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Mit Fotos von Beate Stübe, Thomas Lenz, Eika Aue, Detlef Nickel
und Texten von Jürgen Mahrt, Eika Aue, Dieter Lenz
DIN A 5, 96 Seiten, 92 Fotos, 17 Texte, 19,80 €      

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 Eika Aue

Geboren in Hamburg.

Studium Soziologie und Psychologie

an der TU und FU Berlin, Uni Bremen.

Tätig in der Medienbranche, danach selbständig.

Lebte in Hamburg, Bremen und Kiel.

Ihre große Liebe aber gilt Berlin,

dort ist sie zu Hause

 

Eikas Berlin-Tagebuch

                Mascha


Eigentlich bin ich gar nicht wegen der Gedenktafel für die „Dichterin der Neuen Sachlichkeit“ am Savignyplatz aus der S-Bahn gestiegen. Ich wollte mal wieder ins Kino gehen, ins „Filmkunst 66“.  Und die ehemalige Wohnung der Kaléko war im  Nebenhaus,  so wurde ich an sie erinnert. Über diesen Umstand hätte sie vielleicht ein Gedicht gemacht oder eine kleine Geschichte geschrieben, denn sie liebte Berlin genau wie ich, auch wenn sie hier in der Bleibtreustraße nicht ständig gewohnt hat (von 1936-19389, länger konnte der programmatische Straßenname nicht für treues Bleiben sorgen.
Ich ziehe das „Lyrische Stenogrammheft“ aus dem Regal und suche nach einem Gedicht, das meinem Zustand entspricht:


Ganz kleiner Schwips

Mir ist so kognakfroh zumut!
Schon tanzen Wand und Schränke..
Ich sag dem Tischherrn, was ich von ihm denke
Und schließe daraus: der Schnaps war gut.

Wenn andre taumeln, hab ich knapp nen Schwips.
- Ich kann mich leider niemals ganz betrinken.
Und wenn die andern Hirne sanft versinken,
...Meins bleibt aus Gips.

Ich trink mit einem Frack auf 'Du und Du'
Und hab selbst dabei noch Salonmanieren;
Denn neben mir geht mein Verstand spazieren
Und sieht still zu. (...) "

 

Die Wurzeln der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko waren in Polen.  Die Familie lebte in Berlin im Scheunenviertel. Ende der zwanziger Jahre kam Mascha Kaléko mit den Avantgarde-Künstlern Berlins, die sich im Romanischen Café trafen, in Kontakt. Sie wurde hier inspiriert und unterstützt, zu schreiben. 1933 publizierte sie „Das lyrische Stenogrammheft“.
Ihr ruheloses, manchmal trauriges Leben hat mich wiederum zum Schreiben inspiriert. Genau wie sie, habe ich eine Zeit lang meinen Lebensunterhalt als Werbetexterin verdient.

 

                  Mathilde

Meine Schweizer Freundin ist in Berlin zu Besuch. Sie war lange Zeit nicht mehr in den Hackeschen Höfen, darum treffen wir uns am Ampelmann-Laden, in dem es viele Souvenirs mit dem DDR-Ampelmännchen gibt. Er existiert hier schon ziemlich lange, aber damals war er bedeutend kleiner. Ampelmann war ein Erfolgsrezept, während viele andere Geschäfte mehrfach Sortiment und Inhaber wechselten.
Die Fassaden der Häuser begeistern uns aber durchgängig seit der Sanierung von 25 Jahren. In einem der schönsten Häuser im ersten Hof gibt es ein Kino in der 4. Etage. Das Treppenhaus mit goldverziertem Stuck und Jugendstil-Ornamentik ist so schön, dass ich auf jeder Ebene eine Bewunderungspause  einlege. Der Duft von frischem Popcorn kommt näher und erinnert uns daran, dass sich hier oben ein Kino befindet.
In 20 Minuten startet hier „Mathilde“,  ein Film, der laut Presse das russische Unterhaus zum Kochen bringt. Angeblich sollen die Kinos angezündet werden, die diesen Film zeigen.  Ein Politikum mit Popcorn. Der Film ist OmU, also in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
Wir trauen uns trotzdem und sowieso bin ich Fan von Lars Eidinger.  In den Gazetten war zu lesen, dass er nicht zur Premiere nach Moskau fuhr, weil er Morddrohungen bekam. Soweit ist es also schon wieder. Die Zaristen sehen das Andenken an die Kaiserfamilie beschmutzt.
Lars Eidinger spielt den jungen Zaren Nikolaus, der weder den Anforderungen seines Amtes noch seinen Gefühlen gewachsen ist. Und das macht er verdammt gut. Der Zar soll eine Vernunftheirat eingehen, liebt aber die  Primaballerina Mathilde. Es gibt Hofstaats- und Ballettintrigen vom Schrecklichsten, dazu gewaltbereite Handlanger der Regierung und den Nervenarzt Dr. Fischl, der als Medium praktiziert und Menschenversuche durchführt.
Ein Ausstattungsfilm erster Güte, dem ich in allen Kategorien die höchste Punktzahl geben würde.  Eine bunte Phantasmagorie, für die sich das Erklimmen der vielen Treppen gelohnt hat. 
Das an den Haaren herbei gezogenen Politikum werde ich in der Presse weiter verfolgen.

 

 

                                          Das Arbeitszimmer

Sobald ich auf meinem Lieblingsplatz in der Küche sitze, hefte ich den Blick auf diese unkomplizierten Worte. Das Arbeitszimmer befindet sich im Erdgeschoss des gegenüber liegenden Hauses.
Ich könnte stundenlang dorthin schauen und abwarten, ob etwas passiert.
Am Morgen ist noch alles dunkel. Gegen 10.00 Uhr verabschiedet sich küssend ein Pärchen, sie geht hinein, er schiebt sein Rennrad weiter. Nun kommt noch jemand auf dem Mofa, die Laptop-Tasche quer umgeschnallt, und zwei Frauen mit etwas mehr Gepäck und bunten Jacken treffen ebenfalls ein.
Drüben sichte ich die ersten Kaffeebecher und Thermosflaschen auf den Schreibtischen. Ich ziehe mit und rühre mir ein Heißgetränk an. Brot und Marmelade schiebe ich beiseite und schon habe auch ich ein Arbeitszimmer.
Aber diese Leute sind ja nicht bei sich zu hause wie ich in meiner Etagen-Küche. Sie haben sich den Schreibtisch gemietet. Für einen Tag, Monate oder gar Jahre? Im Gegensatz zu mir sind sie Teile der nomadisierenden, globalisierten Gemeinschaft. Keine Ahnung, ob sie irgendwas verbindet, ob sie es tagelang und überhaupt in dieser Bürogemeinschaft aushalten können. Auch im unscheinbarsten Zimmer einer ganz normalen Straße gibt es mittlerweile virtuelle Arbeitsplätze: Einstöpseln und fertig.
Vielleicht wird drüben ein neues Wirtschaftswunder in Gang gesetzt? Ein neues Google entsteht oder noch ein Zalando?
So richtig nach Mindspace sieht es hinter der Hecke nicht aus, aber wer weiß?
Vielleicht sitzt dort auch eine Frau, die zu Haus zu viel Trubel hat und die Inspiration der fremden Umgebung braucht, damit sie in Ruhe ihren Blog weiter schreiben kann?

 

 

Spazieren an der Spree

Die „Blaue Stunde“ naht. Für mich ist es die Happy Hour in meiner rauen Stadt. Noch glitzert die Spree durch die Brücken hindurch, in einer Stunde wird es dunkel sein. Ich starte am (geschlossenen) Strandbad Mitte und gehe auf dem Kiesweg am Ufer. Die bunten Liegestühle sind längst eingeräumt, aber auf den Bänken des Monbijouparks  und an der Uferbefestigung haben sich Menschen mit ihren Flaschen und Gläsern niedergelassen. Zwei Barden konkurrieren singend um die Gunst des Publikums. Es ist angeblich nichts mehr los, denn das Podest für die Tangotänzer ist abgebaut und das Hexenkessel-Theater mit Pizzeria und Bar wird gerade abetragen; der Platz wird winterfest gemacht.
Diese Herbststimmung mit den milden Farben gefällt mir.
Von der Brücke am Bode-Museum aus kann der Blick zu beiden Seiten schweifen. Hier sehe ich die S-Bahnen und Express-Züge über die Brücken rasen und auf der  anderen Seite lockt in der Ferne das sich drehende runde, neonrote Logo des Berliner Ensembles Besucher ins Theater.
Flachen Lastkähnen und Ausflugsdampfern schaue ich auch gern hinterher.
Auf den Treppenstufen des Bode-Museums warten viele Fotografen mit ihrem technischen Zubehör auf den magischen Moment, der Tag und Nacht trennt. Ich reihe mich ein. Die Stimmung erinnert mich an Silvesternächte, die ich hier auch schon verbrachte, auf den magischen Moment um Mitternacht wartend.
Noch bin ich ohne Feierabend-Getränk, aber das ändere ich auf dem Uferweg, der bis zur Weidendammer Brücke führt. Restaurants und Bars laden mit Lämpchen in den Bäumen und Windlichten auf den Tischen die Besucher ein, am Ufer zu sitzen. Nach einem Gin-Tonic im Halbdunkel zieht es mich dann doch wieder auf die laute, helle Straße.
Unglaublich, dieser Betrieb auf der Friedrichstraße mit ihren vielen Geschäften, Theatern, alten und neuen Häusern, Restaurants, Museen, Gedenkstätten und vor allem: dem Friedrichstadtpalast. 
The Show must go on.  Das ist mal klar.

 

 

...sonntags bis donnerstags Schienenersatzverkehr...
...sonntags bis donnerstags Schienenersatzverkehr...

BVG und SEV

In Berlin wird viel gemeckert, aber natürlich immer mit diesem ganz speziellen Humor, den nicht jeder versteht oder gar mitlachen kann. Ein praktisches Beispiel: Was sind die vier natürlichen Feinde der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)? Klar:
Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Und wie lautet das Hass-Wort aller Arbeitnehmer im Berufsverkehr?: SEV!
„Schienenersatzverkehr“ gibt es immer dann, wenn bei der S- und U-Bahn nichts mehr geht.
Dieses Wort bringt stets auch ausländische Touristen in Verlegenheit. Japaner raffen es so wenig wie Norweger oder Afrikaner. Eingeborene versuchen sich tapfer mit Übersetzung und Erklärungen. Ich höre lieber weg und ärgere mich, bis die Vernunft wieder Oberhand gewinnt.
Klar, Materialien, die ständig benutzt werden, müssen erneuert werden. Im U-Bahn-Tunnel läuft die Meute dann den Schildern nach bis zur nächsten Bushaltestelle, die dafür eingerichtet wurde.
Nach 20 Minuten drängt alles in den überfüllten Bus, für den ich mich umsonst beeilt habe. An meiner Start-Station, wurde groß angekündigt, dass der SEV um 23.00 Uhr beginnt.
Ätsch, umsonst gerannt, um eine Viertelstunde vorher und damit rechtzeitig auf dem Bahnsteig zu sein: Keine durchgehende  U-Bahn mehr. Kein Verlass auf niemanden.  Darum will frau unbedingt den nächsten SEV schaffen - und stürzt in der Hektik gegen den Bus. Autsch, aufgeschlagene Knie, Schürfwunden, aber nichts gebrochen.   Und wenn meiner Freundin Maggy in Hamburg zur gleichen Zeit ein ähnliches Unglück passiert, sind wir im Pech vereint.
Ergibt das nun Glück wie in einer Algebra-Gleichung? Hoffen wir das Beste und säen Glücksklee. Bis zur Ernte üben wir Algebra.

 

In literarischer Gesellschaft

bin ich in Berlin ja an fast jeder Ecke. Mein Spaziergang zur Chausseestraße in Mitte führte mich zwar am ehemaligen Wohnhaus Wolf Biermanns vorbei, aber erst jetzt hatte ich Zeit, bei seinem großen Vorbild B.B. vorbeizuschauen.
Das Literaturforum im Brecht-Haus ist fast ein Pilger-Ort. Hier wird für kulturelle Bildung gesorgt! Die  Brecht-Weigel-Gedenkstätte mit dem Bertolt-Brecht-Archiv ist inzwischen eine Einrichtung der Akademie der Künste und kann besichtigt werden.
Von seinem Arbeitszimmer in der Chausseestr. 125 konnte Brecht auf die Birken schauen, unter denen er 1956 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof  begraben wurde. Ein Ort, den ich gern besuche und derer gedenke, die hier ruhen. Zweifelsfrei  ist Brecht der bekannteste, wenn auch zeitlebens nicht der beliebteste. So hat Helmut Karasek einmal behauptet, er sei ein gutes Aushängeschild gegen den Westen gewesen, aber  zu links und zu formalistisch... Andere fanden ihn zu moralisch und die Frauen warfen ihm Untreue und mangelnde Körperhygiene vor.. 

Ob der Geheime Oberbaurat und Architekt des Königs, Friedrich August Stüler, sich länger im Badezimmer aufgehalten hat?  Oder Fritz Teufel, auf dessen Grabstein sein berühmtes Zitat steht: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient“.  Herbert Marcuse empfiehlt über den Tod hinaus: „Weitermachen“.  Auch Heiner Müller wurde hier begraben, allerdings ohne Zitat, wie auch Wolfgang Herrndorf, der sich vor 4 Jahren am Nordhafen erschossen hat.
So viele berühmte Menschen mit ihren Geschichten. Erst vor zwei Wochen wurde der unerschrockene Spötter und Menschenmaler, Johannes Grützke, hier beerdigt. Es gibt darum noch keinen Gedenkstein, sondern  vorerst nur ein Holzkreuz zur Erinnerung an einen,  der sich der „Tyrannei der Abstraktion und des Rechten Winkels“ stets  zu widersetzen wusste. 
Ich komme bestimmt noch einmal hierher, spätestens dann, wenn jemand beerdigt wird, der die Quadratur des Kreises geschafft hat.

                                   Ein Kino und ein unmögliches Café

Gestern war ich mit einer Freundin im Kino am Friedrichshain. Nach dem überflüssigen Gruselfilm „ES“ muss Frau natürlich noch ins Café an der Ecke (Aromas Café, Prenzlauer Allee, Ecke Marienburger Straße) und alles besprechen.
Das ist normal. Völlig anormal ist, dass der natürliche Kreislauf des Heißgetränks hier zu Ende ist.
Kein WC!
„Gehen Sie in die Bäckerei da vorne, wir haben hier kein WC“, war die Auskunft, nachdem wir bezahlt hatten.
Nächstes Mal nehme ich meinen Freund vom Gewerbeaufsichtsamt mit.

 

 

Der Weg zur Balance

 

führt erst einmal über das holprige Pflaster der Metzer Straße. Ich bin an der U-Bahn-Station Senefelder Platz ausgestiegen, um von hier aus den Ort zu finden, an dem ich Qi Gong erlernen möch-te. Konzentrations- und Bewegungsübungen, die Körper und Geist kultivieren, werden mir gut tun.

Aus dem riesigen Angebot der Volkshochschule habe ich mir den Kurs rausgesucht, der an einem schönen Ort stattfindet. Ich überquere die Koll-witzstraße, die Kolmarer- und Belfortstraße, bis ich auf der Prenzlauer Allee lande. Durchsanierte Straßen, schöne Bäume in der Herbstsonne, viele Restaurants und Geschäfte - hier lässt es sich leben.

Die VHS-Kurs findet im Pankow-Museum statt. Da habe ich wieder einmal Glück gehabt, dass es keine muffige Turnhalle aus der Kaiserzeit ist, sondern die Aula im 3. Stock des Muse-ums, mit Stäbchen-Parkett und Kassettendecke. Ich bin begeistert, denn auch noch der Blick aus den vielen Fenstern hier oben wird belohnt. So finden die ersten Energie-Übungen zwischen Wasserturm und Bildungsstätte „Sebastian Haffner“ statt.

Wenn der wüsste.... Der große Publizist, Jurist und Historiker hat mich bereits in jungen Jahren beeindruckt und beeinflusst. Hier treffe ich nun wieder auf seinen Namen, der Kreis schließt sich.

Und nach diesen Wahlergebnissen werden seine Schriften zur Geschichte aktueller sein denn je.

 

 

 

Luther - und kein Ende

 

Heute brauche ich Input. Kein Ort in meiner Nähe eignet sich dafür besser als die Katholische Akademie in der Hannoverschen Straße. Ein Blick ins Programm sagt, dass heute Abend Friedrich Dieckmann und Dr. Wolfgang Thierse über den großen Befreier, Dr. Martin L., diskutieren werden.

In der Abendsonne spaziere ich vom Rosenthaler Platz durch die (zur Zeit sehr angesagte) Torstraße. Kleine und noch kleinere Restaurants haben ihre Tische auf den Gehweg gestellt. Zum Teil mit weißen Tischdecken und Blumenvasen dekoriert, wollen sie die Gäste anlocken. Noch ist fast alles leer, auch der Eck-Laden, der auf großen Tafeln mit Original nord-irakischer Küche wirbt. Ich bin nicht informiert, welche Spezialität sich hier offenbaren wird. Männer mit schwarzen Bärten und ölig zurück gekämmten Haaren hantieren im Inneren. Keine Zeit mehr, auf die Speisekarte zu gucken, denn Dr. M.L. wartet. Jetzt noch über diese wilde Kreuzung Chausseestraße-Torstraße-Hannoversche Straße. Es ist lange Rot und ich habe Zeit, das Haus an der "stumpfen Ecke" zu betrachten, in dem „olle Wolf Biermann“ zu DDR-Zeiten wohnte. Ich hatte von ihm damals eine LP mit einem wunderschönen schwarz-weiß Cover: „Chausseestraße“. Darauf waren all die Sehnsuchtslieder aus der versunkenen DDR-Welt. Donald Duck würde jetzt sagen: „Keine Sentimentalitäten.“

Ich erreiche die Katholischen Höfe des Erzbistums und bekomme einen guten Platz, um dem Diskurs zu lauschen. Das neueste Buch von Friedrich Dieckmann wird besprochen: „Luther im Spiegel. Von Lessing zu Thomas Mann“. Die zwei Stunden vergehen wie im Fluge und ich habe nicht nur neue Erkenntnisse gewonnen, sondern Herrn Thierse als charmanten und witzigen Moderator kennen gelernt. Außer mir gibt es wohl nur wenige, die KEIN Buch über Luther geschrieben haben...auch Herr Schorlemmer hat nachgelegt, wie ich beim anschließenden Wein erfuhr.

Das Angenehme an dieser Bildungsanstalt ist der freigiebige Umgang mit Wein und Wasser, der überaus freundliche Direktor, das angenehme Publikum und der freie Eintritt plus Ausschank an so manchen Abenden (wie heute)!

 

 

 

Sehnsucht nach Berlin

 

Berlin wird immer mehr Berlin.
Humorgemüt ins Große.
Das wär mein Wunsch: Es anzuziehn
Wie eine schöne Hose.
Und wär Berlin dann stets um mich
Auf meinen Wanderwegen!
Berlin, ich sehne mich in dich.
Ach, komm mir doch entgegen!
                                                     (Joachim Ringelnatz)

Auf tausend Füßen kommt  mir  meine Lieblingsstadt täglich entgegen. Das passt vielen Bewohnern gar nicht, denn das Geschrei zum Thema Tourismus ist groß und hallt speziell in den Straßen mit Hubbelpflaster laut wider: die Rollkoffer-Garde ist unterwegs.
Feindbilder gab es hier in meiner Erinnerung immer: Studenten,  Ausländer,  Schwaben, Yuppies, Hipster. Jetzt eben Touristen. Austauschbar.  Wir, die zuerst hier waren, sind gegen die Dazugekommenen. Und wenn die alle nicht in Berlin wären, würden die Mieten trotzdem nicht sinken. 
Aber ohne Touristen wäre die Stadt langweiliger, finde ich.  Die berühmte kulturelle Vielfalt ist ohne die Besucher nicht vorstellbar. Dafür müssen spezielle Gegenden (ich hasse das Wort „Kiez“) leider viel Müll und Lärm ertragen. Wer in den Hotspots wohnt, hat wirklich guten Grund, genervt zu sein, aber nicht das Recht, die Besucher für die eigenen Probleme verantwortlich zu machen.
Es geht ja nicht nur um die Feier-Ballermänner; viele Touristen bleiben mehrere Monate - und viele Berliner verhalten sich nicht anders, auch sie sind ständig in anderen Städten zu Besuch und trinken die hier verpönte Soja-Latte. Ob der Berliner Tourist auf Jesus-Latschen leise und ohne Roll-Koffer übers mittelalterliche Pflaster in Heidelberg schleicht, wage ich zu bezweifeln. 
Mein Fußball spielender Neffe sagt in solchen Situationen: „Ball schön flach halten!“

 

 

Das Foyer-Restaurant der Deutschen Oper                                                                                    U-Bahnhof Vinetastr.

                             Alle Wege sind Heimwege

In Berlin ist man wacher als anderswo. Das wird mir immer wieder spät abends in der U-Bahn klar. Nach einer grandiosen Lohengrin-Aufführung steige ich an der Deutschen Oper in die U2. Für mich das erste und einzige Opernhaus mit Gleisanschluss. Der U-Bahn-Ausgang führt direkt ins Parkett - und umgekehrt.
Ich warte geduldig mit Leuten in Seidenkleidern, Perlenketten, Lackschuhen und gedeckten Anzügen. Die langen Glitzer-Roben sind längst ins Taxi gestiegen. Das elegante Publikum muss sich zwischen die müden und bepackten Mitfahrer drängen, die vom ZOB kommen und bereits an der Station Kaiserdamm eingestiegen sind. Am Ernst-Reuter-Platz steigen um diese Zeit keine TU-Studenten ein oder aus. Es geht zügig weiter zum Zoologischen Garten. Hier ist der erste große Wechsel. Die Eleganten werden weniger, dafür steigen jetzt Hungrige mit angebissenen Döner-Paketen und stinkenden Nudel-Boxen ein. Grässlich, ich wechsle am Wittenbergplatz den Waggon. Der müde Verkäufer des Obdachlosen-Magazins schleicht hinterher. Seinen Spruch will keiner mehr hören um diese Zeit, ich auch nicht. Zu meinem Euro bekommt er noch etwas von anderen Nighthawks und kann sich nun auch eine Nudel-Box kaufen.
Es geht weiter zum Nollendorfplatz. Hier wird es nun bunt und munter. Aus dem Einzugsgebiet der Schwulenszene steigen meistens interessant gekleidete und fantasievoll dekorierte Männer ein. Leder, Lack und Latex. Grobe Stiefel und protzige Ringe an Händen mit schwarz lackierten Nägeln.
Die vielen Etablissements in dieser Gegend spucken um diese Zeit auch ihre Gäste aus, die am nächsten Morgen zur Arbeit müssen oder noch mal umsteigen, um weiter zu feiern. An der Bülowstraße passiert nichts Spannendes.
Am Gleisdreieck steigen meist junge Leute aus, die hier in die U1 umsteigen, Richtung Warschauer Straße. Die angesagte Partygegend in Kreuzberg bekommt nachts nochmal richtig Zuwachs. Nicht nur am Wochenende mit der Touristen-Invasion. Am Potsdamer Platz wird die Bahn wieder richtig voll. In Mitte gibt es so viele unterschiedliche Attraktionen. Bei den Fahrgästen kann ich auch hier Kategorien bilden: diese kommen aus der Komischen Oper, jene von einem Empfang, andere von einer Wissenschafts-Veranstaltung oder einer Geburtstagsfeier.
Jetzt kommt die langweilige Strecke durch Berlins alte Stadtmitte, deren Geister-Bahnhöfe zur DDR-Zeit verdunkelt waren und nicht angefahren werden durften: Mohrenstraße, Stadtmitte, Hausvogteiplatz, Spittelmarkt, Märkisches Museum, Klosterstraße. Wir erreichen den Alexanderplatz und wer schon sanft eingeschlafen ist, wird durch den Krach
wach gerüttelt. Es steigen wieder öffentliche Esser ein, aber auch laut grölende Trinker mit Bier und Schnapsflaschen. Mädchen mit sehr kurzen Kleidchen, die ihre kompletten Schmink-Utensilien ausbreiten und in der Bahn noch alles nacharbeiten und Frisuren formen. Zum Hühnerduft kommen jetzt Haarspray und Rossmann-Parfüm. Schön ist das alles nicht. Schließlich ist die U2 kein Erholungsort.
Am Rosa-Luxemburg-Platz steigen einige Menschen aus, weil es hier viele Hostels gibt. Die wenigen Nachtgäste aus dem Roten oder Grünen Salon der Volksbühne müssen jetzt schnell nach Hause und fahren sicher mit bis Pankow. Der Senefelder Platz ist praktisch auch eine Hotel-Station, hier wird nur ausgestiegen. Die echte Party-Haltestelle kommt aber jetzt: Eberswalder Straße! Hier in der Gegend muss die Post abgehen, denn hier steigen fast alle aus. Laut singend und die Flaschen schwingend trifft man sich auf dem Bahnsteig.
Nun ist die Bahn fast leer, kein Schminkstudio mehr, nur noch müde, leise schnarchende Mitfahrer. Die Schönhauser Allee ist tagsüber die lauteste und vollste Station, aber um diese Zeit steigen nur noch wenige Menschen ein und aus, die schnell nach Hause wollen. Ich auch. Meine Station heißt Vinetastraße. Angekommen!

 

       Das Wort vom Sonntag.....

kommt aus keiner geringeren Kirche als dem Berliner Dom in Mitte. Schon die Tramfahrt dorthin durch die noch ruhige Stadt bringt ein schönes Sonntagsgefühl. Ich steige am Hackeschen Markt aus, um mich von der Rückseite an das mächtige Gebäude heranzutasten.
Es ist 9.30 Uhr, aber die Reste der Berliner Nacht sind noch lange nicht weggeräumt. Zerbrochenes Glas, Partymüll ohne Ende und viele aufgeritzte orangefarbene Mülleimer der Stadtreinigung. Unter den Brücken schlafende Personen, zugedeckt mit den bunten Decken der umliegenden Restaurants.
Müde Biergesichter taumeln durch die Straßen und saugen an filterlosen Zigaretten.
Und dort leuchtet mein Ziel mit goldener Turmzier in der Sonne..
Die Theologische Fakultät der Humboldt-Uni ist hier direkt am Spree-Ufer. Für einen Moment genieße ich auf der Brücke Sonne, Wind, Stille und die dahingleitenden Touristenboote auf dem Fluss. Noch ein paar Schritte und ich stehe vor dem riesigen Portal. Mon Dieu, kleiner hatten sie es damals wohl nicht, es musste ja mit dem Petersdom zu Rom vergleichbar sein...
Viele, viele Ehrenamtliche mit wichtigen Gesichtern, Namensschildern und Programmen in den Händen stehen neben uniformierten Security-Männern mit Knopf im Ohr Spalier.  Nach all den schrecklichen Ereignissen ist es nicht mehr so einfach, einen Gottesdienst zu besuchen. „Fürwahr, wir leben in finsteren Zeiten“ , sprach einst Bert Brecht. Und das auf dem Weg zur Erleuchtung....denke ich ganz still bei mir.
Ich habe es geschafft, ins Innere des "Wals" zu kommen, und schon wird es hell: ganz in Gold getaucht stehen die Repräsentanten meiner eingetragenen Religion rings herum. Hier wird geklotzt, nicht mit Gold und Marmor gekleckert. Gott und Gold...

Zur Eröffnung und Anrufung dröhnt die große Orgel. Mir schwinden fast die Sinne. Glauben ist schön, laut, golden, mächtig.  Am nächsten Sonntag versuche ich es mal eine Nummer kleiner. Amen.

 

 

Kleine Sommerreise

 

Von Berlin aus kann man prima ins Brandenburgische Umland verreisen. Mit dem BVG-Ticket (65 plus) kann ich nach Herzenslust und zu jeder Zeit ohne Aufpreis eine Reise starten. Diesmal soll es die Landeshauptstadt sein. Vom Bahnhof Friedrichstraße steige ich in den Regionalzug nach Potsdam. An diesem strahlend schönen Sommertag verzichte ich auf Preußens Gloria in der Altstadt und gehe über die Lange Brücke hinunter zum Anleger. Das Flaggschiff der Flotte erwartet mich. Auf der „Sanssouci“ werde ich die nächsten 4 Stunden durchs Havelland gleiten. Idyllisch gelegene Orte und die Sehenswürdigkeiten entlang des Flusses erklärt der Kapitän. Zu meiner großen Freude geschieht das in einem freundlich-neutralen Ton. Keine zweideutigen Witze oder Musik-Beschallung, die den friedlichen Tag stören könnten.

Welch ein Genuss, so sanft an Templin, Caputh , Petzow, Ferch und Werder vorbei zu fahren. Schlösser, Kirchen, Brücken und eindrucksvolle Wohnhäuser gibt es bestaunen, darunter auch das Sommerhaus von Albert Einstein. Und auf dem Wasser tummelt sich einiges: Hausboote und Flöße (die sind wohl sehr in Mode), auch die knallbunte Quietsche-Gummi-Ente kommt vor.

Die Anlegestellen führen nicht nur zu Restaurants oder historischen Besonderheiten, auch der Supermarkt-Gigant ALDI hat hier nah am Wasser gebaut und einen Boots-Parkplatz eingerichtet, an dem die Wasserfahrzeuge für eine Stunde festmachen können, um die Sonderangebote wahrzunehmen. Die Zeiten von Schiffszwieback und verfaultem Wasser sind vorbei, hier kauft man Schampus und französischen Käse. Bon appétit !

          Summer in the City

 

Ecke Schönhauser Allee, ganz in meiner Wohnnähe, gibt es Emils Biergarten. Ziemlich verrottet, ungemütlich, laut, ungastlich, so, wie es der Berliner eben mag. Das Areal der ehemaligen Willner-Brauerei, seit etlichen Jahren zur Zwischennutzung vermietet, wurde gerade vom früheren Eigner und Karstadt-Bankrotteur, Berggrün, weiterverkauft.

Der wohlklingende Name erinnert mich an eine der schönsten Kunstsammlungen in dieser Stadt, die im Stüler-Bau, gegenüber dem Schloss Charlottenburg, untergebracht ist. Vater und Sohn = 2 Welten. Aber ich schweife ab.

BIERGARTEN: ein Muss für die sommerliche Metropolen-Existenz. Die regenfreien Tage werden sofort genutzt, lauwarmes Fass-Bier auf ungemütlichen Bänken im Freien zu trinken. Ja, es gibt auch Wein. Der wird aus großen Pappkartons mit Zapfhahn abgefüllt, rot oder weiß, größere Differenzierung ist nicht möglich. Um 21.30 Uhr ist die Farbe sowieso egal, denn bis 22.00 Uhr muss alles erledigt sein, weil sonst die dicht auf dicht wohnenden Nachbarn zu Recht die Polente rufen. Ruhestörung (mitten in der lauten Stadt) heißt dann das Delikt.

Trinken allein geht ja heute nicht mehr, darum muss ein Kulturprogramm her. Dienstag und Donnerstag sind während des Sommers die Kinotage mit Gruselfilmen wie „Komm, süßer Tod“ oder „Der Knochenmann“.

Aber das Grauen findet nicht nur auf der Leinwand statt. Von den morschen Kino-Liegestühlen reißt ständig der Stoff oder das Gehölz bricht zusammen. Schlagartig glotzen alle zum Knochenmann, der jetzt verwundet im Brauerei-Kies auf dem Boden liegt. Da hilft nur ein kalter Umschlag mit Rhabarber-Schorle und ein Anruf bei 112. Laut heulend bringt der Rettungswagen den Patienten in das nächste Krankenhaus mit dem schönen, aber verrückten Namen „Maria Heimsuchung“. Gruseliger kann kein Open-air-Film sein.

 

 

Stadt(teil) der Dichter und Denker

 

Auf Pankow lass ich so schnell nichts kommen. Ungeachtet der Tatsache, dass ich hier nun schon seit über 5 Jahren wohne, entdecke ich täglich Spuren von Menschen, deren Werke ich bereits längere Zeit kenne. Heiner Müller hat hier gewohnt ; am Kissingenplatz, in der 

Nähe der S- und U-Bahn-Station Pankow.  Als ich zum ersten Mal an diesem Haus vorbei ging, fiel mir einer seiner Kernsätze ein: "Kunst kommt von Niederlage" .  In den 50iger 

Jahren verbrachte er einige Zeit in  dieser  unscheinbaren Siedlung.  Hier wohnte er mit

seiner 2. Frau Inge- Ein Dichter-Paar, das ich sehr verehre und deren Zusammen-Leben so schwierig wie möglich war, denn sie gerieten mit ihrer Kopf-Arbeit stark in Konkurrenz. Ein Thema, das mir sehr bekannt ist.

Eine schlecht lesbare Gedenktafel erinnert an ihre gemeinsame Zeit in Pankow. Inge Müller, die vor der Heirat mit Heiner bereits schwierige Zeiten im und nach dem Krieg hinter sich hatte, nahm sich in dieser Wohnung mit Gas das Leben. Aus einer Biografie weiß ich, dass sie auf dem Friedhof Pankow II in der Gaillardstraße  beerdigt wurde. Das kaputte Schild an der klapprigen Pforte lässt schon ahnen, dass ich ihr Grab nicht finden werde. Hier ist alles schon fast abgewickelt, es gibt nur noch vereinzelte Gräber. Der alte Friedhof bei den Flora-Gärten muss weichen, es wird Bauland für neue Wohnhäuser gebraucht.

Ich  hätte Inge Müller gern kennengelernt. Schöne Worte von ihr:

 

Allerleirauh

Mann ist und Frau

Finden und Trennen

Keiner kann's nennen

Allerleirauh.

 

Ihr (damals junger und sehr schwieriger) Ehemann Heiner wurde auf dem Promi-Friedhof der Dorotheenstadt an der Chausseestraße beeerdigt. Er hat sie Jahrzehnte überlebt und wurde sehr berühmt in Ost und West. Dort liegt er in guter Gesellschaft. Aber das ist ein anderer Friedhofs-Spaziergang, über den ich gern berichten werde.

Inge Müller schrieb 1956 ein Gedicht über ihren Mann, der beim Schriftstellerverband der DDR ein Jahr lang "Mitarbeiter für Dramatik" war und dafür  400 Mark im Monat bekam.

 

Seine Stirn ist breit und gewölbt

eine Gedankenkuppel

seine Wangen sind eingekerbt

ach so seine Augen schauende Gewässer

sein Gang wie ein Windspiel

an den Müllkästen des Lebens vorbei

nun ist er Dramatiker

um seine Lyrik zu schützen

das 21. Jahrhundert erwartet ihn

 

                                     

                                     Zeit fürs Museum

"Antizyklisches Verhalten" ist ein Lieblingsbegriff von mir. Darum gehe ich bei größter Hitze im Hochsommer gern ins Kino oder ins Museum. Die wenigen Besucher stören nicht und es ist angenehm klimatisiert. Zuerst besuche ich das BODE-Museum 
 auf der Museumsinsel. Es interessiert mich brennend, den Raum  im Münzen-Kabinett zu sehen,  aus dem die riesige Goldmünze vor einigen Wochen gestohlen wurde. Nach eingehender Tatort-Besichtigung zieht es mich dann aber doch in die unteren Räume zu herrlich bunten Mosaiken aus Byzanz, vielen, vielen Altarbildern und etlichen Darstellungen der Biblischen Geschichte. Hier begegne ich zum ersten Mal der Darstellung  einer gekreuzigten Frau (Osnabrück 1520), der "Heiligen Kümmernis" , auch "Liberata" genannt. Sie wurde von ihrem heidnischen Vater wegen ihrer Liebe zu Christus gekreuzigt.

An einem anderen Tag war ich mit Kindern unterwegs, die sich im Museum für Kommunikation in der Leipziger Straße sehr wohlgefühlt haben. Sehr spannend ist dort die Rohrpost zum selber ausprobieren. Der Geschichte des Schreibens ist ein großer Saal gewidmet. Siegelringe, Federkiele und Tintenfässer, Brieföffner und Postkarten berühmter Leute gibt es zu bestaunen. 2270 Jahre altes Papyrus aus Ägypten ist das älteste Exponat. Und in der Schatzkammer des imponierenden Gebäudes gibt es die Rote und Blaue Mauritius zu bestaunen!

Rohrpost
Rohrpost

Kinder von heute haben für Rohrpost und alte Briefmarken natürlich nicht ewig Zeit, darum gibt es im Anschluss eine Fortsetzung mit zeitgemäßen Mitteln. Wir besuchen das  private Museum für Computerspiele an der Karl-Marx-AlleeAber hier habe ich nur die Rolle der Begleitung und muss gestehen, dass  mich  hier überhaupt nichts interessiert. Meinen kleinen Freunden geht es ähnlich und nach 30 Minuten sehnen sie sich ins Legoland.  Also auf zum Potsdamer Platz ! 

                                   Blaues Aufräumen

 

Ein Sommertag voller dunkelgrauer Wolken und der Ankündigung schwerer Gewitter. Schwül wie in Saigon. Zu viel Bewegung wird nicht empfohlen.

Also beginne ich ganz langsam meine Bücher aufzuräumen, zu entstauben - und wieder einmal zu minimieren.

Ich bleibe bei einem ganz kleinen Reclam-Band mit BLAUEN GEDICHTEN hängen.

So ein schönes Thema!

Verzückt setze ich mich damit auf den Balkon zur (selbst gezogenen) blauen Ackerwinde und lese ihr blaue Gedichte vor.

Das war es wieder mal mit dem Aufräumen!

 

                                            Blaupause

                                            Schlaflos im Fenster die Nacht

                                            Fragt wozu das Ganze

                                            Weil ich die Antwort nicht weiß

                                            Das Dunkel läßt nicht mit sich reden

                                            Geh ich zurück in den Schlaf

                                            Der Morgen vielleicht weiß es anders.

                                                                                                                 (Heiner Müller)

 

 

Von unten nach oben

 

„Berlin ist zu groß für Berlin“, so der Titel eines Buches von Hanns Zischler. Ich ziehe es immer wieder gern aus meinem Regal. Den Schauspieler und Autor verehre ich sehr, aber seine Kritik an Berlin teile ich nicht. Mich animiert Berlins Größe zu Entdeckertouren.
Wie an diesem Sonntag. Um Mittag sitzen die Menschen fast alle in Frühstücks-Restaurants und die U2 ist angenehm leer. Ich steige am Olympiastadion aus. Zum ersten Mal stehe ich vor diesem Monument, das von vielen negativ beurteilt wird. Man findet es fürchterlich, weil es an die braune Vergangenheit erinnert. Mich zieht nichts hinein, bin weder an Sportveranstaltungen noch Konzerten dieser Größenordnung interessiert. Ich hab's gern 'ne Nummer kleiner und biege in die Trakehner Allee ein. Mein Ziel ist der Waldfriedhof Heerstraße. An einem heißen Tag ist es hier gut auszuhalten. Terrassenförmig, mit vielen Bäumen und Büschen und einem See in der Mitte, breitet sich die grüne Ruhestätte vor mir aus. Zwei Stunden habe ich hier zu gucken und nach den Gräbern Prominenter zu suchen.

 

 

Allen voran und mit dem größten Grabstein, der von vielen Enten geziert wird, finde ich den großen Loriot. („Herr Müller-Lüdenscheidt, die Ente bleibt in der Wanne !“) Unvergessen der „Halbstarke“ Horst Buchholz, sein Gab ist ein schattige Platzt. Der berühmte Tenor, Fischer-Dieskau, dessen „Winterreise“ mich stets zu Tränen rührt, hat es etwas sonniger, wie auch der Ex-Chef der „Schwarzwald-Klinik“, Klaus-Jürgen Wussow. Die Galerie der Grabsteine ist sehenswert und ich staune über die Ideen und deren Umsetzung. Über manches wundere ich mich. Alles Geschmackssache. Zwangsläufig stelle ich mir das eigene Grab vor. Bevor es schlimmer wird, tauche ich wieder auf, gehe an der schönen Kapelle aus roten Ziegeln vorbei zum Ausgang.
Das Wiener Kaffeehaus am Steubenplatz erreiche ich geradewegs von der Trakehner Allee aus. Ich bin im schicken Westend und beeindruckt von großartigen Villen und Häuserblocks. Berühmte Architekten schufen sich in Park- und Wohnanlagen hier ein Denkmal. Das werde ich alles noch einmal und dann viel genauer ansehen. Aber jetzt möchte ich im behaglich gespiegelten Retro-Raum des Cafés bei Kaffee und Kuchen sitzen. Über dieses Café habe ich schon viel gehört und genieße das feine Aprikosentörtchen. Wäre ich nicht in Begleitung, würde ich noch ein großes Stück Apfeltorte mit Sahne kommen lassen...
Wie gesagt: nächstes Mal. Nach der Stärkung geht es die Reichsstraße entlang in Richtung Theodor-Heuss-Platz. Vor dem Haus Nr 4 bleibe ich einen Moment stehen und denke an das Jahr 1969. Damals befand sich hier die Werbeagentur „unilife“, bei der ich als Texterin gearbeitet habe. Meine Wohnung war in Kreuzberg. Damals wie heute ist mir kein Weg zu lang. Jetzt könnte ich in die U2 einsteigen, um auf direktem Weg nach Pankow zu meinem jetzigen Wohnort zu fahren. Doch die Verlockung siegt: in der Radio 1-RBB-Dachgarten-Lounge von hoch oben über Berlin zu sehen. Meine Begleitung ist schnell überredet, wir fahren mit dem Lift in die 14. Etage. Noch bis Ende des Jahres ist der Dachgarten für jedermann offen. Wir werden mit einem großartigen Blick belohnt und gönnen uns dann auch noch ein Bier an der großen Bar.

Von „unter der Erde“ bis „über den Wolken“ - und das an einem einzigen Nachmittag!
Ein Prost auf Hanns Zischler.

Vielleicht ist Berlin ja doch zu groß für Berlin? Aber wie sollen wir es zusammenschieben ?