Die letzten Tage des Kommissars        Erzählungen 

140 S. Softcover, 18 x 11,5 cm, 9,50 €

Ein gerade pensionierter Kommissar wird von einem Genetiker in ein teuflisches Spiel verwickelt.

Ein Dorf schrumpft, weil ein Wissenschaftler mit Gott Kontakt aufnimmt.

Ein Mann erkämpft sich die Herrschaft über das Universum.

Eine Birke treibt einen Dramaturgen in den Wahnsinn.

Ein Mann findet durch den Sex aus der virtuellen Welt zurück in die Wirklichkeit.

 

Zu bestellen im Onlineshop. Auch als eBook lieferbar

 

Dieter Lenz

Ein tödlicher Traum


Sein Leben war ein Desaster. Doch hatte er viel Zeit, und die füllte er mit Träumereien. Ja, man kann sogar sagen, er hatte ein besonderes Talent zum Träumen und bald

kam er darin zu großer Meisterschaft. Dann saß er in einem Sessel oder lag auf dem Sofa, erinnerte sich an ein Erlebnis und begann mit seiner Traumarbeit, das heißt, er entwickelte daraus einen Traum mit ihm in der Hauptrolle.
Als er wieder einmal mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag, tauchte eine Szene aus seiner Kindheit auf. Es war ein Sommertag, er badete mit anderen Dorfjungen nackt in einem Baggerloch. Und da spürte er eine leichte Berührung, und tatsächlich, als er sich umsah, entdeckte er ein Mädchen. Den mageren Körper in einen blauen Badeanzug gehüllt, von der Nachmittagssonne beschienen, kauerte es in einer Nische der Sandwand und starrte herab. Weil die anderen Jungen es nicht beachteten, kümmerte es ihn nict eiter, doch dann musste er hochsehen und das immer wieder, und auf einmal war er überzeugt, das Mädchen würde nur ihn beobachten. Bestimmt eine halbe Stunde lang ging das so - oder noch länger. Dann geriet er in eine Schlammschlacht, und als er, total lehmverschmiert, wieder hinaufblickte, war das Mädchen verschwunden.
Wie wäre es, wenn er heute, 20 Jahre später, das Mädchen wieder träfe, diesmal aber als Frau?
Sofort begann er es sich auszumalen. Da steht sie am Rand des Baggerlochs. Eine schlanke Gestalt in einem schwarz gepunkteten weißen Kleid, der Wind bewegt den Saum der Himmel ist wolkenlos, und er steigt den Pfad zu ihr hinauf, die Sonne im Rücken und sie im Sonnenlicht.
Mit großen Augen sieht sie ihn an, sie hat ihn erwartet, sie lächelt und reicht ihm die Hand. Sie setzen sich. Von unten kommt der Geruch feuchten Sandes, gegenüber leuchtet die Sandwand in der Nachmittagssonne.
Er beginnt das nackte Bein der Frau zu streicheln. Ja doch, es ist nackt, genau so muss es sein. Es bleibt bei dieser Berührung, ihm genügt die Erregung, er will den Traum später fortsetzen. Bis dahin würde er die Vorfreude genießen können.
Er wollte die Augen öffnen, aber es ging nicht. Die Lider reagierten nicht. Erschrocken setzte er sich aufrecht. Da hörte er eine Mädchenstimme.
„Himmel noch mal, bleib sitzen!“
Er roch Benzin und hatte im Mund den Geschmack von Weinbrand. Jetzt konnte er die Augen öffnen, wenn auch mühsam. In der Hand hielt er eine fast leere Flasche. Er saß in einem Auto und neben ihm auf dem Fahrersitz eine Frau um die zwanzig.
„Na, endlich .. Bist du wieder da?“ In ihrer Stimme lag Spott. „Ich dachte schon, du hast dir das Genick gebrochen.“
„Ich träum doch?“ murmelte er.
Die junge Frau am Steuer schüttelte den Kopf. „Menschenskind.. War das ne Action! Wir sind von den Bullen gerammt worden. Aber dann sauste ihr Wagen in den Graben. Und du bist mit dem Kopf gegen die Scheibe geflogen.. Noch Kopfschmerzen?“
Er sah sie an, sie war ihm völlig fremd. Das halblange Haar hatte sie hinter die Ohren gestrichen. Die Brauen über den grauen Augen waren lang und schmal.
„Wir müssen uns schleunigst einen andern Wagen besorgen.“
„Das ist ein Traum, verdammt, ich weiß es und ich werde jetzt aufwachen“, sagte er. „Halt sofort an!“
Sie lachte. „Ja, wie im Traum oder im Kino. Mann, du warst toll. Die in der Bank lagen am Boden und zitterten vor dir. Weißt du, wie viel wir haben? Ich konnte in aller Ruhe das Geld einstreichen.“
Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Wer zum Teufel war das?
„Über 20.000 Euro. Nicht schlecht für den Anfang. Jetzt geht es los, das neue Leben. Unser Leben! Unser eigenes Leben!…“
„Unser eigenes Leben..!“ Ja, jetzt erkannte er sie. Es war Chris! Die kleine, unscheinbare Chris mit erstklassigem Sex im Bett. Und, ja, jetzt erinnerte er sich, sie hatten davon gesprochen, sehr oft sogar. Eine gemeinsame Zukunft. Raus aus dem grauen Alltag, dem Einerlei im Hinterhof. Er hatte ihr nicht widersprochen. Andererseits.. Das war doch nur Gerede! Aber dann sie hatten sie es doch  getan … oder?
Sie bremste. „Da, ein Audi, den krallen wir uns!“
Er stand am Wagen, während sie ihn aufbrach. Sie musste ihn hereinziehen. Dann fuhren sie über eine Landstraße, mehrmals sah sie ihn besorgt von der Seite an.
„Was ist los? Immer noch nicht ganz da? Wie heiß ich?“
„Chris.“
Sie atmete auf. „Also klein bleibender Schaden..“
Und da bemerkt er, wie komisch er gekleidet war. Von der Jacke bis zu den Stiefeln: alles aus Leder. Das war nicht sein Stil, andererseits war es das, was er sich oft gewünscht hatte. Ein richtiger Mann zu sein, ein Macho. Er betrachtete seine Hände, ballte sie zur Faust, dann streckte er die Beine so heftig aus, dass die Stiefel gegen das Autoblech knallten. Teufel noch mal, es war Wirklichkeit.
 „Na, alles wieder in Ordnung?“
„Ja. Toll!“
Sie lachte.
Vor einem kleinen ländlichen Hotel hielten sie, dort übernachteten sie. Als sie einmal das Zimmer verließ, griff er zum Telefon und wählte seine Telefonnummer. Niemand meldete sich. Dann wählte er die Nummer seines Wohnungsnachbarn, und als Chris mit einem beladenen Tablett zurückkam, saß er auf der Bettkante, den Telefonhörer in der Hand. Er hatte gerade erfahren, dass er gestorben war.
„Verdammt!“ Sie stellte das Tablett ab und riss ihm den Hörer aus der Hand. „Du spinnst wohl!“ Sie legte den Hörer auf. „Mach jetzt keine Dummheiten. Hier.. Ich hab was zu essen geholt.“
Jetzt merkte er, wie hungrig er war. Als sie die Sektflasche entkorkte und die Kleider von sich warf, kam ihm alles wieder vertraut vor. Auch, dass sie gleich darauf im Bett lagen. Ja, so ist sie, die Chris. Und es war großartig wie immer.
Am nächsten Morgen hatte er schon wieder Lust, er zog sie an sich, sie biss ihn in die Schulter.
„Schluss jetzt.. Wir müssen abhauen.“
„Ich hab gar nicht gewusst, wie glücklich ich bin“, dachte er. Und er bewunderte Chris, die alles so klasse gemanagt hatte.
Es gab weitere Banküberfälle, irre Autofahrten, Übernachtungen in luxuriösen Zimmern und Nächte mit erstklassigem Sex.
Aber dann änderte sich etwas. Das heißt: es änderte sich eben nichts, und das war das, was ihn zu nerven begann. Die Wiederholungen! Ein Tag war wie der andere. Bankraub, Fluchten, heiße Nächte. Hatten sie nicht geplant, das Land zu verlassen und unter Palmen an einem sonnigen Strand zu leben wie im Paradies?
Warum machte sie keine Anstalten, die Tickets für den Flug zu besorgen? Und dann änderte sich sogar der Sex, er wurde strapaziös. Und schließlich der Geruch. Sie hatte Zigarillos zu rauchen begonnen, auch im Bett. Bald roch sogar ihr Körper nach den Zigarillos, aber sie ließ nicht davon ab. Einmal fragte er sie direkt, wie das denn nun sei mit Indien oder der Südsee, das sei doch schließlich ihr gemeinsamer Plan, sie winkte ab. Sie hätten noch nicht genug Geld. Er begriff: sie würde nie genug Geld haben und so beschloss er, sie zu verlassen.
In der nächsten Nacht wartete er, bis sie eingeschlafen war.  Im Dunkeln stand er leise auf, zog sich an und verließ das Zimmer.
Auch im Flur war es dunkel, er fand den Schalter nicht. Er tastete sich vorwärts zur Treppe. Plötzlich stieß er mit dem Knie gegen etwas Hartes, es gab einen Bums, das Licht ging an und er hörte einen Schrei.
Geblendet kniff er die Augen zu. Als er sie öffnete, erblickte er einen Nachttisch mit einer brennenden Leselampe, eine Frauenhand griff in die Schublade nach einer Pistole. Er schlug die Hand zurück.
Und dann sah er sie: Eine verängstigte Frau im Bett. Die Bettdecke an die Brust gezogen, saß sie am Kopfende des Bettes und starrte ihn an. War er versehentlich in ein fremdes Zimmer geraten?
„Wo bin ich?“ fragte er.
„Bitte“, flüsterte sie, „gehn Sie weg, bitte!“
„Jaja“, sagte er. „Aber wie komm ich hierher?“
„Sie sind aus meinem Krimi, den ich grade schreibe. Ich träume doch. Oder?“
„Fassen Sie mich an..“ Er hielt ihr den Arm hin.
Sie zog sich die Decke über den Kopf.
„Verschwinden Sie!“ kam ihre Stimme unter der Decke hervor. Er sah sich um. Ein Sessel und ein Sofa mit ockerfarbenem Bezug, an der Wand hing ein Farbdruck mit einer indischen Tempeltänzerin. Die Zimmerdecke war sehr hoch und hatte ein Stuckornament an den Rändern und in der Mitte mit der Deckenlampe eine Rosette. Berliner Altbau, dachte er. Merkwürdig. War das hier nicht ein Hotel?
Er setzte sich in den Sessel.
Ihr ging die Luft aus, sie schob den Kopf über die Bettdecke. Da er kein Zeichen der Aggression von sich gab, wurde sie mutiger.
„Nein, Sie sind tatsächlich wirklich. Sie sehen bloß aus wie meine Romanfigur. Ich bin Schriftstellerin, wissen Sie.“ Und dann, als sie sah, dass er nicht reagierte, fragte sie: „Was wollen Sie von mir? Geld?“
„Davon hatte ich in den letzten Tagen mehr als genug“, sagte er. „ Ja, ich habe sogar einen echten Krimi erlebt, Sie sollten Respekt vor mir haben, ich bin ein gesuchter Bankräuber, bloß im Augenblick weiß ich nicht . .. Wieso bin ich hier?“
Wieder sah er sich um.
„Echt? Ein Bankräuber? Toller Zufall. Der Held meines neuen Buches ist nämlich auch ein Bankräuber.“
Sie gluckste ein kleines Lachen.
„Sie nehmen mich nicht ernst, was?“ Er wandte sich ihr zu und wurde schroff. „Wenn das hier Ihre Geschichte ist, dann können Sie mir vielleicht sagen, wie’s weiter geht. Wie endet Ihr Held?“
„Ich weiß es noch nicht.“ Vor Eifer wollte sie die Hände hervorholen, aber als die Decke dabei herunter glitt, zog sie sie rasch wieder bis ans Kinn. „Der Schluss ist immer das Schwerste. Es muss der Höhepunkt sein, verstehen Sie, ein richtiger Knaller. Vielleicht lass ich alles in einer gewaltigen Schießerei enden. Aber das ist eigentlich ein Klischee, stimmt’s?“
„Ja, aber sehr amerikanisch.“ Er sprang auf. „Ich vergesse, wer nebenan liegt. Von der muss ich weg!“
„Ihre Frau?“
„Von ihr. Ich hab genug von ihr. Und von diesem stinklangweiligen Leben …“
Sie sagte belustigt: „Midlifecrisis?“
Er zuckte zusammen, dann sah sie er forschend an.
„Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?“
Und dann riss er ihre Bettdecke weg. Der kleine Leberfleck unter ihrem Bauchnabel war nicht zu übersehen. Er stöhnte auf. „Du bist es! Schon wieder! Immer wieder du!“ Und dann schrie er: „Lass mich endlich in Ruh!“
Dabei machte er einen Satz zurück, zitternd blieb er stehen.
Sie sagte: „Sie sind ja wahnsinnig! Ich halte Sie doch gar nicht!“
Sie deckte sich zu.
„Chris, bitte, lass mich! Lass mich endlich gehen!“
„Dann hau doch ab .. Zieh Leine!“
„Aber ich schaff es nicht, das siehst du doch.“ Er griff sich an die Stirn. Für einen Moment stand er still, dann sagte er:  „Warte! Es ist ein Traum, ein Alptraum. Ich komm da nicht mehr raus .. Du musst mich erschießen! Ja! Du hast doch eine Pistole, erschieß mich!
„Niemals!“
Er holte aus der Schublade die Pistole und drückte sie ihr in die Hand.
„Los! Tu es!“
Sie fuchtelte mit der Pistole in der Luft herum.
„Wie funktioniert so ein Ding? Ist die überhaupt geladen?“
Er packte ihre Hand mit dem Revolver, drückte den Lauf gegen seine Brust, und obwohl er im selben Augenblick ein Gefühl von Bedauern, ja, sogar Trauer empfand, schrie er: „Schieß! So schieß doch endlich! Schie
 

Die Mordkommission fand den Toten um 7.20, vor seinem Computer mit dem Kopf auf der Brust. Die Kugel war in die linke Schläfe gedrungen.
Nachdem die Leiche abtransportiert worden war und die  Spurensicherung ihre Arbeit beendet hatte, blieben der Kommissar und sein Assistent zurück.
Die Wohnung befand sich im rechten Seitenflügels einer Neuköllner Mietkaserne, man trat vom Hinterhof direkt ins Wohnzimmer. Das Mobiliar war uralt, teilweise schäbig.
„Ein Schriftsteller“, sagte der Assistent aus dem Hintergrund, „nicht sehr erfolgreich offenbar. Übrigens, Chef, Sie wollten doch die Frau sprechen, die den Toten entdeckt hat. Sie sitzt hier und wartet.“
„Gleich.“ Der Kommissar zeigte auf den Monitor. „Sieh mal, er blinkt. Ich glaub, der Computer ist noch an.“ Er drückte die Entertaste. Der Schirm erhellte sich, ein paar Zeilen wurden lesbar.. Die letzte Zeile lautete: „Schieß! So schieß doch endlich! Schie 
Der Kommissar setzte sich an den Computer, schob die halbleere Wodkaflasche beiseite, scrollte den Text bis zur Überschrift „Ein tödlicher Traum“ und begann zu lesen. Als er fertig war, gab er einen Krächzer von sich und drehte sich um. Sein Blick fiel auf die junge Frau. Sie saß auf dem Sofa. Zierlich war sie, hatte die Beine übereinander geschlagen und rauchte ein Zigarillo. Er stutzte, dann sagte er freundlich: „Sie also haben den Toten gefunden?“
„Ja..“
„Kann ich Sie befragen?“
Sie nickte.
„Sie heißen?“
„Christa Holzmann.“
Der Kommissar rieb sich mit der Hand über die rechte Augenbraue.
„Und was wollten Sie so früh bei ihm?“
„Mit ihm frühstücken. Wir frühstücken meistens zusammen, ich wohne gegenüber.“  
„Das erklärt die Tüte mit den frischen Schrippen.“ Er verstummte, betrachtete sie. Dann sagte er: „Also Christa heißen Sie… Nannte er Sie vielleicht Chris?“
Sie nickte.
Er lehnte sich zurück. Plötzlich drehte er sich zum Computer, druckte den Text aus und gab ihr die Blätter zu lesen.
Sie las. Nichts in ihrem Gesicht rührte sich. Nach einer Weile legte sie das Zigarillo in den Aschenbecher. Schließlich gab sie die Papiere wortlos zurück. Der Kommissar reichte sie seinem Assistenten.
Die junge Frau nahm das Zigarillo vom Aschenbecher, machte einen Zug und sagte ruhig: „Ich war’s nicht. Sie sehen ja: Er schreibt ja selbst, ich konnte es nicht. Ja, ab und zu verlangte er es.. im Suff.. Ich hätte es nie gekonnt… Was wollen Sie noch?“ Sie wurde laut. „Da steht es doch! Er hat es selbst getan!“
„Nein, er war’s nicht, sonst hätten wir eine Waffe gefunden“, meinte der Assistent, von den Papieren aufblickend.
Und der Kommissar sagte: „Den Schuss hat der Nachbar um halb drei gehört. Wo waren Sie um diese Zeit?“
„Im Bett natürlich.“
„Kann das jemand bezeugen? Ihr Mann?“
„Der taugt nicht als Zeuge. Er schläft schlecht und geht dann  immer raus.“
„Er geht raus? Wohin?“
„In den Hof, unter der Eiche ist eine Bank, da sitzt er dann.“
Der Kommissar stand auf.
„Und wo ist er jetzt?“
„Keine Ahnung. Er ist hier der Hauswart. Hier ist immer was zu tun.“
Sie fanden ihn im Heizungskeller. Er hatte sich erschossen, mit derselben Pistole, mit der er den Schriftsteller getötet hatte.