Eine Hütte und viele Jahre später

 

Sommer. Ich machte Urlaub in meiner schwedischen Ferienhütte. Am zweiten Tag radelte ich ins Dorf zu meinem alten Freund Gunnar.
Erst dachte ich, es seien Briefkästen an seinem Zaun, aber als ich näher kam, erkannte ich: es waren  Vogelhäuser, die er aus Holzresten des Sägewerks zusammenzimmerte. Jeder, der vorbei kam, konnte sich eins oder auch mehrere mitnehmen, um sie irgendwo aufzuhängen. Ich machte mir den Spaß und zählte sie: 48 Stück! Sogar Gunnar staunte. Übrigens zimmerte er die Kästen nicht mehr in seiner Wohnung, sondern in einer ausrangierten Baubude beim Haus, weil sich sein Wohnungsnachbar über das Gehämmer beschwerte hatte.
Als ich mich nach einem lauwarmen Kaffee und staubtrockenen Keksen von ihm verabschiedete, klemmte ich zwei Kästen auf den Gepäckträger. Ich hatte die Absicht, unsere vor 30 Jahren gebaute Blockhütte zu besuchen, bei dieser Gelegenheit wollte ich die Kästen im Wald aufhängen.
Unterwegs rutschten sie zweimal vom Fahrrad, sie blieben heil, das sprach für Qualitätsarbeit.
Ich hatte erwartet, wir würden uns gegenseitig in die Arme fallen, die Blockhütte und ich, denn wir hatten uns ja lange nicht mehr gesehen. Aber wo war sie?
Der Wiesenhang war dicht bewachsen mit Gestrüpp und Bäumen. Die jungen Birken und Kiefern waren jetzt ausgewachsen. Aus kniehohen Wacholderbüschen waren Säulen geworden, düster standen sie da wie Zypressen auf einem Friedhof. Ich machte ein paar Schritte ins Halbdunkel und da, weit unten, sah ich sie, zumindest ein Stück des Ziegeldaches. Die Hütte duckte sich zu Boden, als befürchte sie einen Erdrutsch.
Als wir sie bauten, hatten wir von unten am Waldrand bis hinauf zum Weg einen freien Blick. Und dann der Himmel über uns! Da trieben Wolken und ihre unaufhörliche Bewegung war beruhigend. Dort oben war alles offen, es gab noch die unbegrenzte Welt. Und am Abend, wenn sich auf der Wiese die Dunkelheit staute, war es geradezu belebend und eine Freude, den hellen Himmel zu sehen.
Das alles war weg, verschwunden. Geradezu unheimlich. Ich hatte nicht den Mut, zur Hütte hinunter zu gehen. Vielleicht ein anderes Mal, mit viel Sonne am Himmel.
Die Vogelhäuser unter den Armen zwängte ich mich durchs Fichtendickicht. Wie ich den ersten Kasten  annageln wollte, merkte ich, dass ich keinen Hammer bei mir hatte. Mühsam suchte ich im Waldboden einen Stein, kletterte auf zwei Fichten und nagelte die Kästen an den Stamm. Zum Dank erhielt ich von den abgestorbenen, trockenen Ästen eine Risswunde an der Stirn und am linken Handgelenk.
Es war schon spät in der Nacht, ich lag im Bett, das Buch wurde mir schwer in der Hand, die Zeilen begannen zu schwanken, Worte lösten sich voneinander, gruppierten sich neu und plötzlich stand etwas vor meinen Augen, das mit dem Gelesenen auch nicht das Geringste zu tun hatte: „Reichtum des Lebens...“
Reichtum des Lebens? Was für ein Quatsch. Licht aus und gepennt! Kaum war’s dunkel, zogen Bilder des Tags an mir vorbei, da blieb der Film stehen. Bei der Wiese.
Einst war sie fast leer, bloß eine Lichtung im Wald. Und jetzt? Vollgestopft mit Büschen und Bäumen. Den Wandel hatten 30 Jahre bewirkt. Und auf einmal wurde mir klar: Nicht das Verschwinden der Jahre war das Verstörende, sondern die Fülle, die sich in dieser Zeit auf der Wiese angesammelt hatte.
Der Reichtum des Lebens.
Wo ist meiner?