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Heimkehr in Schweden

von Dieter Lenz 

4. Auflage 140 S., 11,5 x 18 cm, 8,80

 

In seinem Testament verlangt ein deutscher Auswanderer von den Erben seines schwedischen Hauses - seinen Söhnen - , in diesem Haus sein Tagebuch zu lesen, wenn sie es bekommen wollen. Sein ältester Sohn erfüllt die Bedingung. Beim Lesen der Texte stößt er auf ein schockierendes Geheimnis seines Vaters, das ihn und auch die junge Schwedin betrifft, in die er sich verliebt hat.

 

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Waldweg in Småland
Waldweg in Småland

Ferien in Schweden (Småland)

Dieter Lenz

Besuch in einer Ferienhütte

 

Am Nachmittag kam der Besuch.
Wir baten ihn aufs Badetuch.

Warum wir keinen Kaffee kochten?
Ob wir das Wasser denn nicht mochten?

Wir sollten ihm das Pulver geben,
das andre gäb er uns mit Segen.

Dann aber trank er nicht, o nein.
Er spuckte nur mal kurz hinein.
 

Und tunkte seinen Rauschebart
in meinen Tabak. Das war hart.

 
Darauf schrie meine Frau entsetzt.
Er hatte sich ins Mehl gesetzt.

Beleidigt tat er dann in Pfützen
auf Stuhl und Tisch herumzusitzen.
 

Es gab nicht einen trocknen Lappen!

Und ich fing an, leicht einzuschnappen.
 

Du blöder Kerl, was willst du hier?
Das sagte ich doch nur zu mir.

 

Er lud uns ein zum Spiel mit Karten.
Lang mussten wir aufs Geben warten.

Die Schuld gab er den Dingern:

die klebten an den Fingern.

Und später fiel er - gar nicht nett -
zu meiner Frau und mir ins Bett.

Die Lage war zwar ziemlich peinlich,
doch immerhin: Er war ja reinlich.

Am Morgen schlief ich endlich ein.
Ich träumt', ein Hund, der hob sein Bein.

Und als die Sonne kam, da ging er,
erfrischt und - wie mir schien - auch jünger.


„Ich werd gebraucht“, sprach er. Von wegen!

 Ich brauch dich nicht, verdammter Regen.

 

 

 

Der Wald

 

Einmal spazierten wir im Wald. Er erteilte mir eine Lektion in Naturkunde, zeigte mir die verschiedenen Blumen und Bäume, nannte mir ihre Namen, oft auch noch den lateinischen.

Und dann sagte er: „Sprichst du mit der Linde vor deienr Hütte?“

„Nein“, sagte ich, „aber ich kann sie hören.“

Manchmal kann mich das Bäumerauschen wahnsinnig machen. Dann ist es wie Straßenverkehr. Aber gewöhnlich hör ich es gern. Es klingt wie Wasser, das durch die Bäume strömt. Oder wie ein Wasserfall. Manchmal träufelt es nur und dann ähnelt es den Schlaflauten der Wasserwellen am Seeufer. 

Herrscht aber Windstille, dann lassen die Bäume die Blätter hängen und das hat was von Traurigkeit.

Aber vor allem: alle Blätter machen das mit! Eine große Gemeinschaft. Ein Miteinanderleiden, ein Miteinanderlachen, ein Miteinanderleben..

"Genau", sagt er, "und jetzt stell dir vor, jedes Blatt wäre ein Mensch."

"Achja.. Und was ist der Baum?"

"Das Leben, Dumbum!"

"Aber warum ist dann bei uns nicht Frieden wie im Wald?" Ich kam in Fahrt. "Ja, ich weiß. Jeder will mehr haben als der andere, besser leben als der andere, mehr sein als der andere.. Natürlich, wir sind keine Blätter, Menschen sind intelligente Wesen. Aber was bringt es? Es ist doch ein- und dasselbe Leben, ob in schwarzer oder weißer Haut, ob im Fleisch des Reichen oder in den Knochen des Armen. Der Tod nistet im Bauch der Satten wie in den Augen der Hungernden."

Er war stehen geblieben und sah mich groß an. Dann kniff er ein Auge zu, stieß den Finger gegen meine Brust und sagte: „Du bist ein Kommunist..“

 

 

 

Das erste Pilzgericht

Wir sammelten die Pilze ein.
die wir am Abend aßen.
Und kurz danach fiel uns was ein,
als wir ein Pilzbuch lasen.

Dem Bauern gaben wir Bescheid:
wenn wir die Lampe schwenken,
dann wird es allerhöchste Zeit,
an einen Arzt zu denken.

Wir huschten leis an uns vorbei,
wir sprachen lang und tapfer
vom Wetter und von allerlei:
perfekte Unsinnverzapfer.

Und dann... O Gott! Das Kind! Wie blass!
Ihm zittern schon die Hände!
Doch war bloß seine Hose nass.
Und wir mit den Nerven am Ende.

Am Tag darauf ein Bauer spricht
- Hab ich ihn recht verstanden? -:
„Man kocht sein erstes Pilzgericht
auch nur den reichen Erbtanten.“

 

 

                                  Ein Buddha in Schweden

Gleich am Tag nach meiner Ankunft – ich hatte mich gerade in der Ferienhütte eingerichtet – klopfte der bärtige Mann an die verglaste Eingangstür und trat ein, ohne auf meine Aufforderung zu warten. Er sagte „Hej“ und überreichte mir einen blank geschälten, wie eine Wünschelrute geformten Ast mit der in perfektem Deutsch geäußerten Bemerkung, damit könne ich nach Wasser oder Frauen suchen, aber da ja ein See in der Nähe war, sei das Wassersuchen wohl nicht nötig.
Wir wurden Freunde und jeden Sommer mietete ich dieselbe Ferienhütte und ließ mich von ihm die Wunder seiner kleinen Welt zeigen. Er fing umher schwirrende Bienenvölker ein und gab ihnen in seinen Bienenhäusern ein Zuhause, er veredelte Apfelbäume, zog in einem aus Abrissfenstern errichteten Treibhaus Tomaten und Weintrauben und ließ sich von Mücken stechen, um sich gegen sie immun zu machen.
In einer Mittsommernacht führte er mich zu einer Waldlichtung, wo ein Elch graste, den er, wie er sagte, seit Jahren kannte. Versteckt im Gebüsch, unterhielt er sich leise mit ihm, allerdings auf auf Småländisch, so dass ich kein Wort verstand. Eine ganze Weile ging das Gespräch, aber der Elch war nicht sehr redselig, er sagte immer nur: „Jaha... Jaso... Jaha... Jaso..“ so wie es die hiesigen Bauern taten, wenn sie vor ihren Kaffeetassen saßen.
Er behauptete auch, dass die Sonne für jeden Menschen mindestens einmal am Tag ganz allein scheine, er müsse nur aufpassen, damit er das auch mitbekomme. Er jedenfalls verpasste keinen Augenblick, das konnten jeder sehen. Egal wo er sich gerade befand, er stellte sich auf die Zehenspitzen, einmal sogar auf einem Dach beim Ziegelauswechseln, schwenkte die Arme, als wolle er davonfliegen und schrie: „Jaha, tack ska du ha, tack, tack!“ Dann sah er sich entzückt um und rief allen Menschen unseres Planeten zu: „Livet är härligt!“ (Das Leben ist herrlich.)
Das war übrigens der einzige Grund, warum seine Familie, die auf Sommergäste angewiesen war, Regentage mochte.
Und wo andere stritten, lachte er, wo andere sich schlugen, spottete er.
Nur einmal sah ich ihn zornig. Auf dem Nachbarfeld näherte sich seinem  Gemüsegarten ein Trecker und versprühte Unkrautvernichtungsmittel. Er lief hinüber, schrie den Fahrer an, er solle verschwinden, er vergifte das Gemüse. Als der widersprach, sprang er auf den Trecker, um den Fahrer vom Bock reißen, worauf dieser abdrehte ab und nicht wiederkam.
So einer musste in Schweden, dem Land der Gleichen, unangenehm auffallen. Und das war auch so: Die Toleranten nannten ihn ein Original, die anderen einen, der eine Behandlung nötig hätte.
Und dann geriet mir ein Buch über den Buddhismus in die Hände und mir wurde beim Lesen klar:  mein Freund war ein Meister des Buddhismus. Ein Buddha. 
Er ist schon seit ein paar Jahren tot, ich wohne in einer Kleinstadt nahe Berlin. Ich habe von meinem Fenster einen Blick auf ein paar krumm gewachsene Kiefern, ich sehe gerade, wie die Sonne die Stämme kupfern leuchten lässt – und höre eine Stimme: „Das Leben ist herrlich!“
Dann ist es auch schon vorbei. Aber für einen Augenblick war das Leben ganz allein bei mir.

 

 

                                   

                                 Veraltet und verdummt...
 
Es war sein 30. Geburtstag, ein runder Geburtstag, und so waren auch die Geschenke reichlicher als sonst. Auf dem Geschenktisch entdeckte ich einen ungeöffneten Karton. Dem aufgedruckten Fachchinesisch entnahm ich, es handele sich um ein Computerspiel „Fische angeln“. Als ich den jungen Mann fragte, ob er schon in dem Alter sei, dass er lieber Zuhause am Computer angle als im See, lachte er. In Wirklichkeit war es ein Gerät zur Ortung von Fischschwärmen. Mit einem Ultraschall an Bord des Bootes spürte man die Fische auf, sie erschienen auf dem Monitor und man konnte die Angel mitten in den Schwarm auswerfen.
Darauf führte er mir ein weiteres Geschenk vor, dazu mussten wir nach draußen gehen. Es war ein Gerät in Postkartengröße, mit dessen Hilfe Satelliten anzeigen, wo genau auf der Erde man sich gerade befindet.
Ich war bestürzt. Irgendwas war in den letzten Jahren geschehen, von dem ich nichts mitbekommen hatte.
Ich sah mich um. Aber da war noch immer derselbe See war, umringt von denselben Wäldern, und es war derselben Himmel mit den gleichen Wolken wie vor zwanzig Jahren.
Damals hatte ich mich hier verlaufen. Nur ein kurzer Spaziergang in den Wald, aber  ich war vom Weg abgekommen und irrte plötzlich zwischen Stämmen und Gebüsch umher, kämpfte mich durch Lichtungen und sumpfiges Gelände. Aus alten Geschichten wusste, wie in diesem Wald Menschen verschwunden waren und trotz Suchtrupps nicht mehr gefunden wurden. Bevor mich die Panik packte, erinnerte ich mich an den Stand der Sonne, als ich den Wal betreten hatte. Ich war östlich hinein gegangen, also musste ich westlich wieder herauskommen. Und so ging ich sozusagen der Sonne westlich voraus und tatsächlich: auf einmal  öffnete sich das Fichtendickicht und dort war der See, dort das Haus, das ich vor vier Stunden verlassen hatte. Die Sonne als Wegweiser hatte mich gerettet.
Und was jetzt? Das GPS-Gerät hatte die Sonne abgeschafft. Das Modell des Himmels war veraltet.
Die Geburtstagsfeier bekam für mich einen melancholischen Ton. Mehr Abschiedsparty als Geburtstagsfeier. 
Das war in Schweden vor dreißig Jahren. Mittlerweile gibt es die intelligenten Dinge: das Handy ist intelligent geworden, das Auto, die Fabrik, das Haus. Rundherum nur Intelligenz und der Mensch mittendrin in bequemer Dummheit.
Ja, wenn es nur das wäre.
Der Computer beantwortet unsere Fragen und zeigt Lösungen für unsere Probleme und wir merken gar nicht, dass wir nicht mehr Herr der Lage sind, sondern die intelligenten Dinge um uns herum.
Das ist schönes Untertanentum, schöner als in Huxleys schölner, neuen Welt. Es ist die Einwilligung in die Diktatur der Dinge.
Es sei denn... Es sei denn... Wie es bei hochintelligenten Wesen oft geschieht – auf einmal bricht das System zusammen, weil es überlastet ist.
Burnout der Dinge.
Na, dann benutzen wir halt wieder unsere Hände und unsre Gehirne.
Wenn wir noch wissen, wie das geht.

 

 

                               

                                    Das kaputte Telefon

Das Telefon in meiner schwedischen Sommerhütte war kaputt. Und das in der Mittsommerzeit! Mein Nachbar alarmierte Telia, der Telia-Mann kam schon am nächsten Tag, klopfte abwechselnd am Hörer und hörte hinein. Dann ging er hinaus, zog die Aluminiumleiter vom Transporter, stellte sie an die Hütte und wenige Minuten später rief er vom Dach: „So! Du kannst mal deinen Freund anklingeln.“
Ich kenne jemanden im Dorf, Gunnar heißt er, der freut sich immer, wenn es bei ihm klingelt, auch wenn man sich nur nach dem Wetter bei ihm erkundigt. Ich klingel ihn also an. Dann geh ich hinaus auf die Terrasse und rufe zum Dach hinauf: „Nee, du! Es ist Japan dran, glaub ich.“
„So. Ist dein Freund in Japan?“
„Nein, hier im Dorf..“
„Wieso rufst du dann Japan an?“
Mein Schwedisch ist nicht perfekt: „Ich glaube, weißt du.... Das Telefon ist in Japan. Nämlich.. Ich denke, das ist Japanisch.“
Der Mann rasselt routiniert die Leiter runter, nimmt den Hörer, drückt ein paar Tasten und unterhält sich mit jemandem. Er legt den Hörer zurück und sagt: „Alles in Ordnung...“ Dann blickt er mich scharf an.. „Vielleicht hast du Japan gewählt?“
„Nein“, sage ich, „das war hier im Dorf.. Wähl selbst!“
Er wählt Gunnars Nummer und ich höre, wie Gunnar am Apparat ist. Sofort unterhalten sie sich über das Wetter. Der Telia-Mann legt den Hörer auf.
„Dein Freund sagt, das Wetter ist genau wie im letzten Jahr, nur schlechter.“
Dann geht er hinaus, schiebt die Leiter aufs Auto und fährt weg.
Und ich bin mit dem verdammten Telefon allein. Was, wenn es nur für einen Moment in Ordnung war? Und wenn ich jetzt Gunnar anrufe, ist wieder Japan am Apparat? Was so ein Auslandsgespräch kostet!
Aber der Telia-Mann ist verschwunden, kommt bestimmt nicht so schnell wieder. Also wähle ich Gunnars Nummer. Da haben wir's.. Japan! Eindeutig Japan! Entsetzt lege ich auf. Und bin wütend. Was ist das für ein Pfusch? Ich sollte Telia anrufen und mich beschweren. Klar, aber wie denn? Auf Japanisch?
Was ich bis jetzt schon an Auslandsgebühren zu zahlen habe, geht auf keine Kuhhaut.
Es klingelt. Das Telefon klingelt! Vorsichtig hebe ich ab. Gunnar! Er spricht Deutsch. Wie beruhigend.
„Hör mal“, sagt er, „ich hab Besuch. Ein finnischer Junge. Der will unbedingt mal mit einem Deutschen telefoniern. Sag mal was.“
„Verdammter Bengel!“ sag ich. Und leg den Hörer zur Seite. Aha, Finnisch war das.

Ich glaube, der Junge sprach eine halbe Stunde. Macht nichts. War nur ein Orts-gespräch.

 

Bild: Armin Stübe
Bild: Armin Stübe

Schweden und Alkohol

Als ich zum ersten Mal nach Schweden kam, war der Linksverkehr gerade auf den Rechtsverkehr umgestellt worden und es gab noch das „Braunbuch“ - benannt nach der Farbe seines Umschlages - das jeder Erwachsene besaß. Darin notierte die staatliche Verkaufsstelle die verkaufte Menge Branntwein. Bis zu 3 Liter durfte man im Monat kaufen. Die Rationierung hatte einen Grund. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trieben Armut und Hunger die Landbevölkerung in den Alkoholismus und viele tranken sich zu Tode. Eine starke Abstinenzbewegung drängte die Regierung zu einer „Alkoholpolitik" und seitdem überwacht sie den Alkoholkonsum, auch heute noch.
Es gibt eine Szene, in der mein schwedischer Freund diese Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfte. Ein Småländer, zwanzig Jahre älter als ich, viel gereist und doch in diesem Land verwurzelt.
Während eines Sommernachmittags war ich bei ihm zu Besuch. Er wohnte in einem kleinen Haus mit nur einem Zimmer, einer schmale Küche und einem winzigen Bad. Bei gutem Wetter zogen wir es vor, draußen im Freien an einem wackligen Gartentisch zu sitzen, und so taten wir es auch heute. Er müsse noch was erledigen, murmelte er und ging  davon. Er sagte nicht, wann er wieder kommen würde. Aber ich wusste, er kehrt zurück und wird mir eine Geschichte erzählen, die es wert ist, auf ihn gewartet zu haben.
Ich saß also da, ein Nichtstuer im Urlaub, bewegungsfaul und gedankenlos, selbst meine Augen schienen zu erschlaffen. Es gab ja nichts Besonderes zu sehen. Da waren der blaue Himmel, die Sonne, verstreute Häuser, die Dorfstraße und der sandige Kuhweg am Zaun entlang hinauf zu dem bewaldeten Berg.
Nirgendwo Leben und ich ganz allein. Kein Laut, nur Stille. Wenn ich etwas hörte, dann nur so etwas wie ein Knistern des Lichtes, und wie bei einem langen Aufenthalt in der Wüste begann die Stille mich zu hypnotisieren. 
Dann kam es, nein, sie kam: in der Straßenmitte gehend. Eine große dunkle Gestalt vor der Sonne. Sie bewegte sich in völliger Lautlosigkeit. Sie wird zu mir kommen und an mir vorbei gehen, durch den Zaun hinter mir, über den Sandweg, über die Kuhweide, die gelben Felder, sie dringt ein in den Wald, bricht durch Gestrüpp, Fichtendickicht, wandert über Moore und Seen und Hügel hinweg, weiter, immer weiter. Mit einem feierlichen und zugleich behaglichen Schritt.. Und ich denke: Es ist das Leben.
Als er neben mir am Gartentisch steht, hebt er bedeutungsvoll die Brauen und pult unter seinem Baumwollhemd, das über seine Jeans hängt, eine Flasche heraus.
Rotwein. Gestohlen aus dem Haus seines Sohnes, der in der Nachbartschaft wohnt.
„Zur Feier des Tages“, sagt er und grinst.
Und ich denke, fast melancholisch: „Wozu noch Wein? Ich hatte die Wirkung doch schon.“
Die Gläser hebend, rufen wir „Skål!“ und während wir trinken, ist mir, als hätte der Sommer in diesem Augenblick seinen Höhepunkt erreicht. Wind kommt vom Berg und stößt an meinen Nacken.

 

                                      

                                       Alter hat Zukunft!


Obwohl ich mit meinem schwedischen Nachbarn selten mehr Worte als über das Wetter wechsele, verstehen wir uns gut. Sein Haus steht auf einer Anhöhe etwa hundert Meter von meiner Sommerhütte entfernt, dort wohnt er mit seiner Frau, beide sind Rentner, er ist 81 Jahre alt, seine Frau knapp 70. Sein „Hej“ ist munter und sein Blick so offen und entgegen kommend, als wollte er mir mitteilen, dass er jederzeit bereit sei, mit mir zum Mond zu fliegen oder sonst etwas Verrücktes zu tun, falls ich es wünsche. Er ist klein, mager und seine Bewegungen sind ruhig und gleichmäßig wie bei einem Uhrwerk. Beim Vorbeiradeln sehe ich ihn immer irgendwas auf seinem Grundstück tun.
      Vor drei Wochen kippte der Sturm eine Kiefer im Wald. Der gebrochene Stammteil mit der Krone landete auf der schwarzen, dick ummantelten Stromleitung, von der meine Hütte den Strom bezieht, er lag darin wie in einer Hängematte. Ich fürchtete, die Leitung könnte bei jeder Bewegung reißen und ging deswegen zum Nachbarn. Der hörte sich meine stolprige Rede schweigend an, nickte, ging zum Schuppen, holte sich die Kettensäge und fünf Minuten später sah ich, wie er die Motorsäge über seinen Kopf hielt und den Stamm erst von oben und dann von unten zersägte. Plötzlich machte er zwei Schritte zurück, mit einem Knacks plumpste der Stammteil zu Boden und die Leitung schnellte hoch. Wir sahen zu, bis sie sich ausgeschwungen und ihre entspannte Lage zwischen den Strommasten zurückgefunden hatte, dann lächelte der Alte mich an und marschierte zurück zu seinem Haus, ohne meinen Dank abzuwarten..
      Ich sah ihm nach, wie er durch das Heidelbeerkraut stapfte, hier und dort den niedrigen Fichtenzweigen ausweichend. So soll es sein, dachte ich, wenn man 80 ist, und so kann es sein. Wie schafft man das? Wenn man ein Bürohengst ist wie ich. Soll ich mir eine Kettensäge besorgen und jeden Tag durch den Wald ziehen und einen Baum fällen?
      Weder hatte ich Kettensäge, noch besaß ich einen eigenen Wald. Aber ich beschloss, täglich ein paar km zu joggen. Das tat ich denn auch. Man kann im Wald Bäume fällen, aber auch an den Bäumen vorbeilaufen, und ich weiß jetzt: Alter hat Zukunft! Ich bin fit wie seit Jahren nicht mehr, ich spüre meinen Körper kaum. Ich glaube sogar, ich habe einen federnden Schritt. Und meine Jeans, die ich vor 20 Jahren trug und kürzlich in einem Schrankfach fand, sitzen wieder.

 

 

                                       Die Odinquelle

 

Er war ein alter Bootsbauer und wohnte am Dorfrand in einer Hütte inmitten von Fichten und Kiefern. Als einziger im Dorf hatte er die Elektrifizierung abgelehnt, und so sah man nachts im Küchenfenster das Licht einer Petroleumlampe, und jeden Morgen schallte das Klappern seines Blecheimers, wenn er aus seinem Ziehbrunnen das Wasser holte.

Es hieß, Odins Grab befände sich auf seinem Grundstück. Und tatsächlich, das Grundstück war von Feldsteinen so umgrenzt, dass es den Umriss eines langen Schiffes ergab. Die Hütte befand sich im Bug des Schiffes, das nach Osten wies, wo die schneeweiße Dorfkirche zu sehen war. Saß der Alte auf der Steintreppe, die von der Sandstraße hinauf zu seiner Hütte führte - und das tat er fast jeden Tag - so war sein Blick finster auf die Dorfkirche gerichtet. Wahrscheinlich war es der Groll eines alten Wikingers, der die Niederlage seines Gottes im Kampf gegen die Kreuzträger nicht akzeptieren konnte, aber vielleicht gehörte das grimmige Gesicht auch zu seinem Job, denn schließlich, so sagte man, war er der Hüter von Odins Grab.

Ich hielt das für einen Witz, und so fragte ich ihn, als ich auf dem Weg zum Dorfhändler war und er, auf einer Steinstufen sitzend, seine in Reusen gefangenen Fische schuppte, wo denn das Grab des Wikingergottes sei. Ich erwartete eine grimmige Bemerkung, aber er zeigte wortlos mit dem Messer hinter sich auf einen Fliederbusch. Die Zweige beiseite drückend, erkannte ich im Halbdunkel einen kniehohen grauen Findling. Also doch ein Witz, dachte ich, aber weil die Gelegenheit günstig war, fragte ich ihn nach einer weiteren Sehenswürdigkeit des Dorfes: nach der Odinquelle.

Ich hatte sie kürzlich besucht, sie war genau so unscheinbar wie Odins Grab: mehr ein aus Sumpfboden sickerndes Wässerchen als eine Quelle.

Während der Alte eine Plötze nach der anderen aus dem Blecheimer holte und sie so bearbeitete, dass die silbernen Schuppen nach allen Seiten spritzten, erzählte er mir mit brummiger Stimme folgende Geschichte:

Einmal wanderte Odin in Gestalt eines Bootsbauers durchs Land, er kam auch hier ins Dorf und verliebte sich in ein schönes Bauernmädchen. Einen Sommer und einen Winter lang lebten sie zusammen. Als es Frühling wurde, sagte er, er hätte einen größeren Auftrag am Vänernsee, erst im Spätsommer käme er wieder zurück. Und um seine Sehnsucht zu lindern, legte er beim Abschied eines seiner Augen aufs Fensterbrett, damit er seine Geliebte immer sehen konnte.

Die Wochen gingen dahin, ein Tag war wie der andere, das Auge sah dem Mädchen bei all seinen Tätigkeiten im Hause zu. Dann kam der Mittsommerabend und da stülpte das Mädchen eine Porzellanschüssel über das Auge. Zwei Tage blieb es verhüllt, am dritten Tag nahm sie die Schüssel ab, und da sah sie, wie das Auge weinte. Mit einem Tuch trocknete sie es, aber die Tränen hörten nicht auf. Der Schmied, mit dem sie beide Tage zusammen gewesen war, riet ihr, das Auge im Wald zu vergraben, und das tat sie auch und zwar an der Stelle, wo sich heute die Odinquelle befindet.

Nun wusste ich längst, dass Odin auf ganz andere Weise sein Auge verloren hatte, und so fragte ich spöttisch: „Wieso kam Odin nicht zurück und holte sich sein Auge? Der arme Kerl war doch jetzt einäugig.“

Da blickte mich der Alte an, als zweifele er an meinem Verstand und knurrte: „Wär’s denn besser gewesen, er wäre mit Tränen im Gesicht herumgelaufen?“

Und da wurde mir klar, dass er mir seine Geschichte erzählt hatte.

 

Mein Fahrrad, Schweden und ich

Mir ist es in Deutschland noch nie passiert, dass sich jemand um mich kümmerte, wenn ich bei einer Panne an meinem Fahrrad hantierte. In Schweden ist alles anders, was übrigens die Schweden selbst behaupten, wenn sie sagen: „Sverige är annorlunda." (Schweden ist anders.).
Kaum beuge ich mich über das Hinterrad, bremst ein Pkw und eine Stimme fragt: „Kann ich helfen?“
Manche kramen sogar eine Fußpumpe aus dem Wagen, denn ich habe nur eine Handpumpe.
Ich brauche eigentlich keine Hilfe, denn wie jeder sehen kann, weiß ich mit einer Handpumpe umzugehen. Sie ist nicht mehr die neuste, es zischt bei jedem Pumpstoß, aber nach etwa 5 Minuten ist der Reifen wieder prall.
In der Zwischenzeit findet eine Unterhaltung statt. Dabei erzähle ich immer wieder, dass der Reifen kein Loch hat, er ist in Ordnung, wahrscheinlich ein bisschen spröde, er hält knapp 15 km, ich pumpe ihn wieder auf und mache dann kehrt, um vor dem nächsten Platten rechtzeitig zuhause zu sein. Das Aufpumpen ist nämlich das Anstrengendste, das Radfahren selbst ist ein Klacks dagegen. Das gefällt den Schweden, dann lachen sie.
So viel Aufmerksamkeit und Freundlichkeit beeindruckt mich jedesmal. Ich bin davon ganz gerührt. Vor allem, weil fast jeder vor dem Weiterfahren mich einlädt, ihn zu besuchen, wenn ich mal in der Nähe bin.
Ich kenne keinen von ihnen. Aber alle scheinen mich zu kennen. Ich bin wohl eine Berühmtheit, dabei bin ich bloß ein deutscher Radfahrer mit einem undichten Hinterrad.
Jetzt hebe ich bei jedem Auto, das mir entgegen kommt, grüßend die Hand. Wer immer das Auto fährt, Mann oder Frau, antwortet lächelnd mit der gleichen Geste.

 

 

             
                                          Ein Schwedenurlaub

Mittsomemrzeit, und die Schatten bekommen Farbe. Tagsüber, wenn die Sonne vom Himmel brennt, scheinen sie an ihren Rändern etwas Grünes auszuschwitzen, nachts, bei gerötetem Himmel und silbernem Mond, überlaufen sie Wellen von Tiefblau über Türkis bis zu Weißgelb. Ist es die Mischung des Mondlichtes mit der Glut der am Horizont haftenden Sonne?
Wir sind die ersten Bewohner einer frisch fertiggestellten Blockhütte. Das Wasser holen wir aus dem Brunnen in der Mitte der Lichtung, das Plumpsklo ist am Waldrand umringt von  Himbeerbüschen, Licht bekommen wir durch Petroleumlampen und gekocht wird auf einem Herd, den wir mit Holz heizen.
Das alles ist für unsre Kleine so begeisternd, dass sie wie ein gerade flügge gewordenener Vogel umherschwirrt und zwitschernd alles untersucht.
Mein Freund Gunnar hat mir gleich bei der Ankunft versprochen, mir etwas Besodneres zu zeigen: die versteckten Dänengräber im Wald. Er ist in Småland geboren, groß mit breiten Schultern, um die 50, ein Wikinger, wäre da nicht seine sanfte Stimme und die wasserblauen Augen, von denen er das rechte zukneift, sobald sich der Schalk bei ihm meldet.
An einem Nachmittag kreuzt er bei uns auf. Wieso kommt er mit Axt und Säge und gibt mir die Axt, wobei er ein Auge zukneift? Und so marschieren wir beide los. Gut eine halbe Stunde später sind wir bei den Dänbengräbern. Etwa zehn langgestrecket Hügel unter hohen Eichen, zwischen den Gräbern und auf ihnen wächst Gestrüpp, sogar mannshohe Birkbn haben sich breit gemacht.
„An die Arbeit!“ sagt der Wikinger. „Wenn nichts getan wird, wächst hier alles zu. Eine Schande ist das. Also los, du gamla Indian!“
Damit meint er mich, aber ich finde, ein Indianer würde bestimmt alles andere tun statt kleinwüchsige Bäume umzulegen und Grünzeug aus der Erde zu reißen.
300 Jahre alt sollen die Gräber sein, in jedem liegen bis zu fünf getötete Dänen. (Seinerzeit hielten die Dänen Schonen und den südlichen Teil Smålands besetzt, wogegen sich die Småländer mit Überfällen wehrten.)
Es ist ein sonniger Tag, im Eichengewöbe drehen sich goldglänzende Lichttrauben. Vom nahen See rieselt Wind durch das Walddickicht.
Plötzlich legt sich Gunnar rücklings auf ein Grab, schließt die Augen und murmelt: „Was für ein schöner Platz, wenn wir einmal tot sind.“
Innerhalb von zwei Minuten ist er eingeschlafen.
Möglicherweise denken die Dänen darüber anders. Während ich hacke und zerre, versuche ich mir den Guerillakrieg in diesen friedlichen Wäldern vorzustellen. Es gelingt mir nicht. Ich kenne die småländischen Bauern. Diese Einzelgänger als eine Truppe Krieger? Unmög1ich.
Vielleicht spielte sich die Schlacht so ab. Die Bauern trafen sich abends am Bolmen. Einer hielt eine kurze Rede. Um Mitternacht sollte der Angriff beginnen. Zuvor ging jeder noch mal kurz nach Haus, um nachzuprüfen, ob alle Feuer gelöscht, das Fleisch sicher versteckt und die Frauen gut gesichert waren.
Als Erster schritt Ohlsson zum Kampf. Mit vorgewölbtem Bauch brach er ins schlafende Dänenlager, als sei er allein das småländische Heer. Auf der anderen Seite kreischte Axelsson, er hatte einen Zweig ins Auge bekommen. Wütend drosch er mit der Faust um sich, bis er seinen Irrtum bemerkte, sich entschuldigte und den Dänen die Hand drückte. Einer nach dem andern ging in die Knie. Jetzt griff Eriksson ein. Er fäIlte eine Kiefer auf dem linken Flüge, sie krachte auf das Zelt des Dänenhauptmanns. Gerade setzte Eriksson zum Holzfällerschrei an, da warfen sich drei Dänen auf  ihn. Es wäre ihm schlecht ergangen, hätte Johansson, der nie in den Wald ging ohne seine Thermoskanne voll Kaffee, den heißen Kaffee den Dänen nicht ins Gesicht gegossen. Noch Jahre später bedauerte er die Verschwendung. Für die Dänen hätten eigentlich drei Tassen reichen müssen, meinte er. Nilsson, der eine Weile höflich abwartend vor dem Dänenlager stand, weil er sich nicht sicher war, ob er vielleicht störe, entschied die Schlacht dadurch, dass er einen entsetzlichen Fluch ausstieß. In der Annahme, der schwedische Oberbefehlshaber habe jetzt den Befehl zum Großangriff gegeben, f1üchteten die Dänen halsüberkopf in den Wa1d, nach Schonen, versteht sich.
Einzeln, wie sie sich geschlagen hatten, zogen die Bauern wieder heim.

Am nächsten Morgen bestellten sie ihre Felder mit der gewohnten Gelassenheit. Nur Nilsson war noch verärgert. Die Dänen hatten in seinem Wald campiert. Deswegen hatte er auch geflucht.
Auf der Wiese vor unserer Hütte beginnen Butterblumen zu blühen, ein kniehoch schwebender Schaum. Ich mache Fotos von Frau und Kind, die Blumen pfIücken. Später werden auf dem
Farbfoto nur die Gesichter zu sehen sein, umwogt von einem gelben Meer, so dass sie selbst zu den eigentlichen Blumen werden.
Alle Tage am See. Müde und zufrieden trotten wir über Waldwege heim.
Kaum in der Hütte, ziehe ich die Socken aus, Sand fällt heraus. Ein Haiku leuchtet auf:
                                  Abends, die Strümpfe voll Sand.
                                  Fern rauscht der Strand:
                                 "Tjuv! Tjuv!"

(„Tjuv“ ist das schwedische Wort für „Dieb“ und wird so ausgesprochen: „tschüüv“.)

 
Wie jeden Abend um halb zehn streicht mit schwarzem Flügelschlag eine Waldschnepfe über die Lichtung, ihr Arararar ausstoßend, das überraschend mit einem Schweinequieken endet.
Frau und Tochter schlafen schon, ich wecke sie. Knacken im Gebüsch. Wir leuchten mit der Taschenlampe. Vier gleißende Schlitze im Dunkel. Elchaugen. Auf- und abschwenkend wie Lichtzeichen, uns unverständ1ich, aber sicher voll tiefer Bedeutung.
Am vorletzten Tag führt uns Gunnar zu einem befreundeten Jungbauern. Der zeigt uns seine Bienenvölker, das biologisch gedüngte Haferfeld („Zu viel Unkraut“, murmelt Gunnar) und serviert uns Kaffee mit schnell aufgetautem Brot aus der Tiefkühltruhe. Kleine Eissplitter platzen am Gaumen. Dazu selbstgeschlagene Butter und ungesüßten Pflaumensaft. „Führt fantastisch ab“, nickt Gunnar gewichtig. Er sollte recht behalten.
Dann der letzte Abend. Vogel Erde senkt seine Schwingen zum Schrägflug. Ich lieg auf seinem Gefieder, klammer mich fest, und sehe noch einmal von weit oben, wie Gunnar durchs Haferfeld geht.

                                   Er drückte sich die Kletten
                                   auf die linke Schulter.
                                   Und so trug er seltne Samen
                                   auf dem Wollhemd mit nach Haus.

                                  Daraus wachsen später Pflanzen,
                                  deren höllischer Geruch
                                  Ratten von dem Feld verjagen.
                                  Und so war dies gut getan.

                                 Saßen wir dann müd beim Essen,
                                 die Gesichter heiß vom Wind
                                 (Abendrot im Norden stand),
                                 trieben wir schon auf der Flut

                                 fliederblauer Nächte, holten leise
                                 unsern Atem feucht vom See,
                                 voll von Fichtennadeln.
                                 Er doch grub die Samen ein.

Abschied. Zahlreiches Händeschütteln. Rein ins Auto. Unter uns rollt Schweden davon.
In der Stadt zählen wir die Erinnerungen. Jeden Abend werden es mehr.

Und was zählt das kleine Dorf O. in Schweden?
Es zählt die Tage, bis wir wieder da sind.