexte

140 S. 180 x 115 mm, Softcover, 11,50 €

ISBN 978-3-922299-43-1

 

Es geht um die Genetik, um das Leben

in einer digitalen Welt, um Seele und Körper des Menschen,

kurz gesagt: Es geht um die Zukunft des Menschen.

 

Zu bestellen im Online-Shop

Die Zukunft zeigt auch das Theaterstück "Sonja und ihr Roboter"

 

Nachrichten aus der Zukunft

25.6.2073
Ungeheuerlicher Missbrauch eines Roboters

In letzter Zeit wurden Männer beobachtet, wie sie in aller Öffentlichkeit stöhnten und sich eindeutig gebärdeten. Wie sich herausstellte hatten sie einen Orgasmus. Alle diese Männer arbeiteten in einem Institut für die Fortentwicklung von Robotern.
Die polizeilichen Ermittlungen ergaben folgendes:
Die Frau eines  in der Entwicklung von Robotern forschenden Wissenschaftlers hatte einen großen sexuellen Bedarf, der durch ihren Mann nicht befriedigt werden konnte. Infolgedessen hatte sie wechselnde Liebhaber. Da ihr Mann sich nicht von ihr trennen wollte, entwickelte er – ohne dass es seine Frau wusste -  einen Roboter nach ihren Vorstellungen, der schon beim ersten Versuch ihr Liebhaber wurde und zwar so gut, das sie keinen weiteren Bedarf an Liebhabern hatte. Damit hatte der Wissenschaftler erreicht, was er gewollt hatte.
Als seine Frau jedoch nur noch mit dem Roboter sexuell verkehrte und sie keine Lust mehr auf ihren Mann hatte, sann dieser nach einer Möglichkeit, bei dem Akt beteiligt zu sein. Das gelang ihm durch den Einbau eines speziellen Senders in den Roboter, dessen Signale auf einen speziellen Chip im Gehirn des Wissenschaftlers trafen. Von diesem Augenblick an genoss er seine  sexuelle Befriedigung zur gleichen Zeit, wenn seien Frau durch den Roboter befriedigt wurde.  Er musste nur aufpassen, dass es ihm nicht in der Öffentlichkeit passierte. Einmal hatte er vergessen, den Chip zu deaktivieren, so dass ihn  im Institut ein Orgasmus während eines Meetings überwältigte. Darauf angesprochen, erklärte er, er habe eine Elektronik erfunden, die ihm besondere Sexfreuden ermögliche, er nenne das „Erektronik“. Leider habe er sie aus Versehen eingeschaltet. Und verschämt setzte er hinzu: Verbunden sei er mit dem Roboter seiner Frau.
Sofort wurden in seinem Institut weitere Chips hergestellt und die „Erektronik“ testweise freiwilligen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. Obwohl sie darauf hingewiesen wurden, den Chip in der Öffentlichkeit zu deaktivieren, versäumten es einige oder konnten der Verlockung nicht widerstehen, so dass sie schließlich auffällig wurden. In drei Fällen alarmierte man die Erste Hilfe, in einem Fall auch die Polizei.
Im einem Verhör will die Frau will des Wissenschaftlers  von alledem nichts gewusst haben und sie besteht darauf, den Roboter weiter verwenden zu dürfen.
Von einer Anklage des Wissenschaftlers wird Abstand genommen, da er sich offensichtlich in einer psychischen Notsituation befunden habe. Mittlerweile soll die Industrie Kontakt zu ihm aufgenommen haben. Schließlich ermögliche die Erfindung jedem Mann alle sexuellen Freuden und dies auch bei einer Impotenz, was einer medizinischen Behandlung gleich käme.
Über eine Reaktion der Internationale der Roboter ist noch nichts verlautbart worden. Es heißt, man prüfe noch, ob der Roboter durch den Missbrauch Verletzungen erlitt oder möglicherweise sogar eine Bereicherung seiner Persönlichkeit erhalten habe.

 

                                      

                               Das Ende der Geschichte

Was wir beobachtet hatten, geschah in der ganzen Stadt. Überall enttarnten sich Menschen als Roboter, sammelten sich in Kolonnen und marschierten Richtung unserer Raketenbasen. Es müssen an die zehntausend gewesen sein, sie besetzten alle Raumschiffe und verschwanden, keiner kannte ihr Ziel.
„Sie werden es wissen.. Sie hatten wohl schon alles vorausgesehen.. Irgendwo auf einem Planeten landen sie und bauen sich ihre eigene Welt auf.“
„Aber warum machten sie das mit uns?“
Wir standen am See, blickten über die im leichten Wind sich kräuselnde Wasserfläche.
„Ich möchte, dass es unter uns bleibt, Jan..“ Fred war zum Stadtersten gewählt worden. Er sprach nicht mehr so aggressiv wie früher, im Gegenteil, seine Stimme klang selbstgefällig-freundlich, aber noch immer von oben herab. „Gestern entdeckten wir, dass sie etwa die Hälfte des Genpools mitgenommen haben.. Die Wahrheit ist, ihr wart die Sklaven. Ihr habt ihre Energie  verwaltet, ihr habt sie gepflegt, repariert und sogar weiterentwickelt! Ihr dachtet, ihr tut es für euch... von wegen, mein Lieber: Ihr wart das Dienstpersonal der Roboter. Und irgendwo im Universum werden sie eine Menschenart heranzüchten, die ihnen zu dienen hat. Die Erde war nur ihr Geburtsort und ihr Experimentierfeld. Eines allerdings bedrohte sie: Die Natur! Darum schlossen sie die Stadt hermetisch gegen alles ab, was Natur war..  Und sie waren so geschickt, euch glauben zu lassen, ihr wäret durch die Natur in Lebensgefahr und müsstet sie fürchten. Dabei war es ganz anders rum. Deine Angst vor Mikroben, Jan, war völlig unbegründet. Angst vor Mikroben hatten die Roboter!"
Auf dem Rückweg trafen wir Deivy im verwilderten Gemüsegarten, sie pflückte die wenigen Erdbeeren. Ich blieb in einiger Entfernung stehen. Die Art, wie sie sich bewegte, gefiel mir. Es lag Gedankenlosigkeit darin, eine unverhüllte Zufriedenheit ähnlich dem sorglosen Blattspiel der Birke in ihrem Rücken  oder dem Dahinlaufen der Wellen vom See. Noch fühlte sie sich unbeobachtet und ich hoffte, Fred  würde sie nicht ansprechen.
Sie hatte sich aus der Hocke erhoben und suchte im Unkraut das Rot der Beeren, ich hätte es längst aufgegeben, aber ihr Farb-Auge erspähte auch das winzigste Rot im Blattgewirr. Fast gleitend bewegte sie sich auf eine Stelle zu, der ganze Körper - umhüllt von einem blauweiß beringten Baumwollkleid - folgte einem unhörbaren Rhythmus, den ich schon einmal weit weg von hier gefunden habe: im Universum. Wie die Gestirne sich drehen und ein Gleiten und Fliegen und Wirbeln doch das Bild vollster Ruhe und Stille ergibt, so war es bei ihr, wenn sie sich bewegte. Es war so schön, dass es mich schmerzte, und als sie Fred jetzt ansprach und sie sich ihm zuwandte, mit einem aufmerksamen Lächeln und ihm lachend antwortete, verstärkte sich der Schmerz so sehr, dass ich mich umdrehte und meinen Blick auf irgendeinen Punkt am Seeufer konzentrierte.
Seit ich ihr gesagt habe, dass ich nicht so jung bin, wie ich aussehe, dass ich mit meinen Jahren ihr Großvater sein könnte, hatte sie sich von mir zurückgezogen. Vielleicht bildete ich es mir auch ein. Jedenfalls interessierte sie sich auffallend mehr für Fred und seit Kurzem lebten sie zusammen.
Nie wieder würde ich diesen Körper berühren dürfen, das war der eigentliche Stachel, dachte ich. Ich hatte das Sexualgen ausgeschaltet und trotzdem konnte ich den Blick nicht von ihrem Körper lassen, gerade in diesem Baumwollkleid, das ihre Figur so betonte.
Nachdem ich hier ins Haus gezogen bin, setzte ich mein Alterungsgen in Gang. Jung aussehen und altern, das war mir plötzlich nicht nur eine Lüge, sondern ein Unglück, es schloss mich allem Lebenden aus. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper in der Natur. Leben ist Altern, sagt die Natur, sieh dich um..  Ich ekelte mich selber an, wenn ich in den Spiegel sah. Die alte Birke im Garten ist schön – ein alter Mensch soll es nicht sein? Was soll der Unsinn. Vielleicht ist es dies: Wer immer sich gegen das Altern wehrt, wehrt sich gegen das Leben, gerät in eine Verkrampfung, die hässlich macht. Und der alte Baum ist deswegen so schön, weil er trotz morscher Zweige und schuppiger Borke ohne Selbsthass ist, er lebt, als gäbe es keine Jahre und kein Ende für ihn.
Dieses Jungbleiben... Was ändert es daran, dass wir leben müssen – und das Leben ist das eigentliche Wunderbare, alles andere kann noch so modisch oder künstlich sein, ohne das Leben ist es nichts.
Und hier – ich sah mich glücklich um –  ist die Quelle allen Lebens: die Natur!

                               

                          Ich, mein Körper, mein Gehirn

Es heißt, der Körper altert, doch davon spüre ich nichts. Er spielt keine große Rolle mehr. Irgendwann legen wir ihn ab. Aber ich merke, wie mein Geist altert. Er springt nicht mehr von einem Punkt zum andern, er scheint müde und bleibt stehen an  einem Gedanken, an einem Bild.. Tatsächlich, Bilder steigen in mir auf, ich weiß nicht woher, aber es scheint, als sei im Laufe meiner vielen Lebensjahre Bild um Bild in einem Geheimfach aufbewahrt worden, von dem ich nichts weiß, nichts ahne, und jetzt quillt das Fach über.
Vielleicht auch haben die Bilder Kraft gesammelt, um mit einem Auftrag zurückzukehren und mich in ein längst vergangenes Leben zu versetzen, jedenfalls kann ich mich selber sehen, wie ich in einem Zimmer sitze, über eine Arbeit gebeugt – ich bin da neun und muss zur Strafe für etwas Unerlaubtes Quadrate farbig ausmalen, ich weiß nicht, warum, aber es ist wirklich quälend und stumpfsinnig – und ich höre durch das offene Fenster helle Stimmen, Jungenstimmen, ich spüre wie ein frischer Luftzug durch das Fenster kommt und dann höre ich den Aufschlag eines Balles, unregelmäßig, aber deutlich, und Rufe, fröhliche Rufe, Geschrei, Gelächter und ich beginne zu weinen..
Nur ein Beispiel, es gibt viele davon. Aber dieses Bild kehrt seit kurzem immer wieder.. Ja, wahrhaftig, als Kind weinte ich, als Kind konnte ich weinen. Dann kam es abhanden, diese körperliche Regung, denn mehr war es wohl nicht, meinen Körper gab ich Stück für Stück ab an das virtuelle Leben. Und jetzt gibt es ihn nicht mehr, mein Leben ist virtuell. Grenzenlose Freiheit, so versprach man uns, werden wir erleben.. Aber was ist das für ein Leben? Ja, ich denke, mein Gehirn fraß sich in die Welt.. Jetzt ist es satt. Aber bin ich satt? Und wieso habe ich meinem Gehirn erlaubt, ich zu sein? Manchmal möchte ich zum Anfang zurück und ich würde mit dem Biss in eine Hähnchenkeule beginnen..
Diese neue Zeit, diese neue Welt, dieser neue Mensch... War er früher auf der Suche nach seiner Seele, so sucht er heute seinen Körper. Ich wenigstens tu es. Aber ich habe ihn ja noch! Ich muss nur diesen verdammten Clip aus meinem Hirn holen.
Aber wie kann ich dann funktionieren? In dieser digitalen Welt?

 

                                 

                                  Der Neu-Mensch

Sein Spiegelbild widerte ihn an, und es war nicht der kahle Schädel, das runde, nichtssagende Gesicht, die blassen blauen Augen, der breite Mund, es war nicht die augenscheinliche Hässlichkeit, sondern der ganze Mensch – bei diesem Wort hätte er sich anspucken können, denn das war es: Ob er überhaupt Mensch war. Wobei er sich nicht einmal sicher war, was ein Mensch ist. Jedenfalls wollte er kein Roboter sein, aber alles an ihm schien ihm roboterhaft. Vom Funktionieren seiner Organe bis zum Funktionieren des Gehirns schien er ganz ein Roboter zu sein, wenn man einmal von der organischen Substanz der Konstruktion absah. Aber wer garantierte ihm, dass Haut, Fleisch und Knochen etwas wesentlich anderes war als Kunststoff, Metall und Elektronik?
Wieso ihn diese Zweifel, diese ekelhaften Gedanken in der letzten Zeit befallen hatten, konnte er nicht sagen. Sie waren schleichend gekommen. Begonnen hatte es, als er darüber nachdachte, warum die Menschen früher Eltern hatten, einen Vater, eine Mutter, und dabei folgte ein Gedanke dem anderen und endete dort: Wieso er keine Eltern hatte? Keine Familie? Keine Verwandten? Wieso war er so allein?
Weil es der Fortschritt war. Weil die Geschichte über das biologische Zeugen längst hinweggegangen war, heute wurden Gene gemischt und eine Zeugung im Laboratorium sorgte für die großartige Gattung, die sich in Ermangelung eines anderen Wortes vorerst noch Neu-Mensch nannte.
Sollte einer ihn fragen, wo kommst du her, müsste er auf eine Fabrik zeigen. Und das war das Normale, allen Neu-Menschen müssen das.. Andererseits hätten auch Maschinen, Küchengeräte, Kleider und Lebensmittelkonserven das Recht, bei einer solchen Frage auf eine Fabrik zeigen.
Ihm missfiel das. Sein Ursprung musste ja nicht ein Vater und eine Mutter sein, das ist eine längst überholte Stufe der Entwicklung. Schön wäre es, könnte er auf einen Punkt im Universum weisen: dort, zwischen zwei blinkenden Signalen, sei er entstanden. Oder, noch besser, sein Zeugungsort wäre die virtuelle Welt und ein Geburtshelfer am Computer hätte seine Geburt in der Wirklichkeit überwacht.
Das entspräche seiner Vorstellung von seiner Erschaffung. „
„Ich bin ein Neu-Mensch“, dachte er, „hergestellt aus ausgewählten Genen, das ist mein Stolz und mein Halt, die geringste Ähnlichkeit mit einer Maschine finde ich herabwürdigend.“
Ja, er war ein Neu-Mensch, wie mittlerweile alle, gentechnisch erschaffen, ein ideales Erzeugnis. Und doch waren die „Besteller des Erzeugnisses“ mit ihm unzufrieden gewesen, die beiden Personen, ein Mann und eine Frau, die als „Entwickler des Ereugnisses“ die Pflicht zur Aufzucht eines Kindes zu übernehmen hatten. Schon nach wenigen Wochen entdeckten sie einen Mangel an dem Kind: es hatte Höhenangst. Als sie ihrem Freizeitvergnügen nachgingen und einen Wolkenkratzer erkletterten, mussten sie ihre Klettertour abbrechen: der Junge bekam einen derartigen Schreikrampf, dass er zu ersticken drohte.
Sie brachten ihn in die Produktion zurück, erhielten ein neues Kind und er kam auf die staatliche Entwicklungsfarm. Mit anderen retournierten Kindern lernte er alles, was zur späteren Existenz nötig war. Mit Berufsreife bekam er einen Posten bei der Zentrale für Infrastruktur, dort überwachte er die Trinkwasserversorgung der Stadt.
Eigentlich war das längst nicht mehr nötig, das konnte man längst von zu Hause aus tun, doch hatten die Wissenschaftler festgestellt, dass die Neu-Menschen dabei Eigenarten entwickelten, die krankhaft waren. Also gab es ein Gesetz, dass man mindestens zwei Stunden am Tag in der Gemeinschaft anderer aktiv sein musste.
So musste er täglich zur Zentrale kommen und sich in der Runde seiner Kollegen vor den Bildschirm zu setzen und nichts anderes zu tun, als Zahlen prüfen und zwischendurch mit den anderen Floskeln austauschen. Er hasste das, aber hassen ist nicht das richtige Wort. Solche dramatischen Gefühle waren in den Genen nicht angelegt.
Vielleicht funktioniert er nicht richtig? Ja, das war das Naheliegende.
„Am Ende bin ich bloß ein total verkorkster Roboter“, dachte er, „aber das kann nicht sein, sonst wären doch alle so.“
Eines Tages verschwand er. Niemand weiß, ob er überhaupt noch lebt.

 

 

Roboter oder Mensch

 

Wenn ich Gefühle erleben will, hole ich sie mir über den Brainer (Brain-Walker 2.1) beim Server Vita Univers. Ein elektronischer Livestream der Geschichte aus über 5000 Jahren, darin kann sich jeder ein Dasein zusammenstellen und sich mit Gefühlen und Empfindungen ausstatten, wie sie der Mensch seinerzeit hatte. Eine großartige Sache. Lässt keine Wünsche offen! (Slogan von Vita Univers).

Aber habe ich noch Wünsche? Ich stelle mir schon dumme Fragen: Lebe ich eigentlich? Bin ich eigentlich?

Und dann passierte kürzlich Folgendes: Ich beobachtete einen Roboter, der sich über einen Hund beugte. Es war eines von diesen künstlichen Tieren, die auf Zuruf und Gestreichel reagieren, putzige Spielroboter, nichts weiter. Dieser Roboterhund, eine Dackelart, hatte das rechte Hinterbein verloren und statt zu laufen oder zu springen, rutschte er auf dem Hinterteil, erhob sich dann mühsam, wackelte, schwankte ein paar Schritte, plumpste wieder auf sein Gesäß und versuchte jetzt, durch Rutschen vorwärtszukommen. Der Roboter hatte das verlorene Bein aufgehoben, beugte sich über den Dackel, und da sah ich, dass eine Flüssigkeit über sein fahlweißes Gesicht lief. Der Roboter weinte.

Ich dachte sofort: Nun haben sie den Robotern auch schon ein Tränenprogramm installiert.

Aber dann hob er sanft das Tier auf und ging davon, vermutlich in die Reparatur-abteilung, wobei er den Kopf über den Hund gesenkt hielt, als hauche er ihn mit seinem Atem an. Den er nicht hatte, versteht sich, er war ja ein Roboter.

Jedenfalls war es ein rührendes Bild, ähnlich den Madonnenbildern mit dem Knaben an der Brust aus dem 18. Jahrhundert.

Dieser Vorgang bewog mich, in vergilbten Büchern zu blättern, und dabei geriet ich in einen sonderbaren Sog. Ich vertiefte mich in die Geschichten von Familien, von Eltern, Kindern, Großeltern, Onkeln und Tanten.

Und ich spürte einen Wunsch, nein, es war mehr: ein Verlangen. Ich hätte gerne eine Familie, einen Stammbaum, eine Wurzel meines Ichs. Aber ich bin nicht von einer Frau und einem Mann gezeugt, ich bin geschaffen aus einer Zelle mit konstruierten Genen, ein Ergebnis aus Planung und Retorte.

Ich frage mich: Was ist eigentlich in den letzten Jahren geschehen?

Wurden aus Roboter Menschen?

Und wenn ja: Was bin ich? Vielleicht ein Roboter?

 

 

 

Gehirnleben

 

Und wieder einmal dachte er über sich nach, das war gefährlich, sollte man lieber nicht tun, es musste ein Genfehler an ihm sein, aber vorläufig wollte er nicht zu einem Arzt.

Und es war ja auch eine Art Lust, über sich nachzudenken, es konnte entzücken bis zur Raserei, bis zur Bewusstlosigkeit …

Also gut, wir haben den Höhepunkt der menschlichen Kommunikation erreicht! Du kannst treffen, was und wen du willst, kannst mit ihm reden, spielen, spazieren gehen, du kannst sogar mit ihm essen und schlafen, dafür hast du den Brainer, das großartige Ding am Schädel. Du kannst dich überall einloggen, in jede Szene, jedes Gespräch, jedes sexuelles Erlebnis.

Die ganze Welt im Kopf! Kostet nicht viel, einen Monatslohn etwa eines Durchschnittsarbeiters. Alles geschieht im Gehirn – war ja schon immer so, doch jetzt sind die Grenzen zwischen Einbildung und Wirklichkeit aufgehoben, das eine ist wie das andere, und doch, und doch..

Du bist einsam, gerade deswegen, na, schlimmer: du bist dir gar nicht mehr vorhanden. Du lebst wie eine Pfütze, die sich im Regen immer weiter ausbreitet, sie findet keine Grenzen, aber sie spürt sich nicht, sie ist formlos.

Ich bin eine Pfütze, dachte er. Eine blöde, lächerliche, wuchernde Pfütze..

Und dann dachte er, dass man ihm den Kopf abnehmen solle, und wenn das nicht geht, denn alles in dieser Welt dreht sich um den Kopf, genau genommen in ihm, so will  er selbst etwas tun:

Die Wirklichkeit im Kopf ist unreal, ein Gepixel von Elektronen, aber die Wirklichkeit, die er mit den Händen ertasten, mit der Nase riechen, mit den Lippen fühlen, mit der Zunge lecken kann, die will er sich erobern, vielleicht ist es auch bloß ein Zurückerobern.. Was seine Ahnen hatten, ist im Laufe des verdammten Fortschritts verloren gegangen, und mit leisem, heimlichen Entzücken montierte er den Brainer von seinem Schädel und ließ seine rechte Hand über den Rücken der linken gleiten, dann über das Gelenk, dort wo die Schlagader pulst, ein feines Kitzeln überraschte ihn, es verstärkte sich, als er mit den Fingerspitzen am Unterarm hinauf strich.

Von dort ging es dann unaufhaltsam über den ganzen Körper, er genoss seinen Körper, zum ersten Mal spürte er sich und wollte nicht mehr damit aufhören.

 

 

 

Langeweile Leben

 

Der Körper war ihm eine Last. Sogar messbar in Kilogramm. Aber schlimmer war, dass er sich darin eingegrenzt fühlte. Das ärgerte ihn. Als wäre der neue Mensch auf halbem Wege steckengeblieben. Ein paar Schritte weiter - und er wäre nur noch Geist. Keine Materie mehr, kein Körper - nur noch Gehirn mit elektronischen Verbindungen nach überall.

Ein Trauerspiel, dass die Menschheit noch nicht so weit war.

Und so langweilte er sich, das sogenannte Leben tropfte zäh dahin. Tot wollte er aber auch nicht sein.. Also was dann?.

Ja, die Langeweile war schlimm, sogar seine biologischen Artgenossen, die Menschen, langweilten ihn. Er wunderte sich, wie in früheren Zeiten die Menschen sich nur um sich selber kümmerten, wie sie sogar in Depression verfielen, wenn sie nicht ihresgleichen um sich hatten. Warum konnten sie nicht voneinander lassen? Waren sie so interessant? Interessanter als das Universum zum Beispiel? Lächerlich..

Und er dachte: Es muss das Wilde gewesen sein, das Ungezügelte, die Triebhaftigkeit, das war das Interessante, das Aufregenden an ihnen: Mord und Totschlag, Betrug und Streit, Hass und Sex, alles, was heute unmöglich geworden ist. Still und friedlich war die Welt geworden, ohne Schrecken und Aufregung. Kriege und Verbrechen waren abgeschafft. Und was gab es dafür sozusagen als Ersatz? Langeweile.

Er selber fand sich übrigens auch langweilig. Wenn er in sich hineinblickte, sah er nichts. Jedenfalls nichts Aufregendes. Das lag daran, dass er noch nicht ganz Geist war. Und darum brauchte er die die virtuelle Welt. Wie alle anderen stürzte er sich in seiner Freizeit in die Traumwelt. Dort gab es das Leben nach Wunsch, Abenteuer nach Wunsch, Gefühle und Genüsse nach Wunsch. Und ohne dass sich ein Körper dazwischen stellte wie ein Filter.

Am liebsten sog er den Weltraum in sich hinein. In der schwarzen Leere kamen Sterne auf ihn zu, sein Blick wurde schwer, und nach einiger Zeit war er gesättigt, ihm fielen die Augen zu, er schlief ein. Im Universum schlief er ein! Bei dem Gedanken schüttelte er sich halb fröstelnd, halb gekitzelt. Spätestens durch das automatische Abschalten wurde er geweckt. Die gebuchte Zeit war abgelaufen, er erwachte in seiner Polsternische, und tat seinen Dienst, um sich neues Geld für seine Reisen im Weltall zu verschaffen..

 

 

 

 

 Cyberlife

 

Die Wirklichkeit, dachte er, ist nur etwas Äußerliches. Sie ist eine Wand und dahinter quält sich etwas, das viel größer, viel bedeutender ist, aber niemand sieht es. Aber es will doch gesehen werden, es will erfasst werden, es will anerkannt sein!

Das waren seine Gedanken, die ihn immer wieder beschäftigten.

Als er zum ersten Mal den Brainwalker aufsetzte und sich in das Cyberlife einloggte, erlebte er eine Erschütterung. Alles im Cyberlife kam ihm so vertraut vor, dass er sich hätte niederknien und den Cyberboden hätte küssen mögen. Er war überzeugt, schon früher hier gelebt zu haben, vor seiner Geburt.

Sofort buchte er ein unbefristetes Abonnement.

So oft er konnte, nutzte er den Brainwalker. Elektronische Signale fluteten von einem Großcomputer in sein Gehirn und weiteten ihn über die Grenzen seiner Existenz hinaus. Nachts behielt er ihn an und bestellte sich Träume. Anders als die Schlafträume in der Wirklichkeit, denen er ausgeliefert war, lenkte er diese von einem Entzücken zum andern. Natürlich musste er sie zeitlich begrenzen, es war eine Frage des Geldes, denn die Cyberträume waren besonders teuer, aber auch die Gesundheit erforderte es. Schließlich hatte er einen Körper, und der brauchte seinen Schlaf.

Aus diesem und ähnlichen Gründen begann er seinen Körper kritisch zu betrachten, schließlich lehnte er sich gegen ihn auf. Er war, so sah er es jetzt, der Untertan seines Körpers. Dieser zwang ihn zu Handlungen, die nur für den Körper von Nutzen waren. Es war demütigend. Er war doch viel größer, viel bedeutender, viel wertvoller als dieses Bündel aus Fleisch und Knochen. Er war wie die Musik in einem Klavier, in einer Geige. Wenn er doch endlich aus seinem Instrument heraus könnte!

Es war etwas Wildes in der Art, wie er sich dem Cyberlife hingab. Wie einer, der den ganzen Tag in der Sonne geht, sich abends in einen See stürzt und mit Wollust plötzlich seinen Körper nicht mehr spürt, sondern nur Kühle und die schmeichelnde, sinnlich erregende Kraft die Wassers.

Zwar hatte er auch im Cyberlife einen Körper, aber diesen spürte er nicht. Bedauerlich nur, dass alle, die ihm dort begegneten, ihn nur als Körper sahen. Doch eines Tages wird dieser nicht mehr nötig sein. Und vielleicht wird er dann das Cyberlife nicht mehr verlassen müssen, weil ihn sein materieller Körper dazu zwingt. Als reiner Geist wird er leben im Reich der Elektronen, allmächtig und ewig: wie ein allmächtiges Wesen. Das nannte man früher „Gott“.

 

 

 

Sex

 

Mit der Entdeckung, dass sich im menschlichen Gehirn die elektronische Zentrale der Emotionen, Empfindungen und Lustgefühle befindet, begann die totale Umwälzung des Lebens - und der Weg der Menschen von der Realität in die Virtualität. Die Wirtschaft nutzte sofort ihre Chance. Durch elektronische Kontakte im Gehirn des Konsumenten war sie bald in der Lage, fast jeden seiner Wünsche zu erfüllen - gegen Bezahlung natürlich. So waren auch alle Spielarten der Sexualität abrufbar. Dieser Sex war bequemer, unabhängig vom Mitwirken eines Partnes und daher immer perfekt, dazu war er jederzeit und überall zu haben.

Seltsam, dass es Menschen gab, die so etwas ablehnten. In eine Welt vor hundert Jahren hatten sie sich zurückgezogen, in eine Art Naturkolonie. Sie lebten dort, wie es hieß, rein biologisch. Biomenschen eben. "Leben in einer Konserve" nenne ich es.

Eines Tages besuchte ich dort eine Frau. Mir war nicht an einer Befriedigung gelegen, mich reizte es, den Unterschied zwischen Natursex und dem elektronischen Sex zu erfahren.

Das Verhalten der Frau war interessant.

Ihre Augen glitten über meinen Körper, neugierig mit fast klinischem Interesse, was mich überraschte, denn ich hatte Triebhaftigkeit erwartet. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Stirn glänzte und ich dachte: Was geht dahinter vor? Überhaupt: was sieht mich jetzt an – denn jetzt sah sie mir in die Augen: war es das Sexualhormon, das mich prüfte? Plötzlich wurde ihr Blick ganz weich und sie begann sich leicht zu bewegen.

Später erinnerte ich mich immer wieder ihrer Augen. Sie schloss sie nicht. Und wenn ich mir auch sage, dass das Feuer in den Augen Feuer vom Sexualhormon angefacht wurde, so leuchteten sie doch und sahen mich an, währen die Augen der heutigen Menschen ein reines, aber kaltes Licht ausströmen und etwas sehen, was es in Wirklichkeit nicht gibt, denn längst hat sich die virtuelle Welt mit der realen vermischt. Die Frau in der Naturkolonie jedoch sah nur mich und nichts anderes. Und es war merkwürdig: Indem sie mich so ansah, spürte ich meine Existenz wie nie zuvor. Und das machte mich auf eine Weise glücklich, das ich die Begegnung am liebsten wiederholen würde. Aber ich weiß auch: ich würde nach ihr süchtig werden und vermutlich, nein, ganz sicher würde ich in die Naturkolonie übersiedeln wollen.

Aber was verlöre ich alles! Was immer wir uns heute wünschen, unser Wunsch wird erfüllt. Mit weißen Gesichtern sind wir in Polstern und Kissen versunken,  unsere Glieder regen sich manchmal, ohne dass wir es wissen. Wir sind vollkommen glücklich.

Ein alter Menschheitstraum hat sich erfüllt, nach tausenden von Jahren des Fortschritts haben wir das ersehnte Ziel erreicht. Wir leben in einem Paradies.

Aber nach dem Erlebnis mit der Biofrau habe ich manchmal das Empfinden, als sammelte sich abgenutztes Glück in mir, wie Asche, die mich zu ersticken droht.

Ich frage mich: Kann es sein, dass wir uns in dem Ziel geirrt haben? Vielleicht gibt es noch ein anderes, ein besseres? Ein Ziel, bei dem wir Biomenschen bleiben und trotzdem allmächtig sind? Konkret gesprochen: könnten wir nicht auch Wesen sein mit den Fähigkeiten eines Gottes und den Eigenschaften des Menschen - so wie die griechischen Götter der Antike?

Und wenn das so ist: Können wir noch umkehren und uns diesem Ziel zuwenden?

 

 

 

Ferien 2108

 

Schön konnte man das Gesicht des Alten nicht nennen, dafür war sein Kinn zu groß und schwer. Sein Lächeln hatte einen kleinen schmerzlichen Zug, der anrührend war, aber völlig unangebracht: der Alte hatte ein dickes Fell. Blassblaue Augen unter schweren Lidern, die sehr scharf blickten, wenn es darauf ankam. Wenn nicht, schien er zu schlafen. Er schlief aber nicht. Am liebsten saß er in seinem winzigen Zimmer, mit Blick auf den See, und schnitzte kleine Tierfiguren aus Wacholderholz.
Er sagte: „Das Harte wird weich, das Große klein und das Weiche wird Wasser und Luft und das Kleine verschwindet, wie auch Wasser und Luft verschwinden. Das ist der Gang des Lebens. Alles geht unter im Vergessen, im Nichts.“
"Das war einmal", widersprach ich. "Der große Speicher bewahrt alles auf. In meiner Welt existiert alles ewig.“
Meine Augen schmerzten. Vor einer Woche hatte ich die Stadt verlassen, man hatte mir gesagt, auf dem Land, in der Natur würde ich meine innere Unruhe verlieren. Aber das Gegenteil war der Fall. Mehr und mehr fühlte ich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Seit gestern wusste ich es. Mir fehlte die virtuelle Welt. Dort herrscht Ordnung. Hier dagegen war eine Überfülle von Dingen. Bäume, Pflanzen, Himmel, Wege, Wasser, Sand, Steine, Gras.. Und wie viele Sorten... Kein Halm glich dem andern. Und nichts konnte ich zurückdrängen oder in einem Archiv ablegen. Es drängte sich mir auf und ich musste wegsehen, um es nicht mehr zu sehen.
Jetzt wurde mir auch noch schwindlig. Ich setzte meine Sonnenbrille auf.
„Wenn es dir zu viel wird, schau dir nur eine einzige Sache an. Hier, sieh mal das Holz.. Eine sehr schöne Maserung..“, sagte der Alte.
Die Sonne stand niedrig überm Horizont, das Licht vom Fenster traf ihn frontal. In seinem Gesicht waren die Altersflecken deutlich zu sehen, trotz der gebräunten Haut. Der Mann war alt, sein Tod war nicht mehr weit. Und ich dachte: Er flog nie durch den Weltraum, niemals stand er in der virtuellen Welt neben Cäsar, als er ermordet wurde (Übrigens entdeckte ich dabei, wie schon der erste Stich sein Herz traf und daher tödlich war. Ich machte Cäsar darauf aufmerksam und sagte: „Sie sind doch schon tot!“ Worauf Cäsar Brutus anfuhr und schimpfte: „Hast du gehört? Warum stichst du dann noch weiter?“ Die Szene wurde vom Systemadministrator sofort abgeändert. Der erste Stich trifft jetzt Cäsars linke Schulter), und nie konnte er unter den schönsten Frauen aus allen Zeiten wählen. Seit Geburt in seinem Körper hausend, ging es jetzt mit seinem Körper zu Ende. Ja, vor sich hatte er Fäulnis und sonst nichts, doch wie er da saß, die leicht zusammengekniffenen Augen, die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt - was machte ihn so gelassen? Und was war an ihm, dass ich ihn immerzu ansehen musste?
Er war ein Sklave der Zeit und der Vergänglichkeit, aber das schien ihm sogar zu gefallen. Ich war unsterblich und unzufrieden. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, auch ich sei versklavt  – aber auf eine viel grausamere Art.
Zwei Stunden später war ich wieder in der Stadt und ging sofort in die virtuelle Welt.

 

 

 

Der Archiv-Clip

 

Als vor 12 Jahren das künstliche Gedächtnis der Archiv-Clip eingeführt wurde, hieß die Werbung: „Vergessen Sie Ihr Gedächtnis! Der Archiv-Clip ist besser! Speichergröße unbegrenzt! Entlasten Sie Ihr Gehirn von von unnötigem Ballast!“

Die Einführung des Archiv-Clips war in der Tat eine große Erleichterung. Jetzt konnte man ohne Furcht stundenlang in der Traumwelt surfen, eine Flut von Bildern und Szenen in sich hineinziehen, ohne einen Zusammenbruch des Gedächtnisses befürchten zu müssen.

Und endlich durften die Menschen vergessen! Es war geradezu ein Vergnügen, alles zu vergessen. Wer sich jetzt an etwas erinnern wollte oder musste, konnte es jederzeit in der Archivdatei aufrufen.

Das verschaffte den Menschen sogar einen weiteren Vorteil:

Da das menschliche Gedächtnis schrumpfte, machte es Platz im Gehirn für etwas anderes. Das konnte man selber bestimmen. Man konnte zusätzliche Intelligenz wählen, beispielsweise.. Wurde aber selten verlangt. Im Allgemeinen besetzte man diesen Platz mit einer speziellen Eigenschaft: Besseres und ausdauernderes Surfen in der Traumwelt zum Beispiel.

Es gab einen Haken. Ohne Archiv-Clip war man ja total vergesslich. So konnte man dann auch vergessen, den Archiv-Clip aufzusetzen. Dagegen erfand die Industrie sofort ein neues Instrument: Den Ohrpieper. Wie ein Vogel zwitscherte er los, wenn der Archiv-Clip länger als eine Stunde nicht an seinem Platz war.

Natürlich konnte man den Ohrpieper ausschalten, man wollte ja auch mal schlafen, aber damit stellte sich ein neues Problem: Wie erinnere ich mich an den Archiv-Clip, wenn der Archiv-Clip-Erinnerer ausgeschaltet ist?

Wie es heißt, arbeiten unsere Wissenschaftler schon daran.