Waldweg in Småland
Waldweg in Småland

Ferien in Schweden

Dieter Lenz

 

                                       Die Odinquell

 

Er war ein alter Bootsbauer und hauste am Dorfrand in einer Hütte inmitten von Fichten und Kiefern. Als einziger im Dorf hatte er die Elektrifizierung abgelehnt, und so sah man nachts im Küchenfenster das Licht einer Petroleumlampe, und jeden Morgen schallte das Klappern seines Blecheimers, wenn er aus seinem Ziehbrunnen das Wasser holte.

Es hieß, Odins Grab befände sich auf seinem Grundstück. Und tatsächlich, das Grundstück war von Feldsteinen so umgrenzt, dass es den Umriss eines langen Schiffes ergab. Die Hütte befand sich im Bug des Schiffes, das nach Osten wies, wo die schneeweiße Dorfkirche zu sehen war. Saß der Alte auf der Steintreppe, die von der Sandstraße hinauf zu seiner Hütte führte - und das tat er fast jeden Tag - so war sein Blick finster auf die Dorfkirche gerichtet. Wahrscheinlich war es der Groll eines alten Wikingers, der die Niederlage seines Gottes im Kampf gegen die Kreuzträger nicht akzeptieren konnte, aber vielleicht gehörte das grimmige Gesicht auch zu seinem Job, denn schließlich, so sagte man, war er der Hüter von Odins Grab.

Ich hielt das für einen Witz, und so fragte ich ihn, als ich auf dem Weg zum Dorfhändler war und er, auf einer Steinstufen sitzend, seine in Reusen gefangenen Fische schuppte, wo denn das Grab des Wikingergottes sei. Ich erwartete eine grimmige Bemerkung, aber er zeigte wortlos mit dem Messer hinter sich auf einen Fliederbusch. Die Zweige beiseite drückend, erkannte ich im Halbdunkel einen kniehohen grauen Findling. Also doch ein Witz, dachte ich, aber weil die Gelegenheit günstig war, fragte ich ihn nach einer weiteren Sehenswürdigkeit des Dorfes: nach der Odinquelle.

Ich hatte sie kürzlich besucht, sie war genau so unscheinbar wie Odins Grab: mehr ein aus Sumpfboden sickerndes Wässerchen als eine Quelle.

Während der Alte eine Plötze nach der anderen aus dem Blecheimer holte und sie so bearbeitete, dass die silbernen Schuppen nach allen Seiten spritzten, erzählte er mir mit brummiger Stimme folgende Geschichte:

Einmal wanderte Odin in Gestalt eines Bootsbauers durchs Land, er kam auch hier ins Dorf und verliebte sich in ein schönes Bauernmädchen. Einen Sommer und einen Winter lang lebten sie zusammen. Als es Frühling wurde, sagte er, er hätte einen größeren Auftrag am Vänernsee, erst im Spätsommer käme er wieder zurück. Und um seine Sehnsucht zu lindern, legte er beim Abschied eines seiner Augen aufs Fensterbrett, damit er seine Geliebte immer sehen konnte.

Die Wochen gingen dahin, ein Tag war wie der andere, das Auge sah dem Mädchen bei all seinen Tätigkeiten im Hause zu. Dann kam der Mittsommerabend und da stülpte das Mädchen eine Porzellanschüssel über das Auge. Zwei Tage blieb es verhüllt, am dritten Tag nahm sie die Schüssel ab, und da sah sie, wie das Auge weinte. Mit einem Tuch trocknete sie es, aber die Tränen hörten nicht auf. Der Schmied, mit dem sie beide Tage zusammen gewesen war, riet ihr, das Auge im Wald zu vergraben, und das tat sie auch und zwar an der Stelle, wo sich heute die Odinquelle befindet.

Nun wusste ich längst, dass Odin auf ganz andere Weise sein Auge verloren hatte, und so fragte ich spöttisch: „Wieso kam Odin nicht zurück und holte sich sein Auge? Der arme Kerl war doch jetzt einäugig.“

Da blickte mich der Alte an, als zweifele er an meinem Verstand und knurrte: „Wär’s denn besser gewesen, er wäre mit Tränen im Gesicht herumgelaufen?“

Und da wurde mir klar, dass er mir seine Geschichte erzählt hatte.

 

 

Alter hat Zukunft

 

Alter hat Zukunft, seit einiger Zeit weiß ich es. Seit ich hier bin, fühle mich fit wie seit langem nicht, ich glaube sogar, ich habe einen federnden Schritt. Und meine Jeans, die ich vor 20 Jahren trug, sitzen wieder. Das alles machten sechs Wochen Leben in einer Hütte in Schweden, ohne Komfort und ohne Auto.

Also: keine Angst vor dem Altern!

Aber es kam noch besser. 

Obwohl ich mit meinem schwedischen Nachbarn selten mehr Worte als über das Wetter wechsele, verstehen wir uns gut. Sein Haus steht auf einer Anhöhe etwa zweihundert Meter von hier, dort wohnt er mit seiner Frau, beide sind Rentner, er ist 81 Jahre alt, seine Frau knapp 70. Sein „Hej“ ist munter und sein Blick so offen und entgegen kommend, als wollte er mir mitteilen, dass er jederzeit bereit sei, mit mir zum Mond zu fliegen oder sonst etwas Verrücktes zu tun, falls ich es wünsche. Er ist klein, mager und seine Bewegungen sind ruhig und gleichmäßig wie bei einem Uhrwerk. Beim Vorbeiradeln sehe ich ihn immer mit irgendwas auf seinem Grundstück beschäftigt.

Vor ein paar Tagen brach der Sturm eine Kiefer nah bei meiner Hütte. Der lange Teil mit der Krone landete auf dem Gummi ummantelten Stromkabel, von dem auch meine Hütte den Strom bezieht. Statt dass es wie technisch vorgesehen zu Boden fiel, blieb es an den Masten hängen, so dass der Baum schwer darin lag und das Kabel nach unten zog. Ich fürchtete, es könnte bei jeder Bewegung reißen und ging deswegen zum Nachbarn. Der hörte sich meine holprige Rede schweigend an, nickte, ging zum Schuppen, holte sich die Kettensäge und fünf Minuten später sah ich, wie er die Motorsäge über seinen Kopf hob und den Stamm erst von unten nach oben und dann von oben nach unten zerteilte. Er machte zwei Schritte zurück und mit einem Knacks stürzten die beiden Stammteile zu Boden und das Kabel schnellte nach oben. Wir sahen zu, bis es sich ausgeschwungen und seine alte Lage zwischen den Masten zurückgefunden hatte, dann lächelte der Alte mich an und marschierte zurück zu seinem Haus, ohne meinen Dank abzuwarten..

Ich blickte ihm nach, wie er durch das Heidelbeerkraut stapfte, hier und dort  Fichtenzweigen ausweichend. So soll es sein, dachte ich, wenn man 80 ist, und so kann es sein. Natürlich. Aber wie schafft man das?

Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, mir eine Motorsäge anzuschaffen und den Rest meines Lebens in der Hütte zu verbringen, um auf immer jung zu bleiben.

 

Smålandisches Haus mit Apfelbaum im Frühling
Smålandisches Haus mit Apfelbaum im Frühling

Kaffedags in Småland

Das Hauptgetränk der Småländer ist der Kaffee. Man trinkt ihn immer zu einer bestimmten Zeit. Sie beginnt in dem Moment, wenn jemand „Kaffedags!“ ruft. Bei diesem Ruf lässt man alles stehen und liegen und eilt zum Kaffeetisch, das kann jede Art von Tisch sein, vom Baumstumpf bis zur königlichen Tafel im Stockholmer Schloss, Hauptsache, eine Kanne Kaffee, Tassen und Kuchenstücke befinden sich darauf.

Die Kaffeezeit dauert so lange, wie der Kaffee reicht, dann geht man wieder an die Arbeit und spitzt die Ohren, um die nächste Kaffeezeit nicht zu verpassen.
Selbstverständlich gibt es auch zu diesem Thema småländische Geschichten.
Einmal erzählte mir ein Bauer, er habe, als er sich beim Holzfällen den Daumen verletzte, in Ermangelung eines Wundpflasters den Daumen einfach in seinen Kaffee gesteckt. Danach war sein Daumen völlig geheilt. Jetzt habe er immer ein Fläschchen Kaffee im Erste-Hilfe-Kasten.
Und als während eines Kaffedags auf einem Hof ein Feuer ausbrach, hätte der Bauer als Erstes die Kaffeekanne gerettet. Seitdem galt er als kluger Kopf, denn die Kanne war noch halbvoll und sie konnten später das Kaffeetrinken fortsetzen.
Und für die Stärke des Kaffees hat der Småländer eine einfache Regel: Man muss ihn in Scheiben schneiden und aufs Brot legen können.

Aber das hat mir ein Stockholmer erzählt und denen ist eh nicht zu trauen.

 

                       

                                Mittsommer und Mückentanz

Mittsommer ist in Schweden die Zeit der Mücken. Der Höhepunkt ist kalendarisch festgelegt auf das Wochenende um den 21. Juni. Dann treffen sich die Schweden zum traditionellen Mückentanz.
Die Vorbereitungen gehen so:
1. Man pflücke Wiesenblumen, auch das Schneiden belaubter Zweige ist gestattet.
2. Man errichte ein Stangenkreuz.
3. Man hänge darüber das Gesammelte sowie bunte Bänder.
4. Man lasse einen Geigenspieler bis zum Reißen der Saiten Musik machen.
Und dann beginnt der Tanz:

Man nehme sich bei den Händen, bilde einen Kreis um das geschmückte Stangenkreuz und hüpfe singend um es herum. In gewissen Abständen beuge man sich nach vorn, laufe rasch ein paar Schritte auf das Kreuz zu und dann wieder in die Ausgangsposition zurück.

Der Sinn der Veranstaltung ist folgender:
Durch den Tanz wird die Luft derart in Bewegung gesetzt, dass ein Wirbel entsteht, in dem sämtliche Mücken der Umgebung mitgerissen werden. Sie geraten in Trance, vergessen, wozu sie eigentlich da sind, und beginnen, selber einen Tanz aufzuführen, den sie dann bis zum Herbst jeden Abend mit allen Zeichen der Entzückung wiederholen.
Es ist der jährlich wiederkehrende „Mückentanz“ und mit Recht können die Schweden von sich behaupten, ihn erfunden zu haben.
Ob die Theorie einer wissenschaftlichen Untersuchung standhält, weiß ich nicht. Aber dass die Mittsommerzeit auch die Zeit der Mücken ist, keine Frage. Doch statt mit den Mücken zu tanzen, wende ich einen altdeutschen Trick an: Sobald Mücken auftauchen (gewöhnlich am Abend), ziehe ich mich ins Haus zurück.
Ansonsten bin ich so oft und so lange wie möglich im Freien. Es gibt ein Naturschauspiel, das man nicht betrachten, sondern bei dem man mitspielen muss.
Der Tag beginnt früher, dauert länger. Die Sonne steigt höher, sie strahlt heißer. Ihr Licht wird heller, die Schatten schrumpfen, werden dunkler, samtschwarz. Für kurze Zeit funkelt in den Eichenkronen das grüne Gold Schwedens.
Die Landschaft hat die Melancholie abgelegt und zeigt ein Lächeln. Man lächelt zurück. Sogar die Bauern lächeln, wenn man sie grüßt. Und man steigt, nur mit einem Lächeln bekleidet, in das kalte Wasser eines Sees.
Und abends in der Hütte tippt ein junger Mann in die Schreibmaschine:
Es war Mittsommer. Sein erster Mittsommer. Das Licht am Tag war wie lautlose Musik für ihn - es beschwingte ihn. Im Wald, beim Entästen der Bäume, hörte er die Axtschläge wie einen Bassdrum-Sound. Dann kam die Nacht. Das Licht vom glühenden Horizont und dem kühlen Glanz des Mondes und der Sterne sammelte sich unter seinen Füßen, staute sich, bis er darauf gehen konnte: eine Handbreit über dem Boden...

Ha! Jetzt geht der Bursche besser ins Bett und versucht zu pennen...

 

 

 Schwedische Loreley

Das Ruder schlug am Ufer an.
Mittsommer war’s genau.
Ich war noch ein sehr junger Mann
und sie die schönste Frau.

Der Hügel lag im Sonnenlicht
mit Blaubeerkraut und Farn,
und oben Gras, so hoch und dicht...
Sie nahm mich bei dem Arm.

Ich sah zum See. Da war ein Boot.
Schau, wie das Segel blinkt!
Noch heut in jedem Abendrot
seh ich, wie es versinkt.

 

 

Aus: Mein Schatz, das haut dich um.
Verse auf der Kachelwand
Das Kleine Buch Bd.1

 

Mein Fahrrad, Schweden und ich

Mir ist es in Deutschland noch nie passiert, dass sich jemand um mich kümmerte, wenn ich bei einer Panne an meinem Fahrrad hantierte. In Schweden ist alles anders, was übrigens die Schweden selbst behaupten, wenn sie sagen: „Sverige är annorlunda." (Schweden ist anders.).
Kaum beuge ich mich über das Hinterrad, bremst ein Pkw und eine Stimme fragt: „Kann ich helfen?“
Manche kramen sogar eine Fußpumpe aus dem Wagen, denn ich habe nur eine Handpumpe.
Ich brauche eigentlich keine Hilfe, denn wie jeder sehen kann, weiß ich mit einer Handpumpe umzugehen. Sie ist nicht mehr die neuste, es zischt bei jedem Pumpstoß, aber nach etwa 5 Minuten ist der Reifen wieder prall.
In der Zwischenzeit findet eine Unterhaltung statt. Dabei erzähle ich immer wieder, dass der Reifen kein Loch hat, er ist in Ordnung, wahrscheinlich ein bisschen spröde, er hält knapp 15 km, ich pumpe ihn wieder auf und mache dann kehrt, um vor dem nächsten Platten rechtzeitig zuhause zu sein. Das Aufpumpen ist nämlich das Anstrengendste, das Radfahren selbst ist ein Klacks dagegen. Das gefällt den Schweden, dann lachen sie.
So viel Aufmerksamkeit und Freundlichkeit beeindruckt mich jedesmal. Ich bin davon ganz gerührt. Vor allem, weil fast jeder vor dem Weiterfahren mich einlädt, ihn zu besuchen, wenn ich mal in der Nähe bin.
Ich kenne keinen von ihnen. Aber alle scheinen mich zu kennen. Ich bin wohl eine Berühmtheit, dabei bin ich bloß ein deutscher Radfahrer mit einem undichten Hinterrad.
Jetzt hebe ich bei jedem Auto, das mir entgegen kommt, grüßend die Hand. Wer immer das Auto fährt, Mann oder Frau, antwortet lächelnd mit der gleichen Geste.

 

 

Bild: Armin Stübe
Bild: Armin Stübe

Schweden und Alkohol

Wir kannten uns seit vielen Jahren. Bei unserer ersten Begegnung war der Linksverkehr gerade auf den Rechtsverkehr umgestellt worden und es gab noch das „Braunbuch“ - benannt nach der Farbe seines Umschlages - das jeder Erwachsene besaß. Darin notierte die staatliche Verkaufsstelle die verkaufte Menge Branntwein. Bis zu 3 Liter durfte man im Monat kaufen. Die Rationierung hatte einen Grund. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trieben Armut und Hunger die Landbevölkerung in den Alkoholismus und viele tranken sich zu Tode. Eine starke Abstinenzbewegung drängte die Regierung zu einer „Alkoholpolitik" und seitdem überwacht sie den Alkoholkonsum, auch heute noch.
Es gibt eine Szene, in der mein schwedischer Freund diese Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfte.
Während eines Sommernachmittags war ich bei ihm zu Besuch. Er wohnte in einem kleinen Haus mit nur einem Zimmer, einer schmale Küche und einem winzigen Bad. Bei gutem Wetter zogen wir es vor, draußen im Freien an einem wackligen Gartentisch zu sitzen, und so taten wir es auch heute. Er müsse noch was erledigen, murmelte er und ging  davon. Er sagte nicht, wann er wieder kommen würde. Aber ich wusste, er kehrt zurück und wird mir eine Geschichte erzählen, die es wert ist, auf ihn gewartet zu haben.
Ich saß also da, ein Nichtstuer im Urlaub, bewegungsfaul und gedankenlos, selbst meine Augen schienen zu erschlaffen. Es gab ja nichts Besonderes zu sehen. Da waren der blaue Himmel, die Sonne, verstreute Häuser, die Dorfstraße und der sandige Kuhweg am Zaun entlang hinauf zu dem bewaldeten Berg.
Nirgendwo Leben und ich ganz allein. Kein Laut, nur Stille. Wenn ich etwas hörte, dann nur so etwas wie ein Knistern des Lichtes, und wie bei einem langen Aufenthalt in der Wüste begann die Stille mich zu hypnotisieren. 
Dann kam es, nein, er kam: in der Straßenmitte gehend, als wäre sie sein Eigentum. Eine große dunkle Gestalt. Er bewegte sich in völliger Lautlosigkeit. Er wird zu mir kommen und weitergehen, durch den Zaun hinter mir, über den Sandweg, über die Kuhweide, die gelben Felder, er dringt ein in den Wald, bricht durch Gestrüpp, Fichtendickicht, wandert über Moore und Seen und Hügel hinweg, weiter, immer weiter. Dabei geht er mit einem feierlichen und zugleich behaglichen Schritt..
Als er neben mir am Gartentisch steht, hebt er bedeutungsvoll die Brauen und holt unter seinem Baumwollhemd, das über seine Jeans hängt, eine Flasche heraus.
Eine Flasche Rotwein. Gestohlen aus dem Haus seines Sohnes ganz in der Nähe.
„Zur Feier des Tages“, sagt er.
Und ich denke, fast melancholisch: „Wozu noch Wein? Ich hatte die Wirkung doch schon.“
Die Gläser hebend, sagen wir „Skål!“ und während wir trinken, ist mir, als hätte der Sommer in diesem Augenblick seinen Höhepunkt erreicht. Wind kommt vom Berg und stößt an meinen Nacken.

 

             
                                          Ein Schwedenurlaub

Mittsomemrzeit, und die Schatten bekommen Farbe. Tagsüber, wenn die Sonne vom Himmel brennt, scheinen sie an ihren Rändern etwas Grünes auszuschwitzen, nachts, bei gerötetem Himmel und silbernem Mond, überlaufen sie Wellen von Tiefblau über Türkis bis zu Weißgelb. Ist es die Mischung des Mondlichtes mit der Glut der am Horizont haftenden Sonne?
Wir sind die ersten Bewohner einer frisch fertiggestellten Blockhütte. Das Wasser holen wir aus dem Brunnen in der Mitte der Lichtung, das Plumpsklo ist am Waldrand umringt von  Himbeerbüschen, Licht bekommen wir durch Petroleumlampen und gekocht wird auf einem Herd, den wir mit Holz heizen.
Das alles ist für unsre Kleine so begeisternd, dass sie wie ein gerade flügge gewordenener Vogel umherschwirrt und zwitschernd alles untersucht.
Mein Freund Gunnar hat mir gleich bei der Ankunft versprochen, mir etwas Besodneres zu zeigen: die versteckten Dänengräber im Wald. Er ist in Småland geboren, groß mit breiten Schultern, um die 50, ein Wikinger, wäre da nicht seine sanfte Stimme und die wasserblauen Augen, von denen er das rechte zukneift, sobald sich der Schalk bei ihm meldet.
An einem Nachmittag kreuzt er bei uns auf. Wieso kommt er mit Axt und Säge und gibt mir die Axt, wobei er ein Auge zukneift? Und so marschieren wir beide los. Gut eine halbe Stunde später sind wir bei den Dänbengräbern. Etwa zehn langgestrecket Hügel unter hohen Eichen, zwischen den Gräbern und auf ihnen wächst Gestrüpp, sogar mannshohe Birkbn haben sich breit gemacht.
„An die Arbeit!“ sagt der Wikinger. „Wenn nichts getan wird, wächst hier alles zu. Eine Schande ist das. Also los, du gamla Indian!“
Damit meint er mich, aber ich finde, ein Indianer würde bestimmt alles andere tun statt kleinwüchsige Bäume umzulegen und Grünzeug aus der Erde zu reißen.
300 Jahre alt sollen die Gräber sein, in jedem liegen bis zu fünf getötete Dänen. (Seinerzeit hielten die Dänen Schonen und den südlichen Teil Smålands besetzt, wogegen sich die Småländer mit Überfällen wehrten.)
Es ist ein sonniger Tag, im Eichengewöbe drehen sich goldglänzende Lichttrauben. Vom nahen See rieselt Wind durch das Walddickicht.
Plötzlich legt sich Gunnar rücklings auf ein Grab, schließt die Augen und murmelt: „Was für ein schöner Platz, wenn wir einmal tot sind.“
Innerhalb von zwei Minuten ist er eingeschlafen.
Möglicherweise denken die Dänen darüber anders. Während ich hacke und zerre, versuche ich mir den Guerillakrieg in diesen friedlichen Wäldern vorzustellen. Es gelingt mir nicht. Ich kenne die småländischen Bauern. Diese Einzelgänger als eine Truppe Krieger? Unmög1ich.
Vielleicht spielte sich die Schlacht so ab. Die Bauern trafen sich abends am Bolmen. Einer hielt eine kurze Rede. Um Mitternacht sollte der Angriff beginnen. Zuvor ging jeder noch mal kurz nach Haus, um nachzuprüfen, ob alle Feuer gelöscht, das Fleisch sicher versteckt und die Frauen gut gesichert waren.
Als Erster schritt Ohlsson zum Kampf. Mit vorgewölbtem Bauch brach er ins schlafende Dänenlager, als sei er allein das småländische Heer. Auf der anderen Seite kreischte Axelsson, er hatte einen Zweig ins Auge bekommen. Wütend drosch er mit der Faust um sich, bis er seinen Irrtum bemerkte, sich entschuldigte und den Dänen die Hand drückte. Einer nach dem andern ging in die Knie. Jetzt griff Eriksson ein. Er fäIlte eine Kiefer auf dem linken Flüge, sie krachte auf das Zelt des Dänenhauptmanns. Gerade setzte Eriksson zum Holzfällerschrei an, da warfen sich drei Dänen auf  ihn. Es wäre ihm schlecht ergangen, hätte Johansson, der nie in den Wald ging ohne seine Thermoskanne voll Kaffee, den heißen Kaffee den Dänen nicht ins Gesicht gegossen. Noch Jahre später bedauerte er die Verschwendung. Für die Dänen hätten eigentlich drei Tassen reichen müssen, meinte er. Nilsson, der eine Weile höflich abwartend vor dem Dänenlager stand, weil er sich nicht sicher war, ob er vielleicht störe, entschied die Schlacht dadurch, dass er einen entsetzlichen Fluch ausstieß. In der Annahme, der schwedische Oberbefehlshaber habe jetzt den Befehl zum Großangriff gegeben, f1üchteten die Dänen halsüberkopf in den Wa1d, nach Schonen, versteht sich.
Einzeln, wie sie sich geschlagen hatten, zogen die Bauern wieder heim.

Am nächsten Morgen bestellten sie ihre Felder mit der gewohnten Gelassenheit. Nur Nilsson war noch verärgert. Die Dänen hatten in seinem Wald campiert. Deswegen hatte er auch geflucht.
Auf der Wiese vor unserer Hütte beginnen Butterblumen zu blühen, ein kniehoch schwebender Schaum. Ich mache Fotos von Frau und Kind, die Blumen pfIücken. Später werden auf dem
Farbfoto nur die Gesichter zu sehen sein, umwogt von einem gelben Meer, so dass sie selbst zu den eigentlichen Blumen werden.
Alle Tage am See. Müde und zufrieden trotten wir über Waldwege heim.
Kaum in der Hütte, ziehe ich die Socken aus, Sand fällt heraus. Ein Haiku leuchtet auf:
                                  Abends, die Strümpfe voll Sand.
                                  Fern rauscht der Strand:
                                 "Tjuv! Tjuv!"

(„Tjuv“ ist das schwedische Wort für „Dieb“ und wird so ausgesprochen: „tschüüv“.)

 
Wie jeden Abend um halb zehn streicht mit schwarzem Flügelschlag eine Waldschnepfe über die Lichtung, ihr Arararar ausstoßend, das überraschend mit einem Schweinequieken endet.
Frau und Tochter schlafen schon, ich wecke sie. Knacken im Gebüsch. Wir leuchten mit der Taschenlampe. Vier gleißende Schlitze im Dunkel. Elchaugen. Auf- und abschwenkend wie Lichtzeichen, uns unverständ1ich, aber sicher voll tiefer Bedeutung.
Am vorletzten Tag führt uns Gunnar zu einem befreundeten Jungbauern. Der zeigt uns seine Bienenvölker, das biologisch gedüngte Haferfeld („Zu viel Unkraut“, murmelt Gunnar) und serviert uns Kaffee mit schnell aufgetautem Brot aus der Tiefkühltruhe. Kleine Eissplitter platzen am Gaumen. Dazu selbstgeschlagene Butter und ungesüßten Pflaumensaft. „Führt fantastisch ab“, nickt Gunnar gewichtig. Er sollte recht behalten.
Dann der letzte Abend. Vogel Erde senkt seine Schwingen zum Schrägflug. Ich lieg auf seinem Gefieder, klammer mich fest, und sehe noch einmal von weit oben, wie Gunnar durchs Haferfeld geht.

                                   Er drückte sich die Kletten
                                   auf die linke Schulter.
                                   Und so trug er seltne Samen
                                   auf dem Wollhemd mit nach Haus.

                                  Daraus wachsen später Pflanzen,
                                  deren höllischer Geruch
                                  Ratten von dem Feld verjagen.
                                  Und so war dies gut getan.

                                 Saßen wir dann müd beim Essen,
                                 die Gesichter heiß vom Wind
                                 (Abendrot im Norden stand),
                                 trieben wir schon auf der Flut

                                 fliederblauer Nächte, holten leise
                                 unsern Atem feucht vom See,
                                 voll von Fichtennadeln.
                                 Er doch grub die Samen ein.

Abschied. Zahlreiches Händeschütteln. Rein ins Auto. Unter uns rollt Schweden davon.
In der Stadt zählen wir die Erinnerungen. Jeden Abend werden es mehr.

Und was zählt das kleine Dorf O. in Schweden?
Es zählt die Tage, bis wir wieder da sind.

 

                                    

                                       Mittsommer im Wald

Was ist es, was mich so fesselt am Wald? Es muss mehr daran sein als die Stille, diese Abgeschiedenheit von Hektik und Lärm. Ein Wald ist ja voller Leben, man kann es überall sehen. Also, was ist es?
Ich denke, es ist eine Art Heimat, eine Rückkehr an die Quelle des Lebens. Dort fließen Traum und Wirklichkeit ineinander wie zu Lebensanfang. Schon wenige Minutern nach Beginn einer Waldwanderung fällt alle Spannung von mir ab und was ich sehe, wird zum Teil eines Traumes, vielleicht schon selber Traum.

Umgekehrt kann ich mich mit geschlossenen Augen (wie jetzt) durch einen Wald gehen sehen -  schwebend, körperlos - und ich empfinde ihn wie wirklich, mit einer Änderung: alles ist so leicht, so federleicht, und das Leben ist ohne die Schwere und Eingeschränktheit des Körpers.
Ich kann verstehen, dass Menschen in Träume flüchten und dort verweilen und seit meiner ersten Mittsommerzeit hüte ich mich, sie als Kranke oder Irre zu bezeichnen. Wie leicht lösen wir uns vom Boden, wie leicht reißen wir uns vom Baum, es genügt ein Stoß, die Zeit von einem Tag und eine Nacht, in der ein sanftes Licht uns nicht schlafen lässt, und wir fliegen davon.

 

 

Ein Ferienabenteuer in Schweden

Der schwedische Rundfunk berichtet:
Pilze sammeln sei nicht schwer,
doch habe man Deutsche gesichtet,
die pflückten Pilze mit dem Gewehr.

Wir waren‘s nicht, ich schwör es, nein.
Obgleich wir Waldpilze aßen.
Kurz nach dem Essen fiel uns was ein.
Sogleich wir ein Pilzbuch lasen.

Die Fichten standen düster still
und alles schien zu lauschen.
Uns keine Mücke stechen will!
Wer will schon an Gift sich berauschen?

Dem Nachbarn gaben wir Bescheid:
wenn wir die Lampe schwenken,
dann wird es allerhöchste Zeit,
an einen Arzt zu denken.

Wir huschten zart an uns vorbei,
wir sprachen lang und tapfer
vom Wetter, von Deutschland, ja, wir zwei
warn prächtige Unsinnverzapfer.

Und dann... O Gott! Das Kind! Wie blass!
Ihm zittern schon die Hände!
Doch warn bloß seine Hosen nass.
Und wir mit den Nerven am Ende.

Am Tag darauf... Ein Bauer spricht
(hab ich ihn richtig verstanden?):
„Man kocht ein gutes Pilzgericht
auch nur den reichen Erbtanten.“

 

(Aus "Mein Schatz, das haut dich um")