Eika Aue

Geboren in Hamburg.

Studium Soziologie und Psychologie

an der TU und FU Berlin, Uni Bremen.

Tätig in der Medienbranche, danach selbständig.

Lebte in Hamburg, Bremen und Kiel.

Ihre große Liebe aber gilt Berlin,

dort ist sie zu Hause

Eikas Berlin-Journal

Siehe auch Eikas Berlin-Journal 1

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        Der Frieden ist blau

Obwohl ich schon seit genau sieben Jahre wieder in Berlin wohne, war dies mein erster Gottesdienst in der Kaiser-Wilhem-Gedächtnis-Kirche am Zoo. Im deutsch-französischen Rundfunkgottesdienst wurde an das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren erinnert. Die Gäste der protestantischen Gemeinde aus Paris zitierten aus Briefen und Tagebüchern der französischen Soldaten. Der deutsch-französische Chor, dem meine Freundin angehört, sang sehr einfühlsam zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs und an die um sie Trauernden das  „Ubi Caritas“ von Maurice Duruflé.
Durch Predigt, Gebete und Fürbitten wurden auch meine Erinnerungen wach. Klar, auch mein Opa sprach häufig von Verdun, wenn er einen Schnaps zu viel hatte. Mein Vater erlebte den zweiten Weltkrieg in der Normandie. Frankreich war also häufig Thema in Gesprächen mit Kriegs-Kameraden, die viele Abende bei uns im Wohnzimmer saßen und tranken, wurde nichts Negatives, Ängstliches oder Trauriges berichtet. Soweit meine Erinnerung.
An diesem Sonntagmorgen musste ich das alles neu überdenken und zu hause nachlesen, wie es damals war, es ist weit weg.
Die Turmruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche ist ein Mahnmal für den Frieden und heute ein Museum. Vom Karlsruher Architektur Professor Egon Eiermann wurde das Berliner Wahrzeichen, der „Hohle Zahn“, 1961 um einen achteckigen Kirchenraum und einen Glockenturm ergänzt. Aus diesem Glockenturm erklang vor und nach dem Gottesdienst das Friedensläuten – wie zur gleichen Zeit überall in Frankreich. In diesem Moment schien die Sonne durch das blaue Fenster-Mosaik, Faszination pur. Die vielen  kleinen blau-bunten Fenster des französischen Glaskünstlers Gabriele Loire aus Chartre sollen die  Friedensbotschaft ausdrücken: „....nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Die Worte des Propheten Jesaja sagen es für den heutigen Tag.
Und für immer, hoffentlich.

 

 

                                Der Weg zum Schloss

Durch die stillen Wohnstraßen des Schlossbezirks in Charlottenburg lohnt sich der Bummel bei mildem Herbstwetter noch immer. Erstaunlich viele Einzelhändler konnten ihre Geschäfte halten, einige wurden neu eröffnet, andere dafür leider geschlossen.
Genau so ergeht es mir mit den Freunden. Eine zog kürzlich hierher in die Knobelsdorffstraße, eine andere verstarb in der Schusteruhsstraße und ein  ein Freund aus der Christstraße zog nach Karlsruhe. Nur in der Schlossstraße wohnte bisher keiner, den ich kannte, bin aber mit vielen Bekannten und Freunden in den letzten Jahrzehnten hier immer wieder herumspaziert.

Axial zum Kuppelbau des Schlosses verläuft der großzügige Verkehrsweg. Zwei Fahrbahnen und eine mit 4 Baumreihen besetzte Mittelpromenade kennzeichnen den repräsentativen Zugang zum Schloss. Ich kann mir gut vorstellen, wie der preußische Hofstaat sich auf den Weg machte, um Königin Sophie Charlotte, die Gattin Friedrichs I., zum Tee zu besuchen.
Ich komme natürlich nicht mit der Kutsche, sondern mit der U-Bahn und steige an der Station Sophie-Charlotte-Platz aus. Tee und Torte nehme ich heute mal nicht im Schloss ein, sondern im Wirtshaus KASTANIE. Stimmung und Gäste sind nicht wie zu Königs Zeiten, eher wie damals im alten West-Berlin. Alle grauhaarig, in die Jahre gekommen, wie ich. Bier und Wein schmecken noch genau so gut wie einst und die ganz Harten rauchen auch noch immer. Sie sitzen natürlich draußen auf dem Sommergestühl unter der Kastanie; in Decken gehüllt diskutieren sie noch immer über Politik. Auch die Boulespieler, die  schon seit Jahrzehnten  bei fast jedem Wetter den Mittelstreifen nutzen, kehren hier ein. Meine Freundin erzählte, dass Boule jeweils in den Schulferien anstatt der Chorprobe des Deutsch-Französischen Chors hier stattfindet. C'est si bon!
Mein Date will ich aber heute nicht in der Kneipe treffen, sondern vor einer Kneipen-Szene; ich bin vor einem Picasso-Gemälde hier in der Schlossstr. verabredet. Berlin hat mehr als 175 Museen, 4 davon allein hier.  Schräg gegenüber der KASTANIE gibt es das Heimat-Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, die Villa Oppenheim.  Mein Ziel liegt aber ganz am Ende der Straße, kurz vor der Kreuzung zum Spandauer Damm. Die Surrealisten-Sammlung Scharf-Gerstenberg im östlichen Stülerbau ist es nicht und auch nicht das Bröhan-Museum für Jugendstil und Art Déco. Nein, ich entschwebe in die sehr bevorzugte Sammlung Berggruen und hoffe, dass die „Absinth-Trinker“ von Picasso nicht gerade verliehen sind, denn dann würde mein älterer Freund sich sehr wundern. Es hängt dort, wo es schon immer hing, und er hat zur Begrüßung Absinth in einem silbernen Flachmann bei sich.

 

     Kunst und Urbanistik

„Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ , so lautet völlig zu Recht ein schönes Sprichwort. Im Alter sollte man sich nicht dem Neuen verschließen und mutig an der 10. Berlin- Biennale für zeitgenössische Kunst teilnehmen.  Eine kunstkundige Freundin lud mich zu einer Performance an einen  Austragungsort in Moabit ein, ins ZK/U: das Zentrum für Kunst und Urbanistik in der Siemensstraße 27.
Das Motto der Biennale WE DON'T NEED ANOTHER HERO prangt in rosa Lettern am Gartenzaun. Ich lese weiter, dass die zeitgenössische Kunst sich mit den anhaltenden Sorgen und Ängsten der heutigen Gegenwart auseinandersetzt. Aha! Sie will das „politische Potential von Strategien der Selbsterhaltung“ erkunden und verweist deswegen auf diesen Songtitel von Tina Turner (1985).
The Tony Cokes Remixes, die im Flyer als choreographischer Remix angekündigt sind, finden im dunklen Keller dieses Güterbahnhofs statt. Flackernde Bildschirme mit Textzeilen und 1 Mann und 1 Frau performen in englischer Sprache und recht gestenreich die Sorgen und Ängste der Gesellschaft....wie so oft ging es eindeutig um Potenzsorgen.  An dieser Stelle muss ich zugeben, dass es kaum etwas gibt, das mich mehr langweilt, und mich überkam die Angst, dass diese Darstellerin sich die spärlichen Klamotten  noch ausziehen könnte. Nichts wie weg! Am stützenden Arm der Freundin flohen wir aus dem dunklen Sorgenkeller der Kunst.

Oben in der Halle des sanierten Güterbahnhofs tobte ein bunter Flohmarkt, der hier „Gütermarkt“ heißt und monatlich stattfindet. Auf der Wiese davor fand ein Fahrrad-Markt statt und auf der Bühne dahinter griff der Moabiter Willie Nelson in die Saiten und sang dazu:  My Heros Have Always Been Cowboys. Vielleicht ist es doch  an der Zeit, sich mit den HEROS auseinander zu setzen? Schönes Thema … Am umlagerten Stand der Stadtfrauen-Küche schafften auch einige wahre HeldInnen die Bestellungen weg.
Ich freue mich, dass ich an einem Sonntagnachmittag, der häufig für Melancholie taugt, einen weiteren Heldenplatz in Berlin kennen gelernt habe, denn das Backsteingemäuer im Stadtgarten zwischen Westhafen und Beusselstraße wurde bereits 2013 aus Lottomitteln saniert und dient seitdem ca. 10 „Artists  in residence“ als Atelier und Wohnung für die Zeit eines Stipendiats. So lernen Künstler aus vieler Herren Länder diese Stadt kennen. Aber auch Stadtforschern wird die Gelegenheit gegeben, sich zu bewerben, denn ein steter Wandel  an diesem unabhängigen Denk- und Produktionsort ist geradezu erwünscht.
Ob es sich bei den Produktionen um Heldentaten handelt, bleibt abzuwarten. Ich gehöre dann gern zur anderen Gruppe derer, die am Straßenrand stehen und klatschen, wenn die Helden durch Moabit ziehen!

      Boulevard des Nordens ...

.. oder Kudamm des Ostens? Ich finde, beides passt nicht mehr so richtig zur Schönhauser Allee. Die schnurgerade Allee (sie hat wirklich viele Bäume) ist das Rückgrat des Stadtteils Prenzlauer Berg. Dieser Boulevard ist zu Ost- und West-Zeiten besungen, gemalt, gefilmt worden wie kaum ein anderer. Die berühmte Kreuzung unter der Hochbahnbrücke an der Station Eberswalder Straße fehlt in keinem Berlin-Krimi, in keinem Werbespot zum Thema Großstadt.
Schon 1957 hatte die Kreuzung einen großen Auftritt im ersten „Halbstarken“-Film der Defa „Ecke Schönhauser“ mit Brecht-Schauspieler (und Schwiegersohn) Ekkehard Schall.
Fünf Straßen führen hier in sechs verschiedene Richtungen, drei Straßenbahnlinien ratten zwischen den Autos, Fahrrädern und Skatern. Oben die U-Bahn, unten die S-Bahn und die unzähligen Autos. Als Fußgängerin muss ich hier hellwach sein, damit ich die andere Straßenseite lebend erreiche.
Es gab Zeiten, in denen ich mir einen Fußgänger-Orden verdienen wollte, indem ich einmal pro Tag die Schönhauser von Anfang (Torstraße) bis Ende (Wisbyer Str.) ging  - auf der einen Seite runter, auf der anderen wieder rauf. Zur Stadt-Indianerin bin ich nicht mutiert, habe aber in den letzten Jahren mitbekommen, wie Traditionsgeschäfte schlossen und Billig- und Klamottenläden einzogen. Immer weniger Suppengrün, Damenhüte oder Kinderkleidung, dafür immer mehr  Pfennigland, McGeiz und Nagelstudios. Verhungern wird hier niemand, denn die Futterkrippen aller Nationen stehen dicht an dicht. Turnschuhe und Brillen, Spätis und Änderungsschneider haben Einzug gehalten, doch ein schönes Café suche ich vergebens.  Nicht schlimm, denn die Schönhauser hat Seitenstraßen ohne Ende mit guten Orten für Zerstreuung. Ich werde sie nicht alle beschreiben.... aber die Stargarder Straße mit der Gethsemane-Kirche ist wohl die wichtigste, weil hier, im Oppositionsviertel, die Keimzelle der Bürgerrechts-Bewegung entstand. Die Kirche war ein von der Stasi überwachter „Sammlungsort“. Das 1893 aus roten Ziegeln gebaute Gotteshaus war gut 100 Jahre später, am 7. Oktober 1989, der Ort, an dem der Widerstand von der DDR-Volkspolizei niedergeknüppelt wurde. Danach waren die Tage der DDR gezählt.  Im Kirchenraum gibt es eine Dauer-Ausstellung mit Dokumenten und Fotos aus jener Zeit.
Die neue Zeit findet an der nächsten Straßenecke statt, wo ein Szenefriseur seinen betont lässigen Haarschneidesalon HAEDHUNTER nennt. Mir ist bekannt, dass dieses Gewerbe immer auf der Suche nach witzigen Bezeichnungen ist, um nicht „Friseur“ zu heißen. Jeder Schnitt kostet 20 Euro; Termine gibt es nicht, man zieht eine Marke wie beim Arbeitsamt und wartet, bis die Nummer aufleuchtet. Ob Kunde und Haarschneider zusammenpassen, ist reine Glückssache. Wichtig ist, dass man die laute Techno-Music aushält und auch sonst gute Nerven hat. 
Die  gesamten abgeschnittenen Haare werden erst nach 21.00 Uhr  zusammengefegt, so dass jeder die Übersicht hat, was da am Tag bei den vielen Kunden runter gekommen ist. Wirklich ungewöhnlich  -  aber so soll es ja auch sein.

 

                   Vineta

 

Von der sagenumwobenen Stadt, die mit all ihren Schätzen einst vom Meer verschlungen wurde, ist hier an der U-Bahn-Station Vinetastraße der Linie 2 nichts zu sehen. In diesem Sahara-Sommer denke ich nur all zu gern an die brausende, geheimnisvolle See, die über öde und trockene Straßen fegt. Fernere Ziele locken mich in diesen Tagen nicht aus der Stube, darum klebe ich am U-Bahnhof vor meiner Haustür und schaue, ob es in der Nähe etwas Berichtenswertes gibt.
Schon von weitem ist der gelbliche Turm der Evangelischen Hoffnungskirche in der Elas-Brändström-Straße zu sehen. Sie gehört zu den schönsten Jugendstilkirchen der Stadt und ist mit Psalmworten, die fragen und trösten, über den Portalen geschmückt: „Wen suchet ihr?“ „Gott ist unsere Stärke und Zuversicht“.
Der Innenraum ist farbenfroh und stimmungsvoll gestaltet. Über dem Altar leuchten die güldenen Sterne in einem nachtblauen Himmel, den ich schon bei manchem Konzert bewundert habe. Durch die Trelleborger-  und dann die Vinetastraße geht's unter prächtigen alten Kastanien zurück zum U-Bahnhof. Um in das östliche Viertel zu gelangen, überquere ich die Berliner Straße und passiere einen fern-östlichen Pavillon mit dem Schriftzug China-Town.
Man erzählt sich, dass hier früher ganz wilde Tanz-Abende stattfanden. Ob heute an der wilden Kreuzung noch eine China-Pfanne angeheizt wird, weiß ich nicht. Ab Mittag sitzen hier eher die Männer, die das Wenige, das sie essen, lieber trinken.  Es wird schon mal laut, aber der Verkehrslärm von der Straße, der Tram, U-Bahn und Bussen schluckt gnädig alle Kritik an der Welt, die von dieser Insel herüberschallt.
Bis hin zur Schrebergarten.Kolonie „Insel Rügen“ in Richtung Bornholmer Straße sind die Straßen nach versunkenen oder noch existierenden Ostsee-Orten benannt. In unmittelbarer Nähe streife ich das „Tiroler Viertel“. Ötztal, Dolomiten und Zillertal sind hier keine aufregenden Landschaften mit Bergmassiv und Lawinen, sondern normale, etwas langweilige Wohnstraßen. Am Andreas-Hofer-Platz biege ich dann ein in die Welt der Diplomatie. In sozialistischen Zeiten waren hier unter anderem die Auslandsvertretungen Brasiliens, Belgiens und der Schweiz. Heute sind in den etwas verloren wirkenden Villen die Botschaften Eritreas, der Mongolei und Ghanas zu finden. Man erreicht sie über die Stavangerstraße.
Von einem Nachbarn, der schon seit 40 Jahren hier wohnt (ich erst 7) erfahre ich noch ein spannendes Stück Kino-Geschichte. Ein ganz besonderes Pflaster gibt es vor dem Haus Berliner Straße 27 (Höhe Milastraße) zu sehen. Genau hier begannen die Brüder Max und Emil Skladanowski 1895 mit der Vorführung lebender Bilder. Die Geburtsstunde des Kinos in Deutschland war an dieser Stelle im Lokal „Feldschlösschen“. Das gibt es natürlich nicht mehr und das Kino „Tivoli“ , das später an dieser Stelle war, ist auch längst Vergangenheit.

 

Dennoch lässt sich der Ort nicht verfehlen. Ein Mosaik-Denkmal ist in den Gehsteig eingelassen. Der schwarzweiße Filmstreifen weist auf diese Pioniertat hin. Die Anregung dafür gab der Verein „Die ersten 100 Jahre Kino in Berlin“, der den Pankower Künstler Manfred Butzmann mit dem Entwurf beauftragte. Zwischen den Sternen auf dem Pflaster steht „1895 - Bioskop – 1995“, ein Hinweis auf die Erfindung des kinematografischen Apparats.
Ohne diese Erfindung gäbe es  Hollywood nicht. Der wahre „Wall of Fame“ ist also in Pankow.

 

So viel an einem öden Sommertag ....

   Im Zeichen des Regenbogens

An der U-Bahn-Station Nollendorfplatz bin ich früher nicht oft ausgestiegen.
Darum ist mein Kontakt zur Regenbogenszene nicht ausgeprägt. Heute sind bereits aus der Bahn die vielen bunten Fahnen zu sehen, die von Dächern und aus Fenstern wehen. Falls sie dort schon immer wehten, sind sie mir nicht aufgefallen.
In der Motz- und in der Maaßenstraße wohnten in den siebziger und achtziger Jahren Freunde, die ich in ihren großen Altbau-Wohnungen mit den den hohen Decken besuchte. Häufig lebten hier in friedlicher Koexistenz zwei Parteien, die sich die Miete teilten, getrennt durch das blinde  „Berliner Zimmer“.

Die schmucken Miethäuser mit den repräsentativen Wohnungen wurden in der Kaiserzeit gebaut, vornehmlich für wohlhabende Bürger, Beamte und Offiziere. Aus dem Ersten Weltkrieg kamen viele Offiziere nicht zurück. Deren Witwen saßen in den großen Wohnungen und wussten nicht, wie sie die Miete zahlen sollten. So entwickelte sich der Beruf der Pensionswirtin, die meistens im Berliner Zimmer hinter einem Paravent schlief, denn die 6 oder 7 Zimmer waren vermietet. Der Zins war wöchentlich fällig und sie musste sicher wachsam sein, denn es gab viele flüchtige Mieter. Das Geld war knapp in dieser Zeit.
Aber es gab auch Gäste, die jahrelang blieben wie Christopher Isherwood (1904 - 1966).  Der englische Schriftsteller wohnte im Vorderhaus der Nollendorfstraße 17 in einer  Pension von 1929 bis 1933. In der 2. Etage entstanden die Vorlagen zur Verfilmung der großen Berlin-Story der 20er-Jahre: CABARET. Den Film mit Liza Minelli haben wir wohl alle gesehen. (Gibt es eigentlich irgendwas Berühmtes, das nicht in Berlin entstanden ist?)
Eine Straße weiter logierte eine Ikone meiner Jugend, die berühmteste deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler (1869-1945). Sie wohnte von 1924 bis 1933 in einem Dachzimmer des Hotels „Sachsenhof“, das noch heute so heißt. Nach zwei gescheiterten Ehen, ohne Brot-Beruf, war es für eine alleinerziehende Mutter und Single-Frau unmöglich, eine Wohnung anzumieten. Von ihrer Dichtung konnte sie den Lebensunterhalt für sich und den kranken Sohn nur knapp bestreiten und lebte wochenlang von Obst und Nüssen. Ein harter Weg in die Freiheit - von Wuppertal nach Berlin.
Kein Zweifel, diese Gegend um den Nollendorfplatz hat schon immer viele bunte Vögel angezogen, die sich hier niederließen. Heute bin ich noch gar nicht weit gekommen und treffe schon wieder so viel Geschichte!
Unübersehbar, gleich gegenüber der U-Bahn-Station, ist ein riesiger grauer Stein-Palazzo, auf dem ganz oben GOYA steht. 1906 erbaut, war das Gebäude einst das „Theater  am Nollendorfplatz“, heute steht es leer. Hier hatte der berühmte Dramatiker, Intendant und Theaterpädagoge Erwin Piscator (1893 - 1966) seine Heimat. Nach dem 2. Weltkrieg öffnete er in dem Haus seine eigene Bühne mit 1.100 Plätzen und allen technischen Neuerungen der Zeit. „Hoppla, wir leben“ und „Schweijk“ waren große Erfolge beim Kultur entwöhnten Publikum.
Die Liste der bekannten Personen, die hier wohnten, ist lang, darum schlage ich sie heute gar nicht erst auf, denn: „Life ist a Cabaret“. Meine Freunde sind inzwischen aufs Land gezogen und haben ihre WGs in ehemalige Bauernhöfe verlegt. Früher hatte ich noch Bekannte, die im LETTE-Verein studierten und Berufe im sozialen Bereich ansteuerten. Aber jetzt sind Semesterferien, niemand ist rauchend oder Kaffee trinkend im Hof. Neben diesem imponierenden Gebäude aus der Gründerzeit stehen die Nachkriegs-Bau-Sünden aus Beton.  Es gibt nichts Harmonisches in dieser Gegend, weder von der Bebauung noch von der Begegnung aller sozialen Schichten. Mein Ausgangspunkt, der Nollendorfplatz, 1864 einst als typischer Berliner Schmuckplatz angelegt, sollte die Grenze zwischen Charlottenburg und Schöneberg markieren. Der Name erinnert an Preußens siegreiche Schlacht  bei Kulm und Nollendorf ( heute Tschechien).
Keine siegreiche Erinnerung ist die Gedenktafel aus rotem Granit an der Bahnhofsmauer.  Der Rosa Winkel war die Kennzeichnung der KZ-Häftlinge, die wegen ihrer Homosexualität dorthin verschleppt waren. 

              Das Böhmische Dorf

Wieder mal ein Rendezvous mit der Vergangenheit. Vor über 40 Jahren musste ich für mein Publizistik-Studium an der FU ein dreimonatiges Praktikum bei einer Berliner Tageszeitung nachweisen. Ich landete bei der „Mottenpost“ (Berliner Morgenpost) in der Lokalredaktion.  Dort wurde ich  häufig zu Vertriebenverbänden, in die Urania, zu Heimattreffen und auch nach Rixdorf geschickt.

Eine der ersten  PR-Aktionen, um weitere Abonnenten zu gewinnen, war ein Ausflug in das Böhmische Dorf, über den ich auf der Berlin-Seite berichten sollte. Mit meiner Freundin Rena an der Seite und dem Berliner Lokal-Matador Jule Hammer haben wir den Tag bei Drehorgel-Musik, Buletten, Schultheiss-Bier und vielen Werbe-Einlagen durchgestanden.
Vieles wischt die Zeit ja fort, darum wollte ich heute meine Erinnerungen auffrischen. Mit der Ringbahn fahre ich bis zur Station Sonnenallee (das ist ja schon wieder eine andere Geschichte...). Hier „oben“ sieht man kein deutsches Geschäft. Friseure, Lebensmittel, Kneipen, Klamotten- und Schmuckläden, alles in arabischer Hand. Straßenkreuzer hupen wie in Kriminalfilmen, Frauen in Burka huschen über die Fahrbahn. Ich gehe in Richtung Richardplatz und Richardstraße.

Es ist wirklich alles noch am Platze. Kein Wunder, denn das Böhmische Dorf steht unter Denkmalschutz. 1737 wurde es von protestantischen  Glaubensflüchtlingen aus Böhmen gegründet. Dort fand eine Re-Katholisierung statt, deswegen flohen sie an einen Ort, wo man ihnen gewogen war. Die evangelische Freikirche,  „Herrnhuter Brüdergemeinde“ war willkommen, die Mitglieder waren bibeltreu und fleißig, sie hatten gesuchte Berufe wie Weber, Schmiede, Lehrer und Gärtner. Bis heute erinnern Johann-Hus-Weg, der Comenius-Garten  oder die  Kirchgasse an die stark von der Religion beeinflussten Zeiten.
Damals vermutete ich hier viel mehr Mystik und traute mich kaum in den Bet-Saal der Baptisten oder in die Bethlehemskirche. Die böhmischen Gehöfte, Kolonistenhäuser, die Straßen, der Friedhof, die Rixdorfer Schmiede und die beiden Gemeindehäuser sind noch heute in tschechisch und deutsch beschildert. Der ländliche Charakter der Richardstraße geht nun über in großstädtische Bebauung. Die Passage zwischen Richardstr. und Karl-Marx-Straße ist eine einmalige kulturelle Anlage mit Kino, der NEUKÖLLNER OPER und dem Restaurant Hofperle. Einige Häuser weiter findet sich der historische Saalbau Neukölln mit dem sehr engagierten Theater Heimathafen Neukölln. Jetzt ist schon das Rathaus Neukölln in Sicht und quirlig kann ich diese Gegend schon gar nicht mehr nennen, eher hektisch.

Darum gehe ich in aller Ruhe den Weg noch einmal zurück durch das historische Kleinod, um meine Freundin Gabi E. aus der Neuzeit zu treffen. Sie nimmt an einem Kongress im Estrel-Hotel teil und plötzlich bin ich von 1.400 Bibliothekaren umgeben in diesem utopisch anmutenden Hotel. Vergangenheit und Gegenwart prallen an diesem Tag zusammen.
Wir wollen nicht in dieser modernen Atmosphäre bleiben und gehen zurück in ein Alt-Berliner Restaurant am Richardplatz. Dort gib's Wiener Schnitzel, tschechisches Bier, serviert von einem serbischen Kellner.
Die neuen Einwanderer sorgen dafür, dass es auch weiterhin heißt: „In Rixdorf ist Musike!"

 

 

 Die Firma

„Horch und Schleich“

 

In der Nordwestecke des Ortsteils Mitte hat sich gewaltig was getan. Hier am ehemaligen Todesstreifen, ganz am Ende der Chausseestraße, entsteht ein neuer Stadtteil. Das einstige Ende der Welt wird wiederbelebt. Es werden noch einige Wochen vergehen, bis es hier wirklich losgeht. Zuletzt war ich Anfang 2012 hier, um gegen einen elend langen Bauzaun zu schauen und den Resten der DDR-Vergangenheit nachzuspüren.

Der Abriss des Stadions der Weltjugend an dieser Stelle hatte dem Viertel den Rest gegeben. In diese riesige Brache baute der BND, der Bundesnachrichtendienst (die Firma „Horch und Schleich“), seine neue Zentrale. Was wird eigentlich aus Pullach, wenn die 4000 Spione hierher umziehen? Diese Sorgen muss ich mir natürlich nicht machen, aber ein wenig zu spekulieren, was hier demnächst so passieren wird, ist wohl erlaubt.

Mit dem Kürzel Stasi haben wir uns nun ausreichend beschäftigt, auch ich habe eine Akte aus der Normannenstraße bezogen. Aber was ist nun mit dem BND? Was ist dort über uns gespeichert? Ich werde meine Fragen noch eine Weile zurückhalten müssen, denn die Festung in ihrer luxuriösen Nüchternheit ist noch geschlossen. Keine Tür, kein Gitter lässt sich auch nur einen Zentimeter bewegen, um Einlass in die dreiflügelige Trutzburg zu gewähren. Bis 2019 müssen wir uns wohl noch gedulden. Immerhin ist das Thema „Kunst am Bau“ bereits 2012 abgearbeitet worden. Ich erblicke durchs Gitter eine keilförmige Skulptur aus Stahlblech vom Düsseldorfer Bildhauer Stefan Sous, die 18t schwer sein soll und eine halbe Million gekostet hat. Der Koloss soll das Gesicht des BND werden. Verantwortliche haben es in etwa so formuliert: Wir wollen das Unbekannte aufklären und die eigenen Geheimnisse wahren. So spannend geht es hoffentlich bald weiter.

Doch nicht genug der Kunst: gegenüber des Haupteingangs hat der amerikanische Star-Architekt Daniel Libeskind (Jüdisches Museum) mit seinem Wohnhaus „Sapphire“ Maßstäbe gesetzt. Arm war gestern. 72 Eigentumswohnungen, deren Quadratmeterpreis bei 15000 € liegt. In der neuen Chausseestraße lebt man gehoben und hochpreisig. Bleibt zu hoffen, dass viele Gewerke, die sich nach und nach wieder ansiedeln, von den neuen Bewohnern profitieren. 2000 neue Wohnungen sind hier schon in den Nebenstraßen entstanden, das Viertel erfindet sich gerade neu und weist schon jetzt einen interessanten Mix auf, der sicher noch erweitert wird.

Ich sehe Cafés und kleine Restaurants mit Trendfutter, das Büro des Berliner Jagdvereins, Supermärkte, 2 Boutiquen, einen Herrenschneider, einen Blumenladen, kleine Handwerksbetriebe, einen Limousinen-Service und einige Wellness-Oasen. Ein Comic-Universum hat sich neu angesiedelt und das Ballhaus-Berlin daneben ist geblieben. Irgendwie passt das doch wieder alles zusammen. Agenten-Treffen unter Plastik-Palmen beim 5-Uhr-Tee mit Tisch-Telefon! Und die Comic-Zeichner von nebenan halten das mit ihrem blitzschnellen Stift fest.

Ein Kunst-Erlebnis habe ich sogar an diesem Montagabend überraschenderweise noch am anderen Ende der Straße, in der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedehof: eine Licht-Installation des amerikanischen Künstlers James Turrell. Samstags und Montags ist zur Zeit des Sonnenuntergangs in dieser renovierten Kapelle ein sehr eindrucksvolles, buntes Spekatel zu erleben.

In der Chausseestraße wird wirklich für alles gesorgt.

 

               Gefillte Fisch

 

Anfang der 90er Jahre entwickelte sich langsam auch im Ostteil der Stadt wieder jüdisches Leben. Die große Neue Synagoge im maurischen Stil wurde fertiggestellt und das Centrum Judaicum wurde eingerichtet, eine ständige Ausstellung zum Thema „Jüdisches Leben in Berlin“. Mein Interesse war geweckt, aber meine Informationsfähigkeit noch nicht weit genug entwickelt, denn ich verwechselte Oranienburger Straße mit Oranienstraße. Eine damals ähnlich lange, graue und trübe Straße, auf der ich vergebens nach der goldglänzenden Kuppel suchte. Das Gebäude, 1866 vom Hofbaurat Friedrich August Stüler vollendet, nachdem Architekt Eduard Knoblauch erkrankte, konnte doch nicht wieder verschwunden sein. Im 2. Weltkrieg wurde sie fast zerstört, aber inzwischen sollte der Wiederaufbau auch für mich sichtbar sein. Ein freundlicher Polizist (!) informierte mich richtig und schickte mich von Kreuzberg nach Mitte in die richtige Straße.

Ich war endlich am Ziel und hatte Hunger. In einem Tagesspiegel-Artikel las ich, dass es hier auch jüdische Restaurants geben sollte. Das große, feine „Oren“ hatte noch geschlossen, aber es gab das ebenfalls neue „Beth-Café“. Am S-Bahnhof/Ecke Tucholskystraße bewundere ich das ehemalige Kaiserliche Postfuhramt. Es war eines der aufwändigsten Bürogebäude seiner Zeit und soll nach kultureller Zwischennutzung der Fotogalerie "c/o - Berlin" wieder eine Firmenrepräsentanz werden. Hier in der Straße lasse ich mich nieder.

Also her mit den neuen Spezialitäten. Der Rotwein vom Berg Carmel war sehr gut, dazu bestellte ich Gefillte Fisch. Ein feststehender Begriff in der jüdischen Küche, aber ich war wieder nicht gut informiert. Hatte eine Vision, die stark von der Wirklichkeit abwich. Ein Fisch war nicht zu sehen. Stattdessen kaltes Karpfen-Mus, zu Kugeln geformt, mit kalten Möhrenscheiben und Dillzweigen dekoriert. Es schmeckte einfach scheußlich und ich konnte gar nicht genug vom Roten trinken, um den Geschmack loszuwerden. Richtig beliebt ist dieses Gericht wohl nicht, aber es gehört einfach in die traditionelle Küche und wird gern zum Sabbath serviert, dann ist es allerdings aus der Dose, weil am Sabbath nicht gearbeitet wird. Von mir gab es dafür keinen Stern.

Inzwischen ist die Oranienburger von der Friedrichstraße bis zum Hackeschen Markt eine „geile Meile“ geworden, wie es neudeutsch heißt. Schräg gegenüber der Synagoge gibt es noch Reste des ehemaligen Kunsthauses TACHELES, ein vor dem Abriss geretteter Gebäudeteil des ehemaligen Kaufhauses Wertheim. Es werden Erinnerungen geweckt an die Ateliers, Galerien, Bars , Lesungen, Konzerte und verrückte Partys, die bis vor einigen Jahren hier stattfanden und dazu beigetragen haben, die Oranienburger Straße wiederzubeleben. Die Künstler sind inzwischen weiter gezogen und haben nicht nur diese riesige Bau-Lücke hinterlassen. Der Tacheles-Geist der Nachwende-Jahre ist verweht.

Neben der Lücke, im Haus Nr. 67, wohnte Alexander von Humboldt von 1842 bis 1859, Bettina von Arnim betrieb nicht weit davon ihren Salon. Ein sehr traditionsreicher Straßenabschnitt. Ich passiere den Monbijou-Park, eigentlich schön zum Ausruhen und Flanieren, aber in der Sommerzeit leider auch ein beliebter Platz für wildes Grillen. Rauchwolken, verbranntes Fleisch, Geschrei und viel Müll. Schnell weiter gehen. Im letzten Drittel gibt es fast nur noch Schuhgeschäfte und auf der anderen Straßenseite ein Restaurant neben dem anderen. Ich würde gern noch mal einkehren und dabei den Wandel dieser Straße überdenken. Currywurst? Zum Syrer? Oder ins „Miami“, American Hamburger essen?

Jedenfalls NIE wieder Gefillte Fisch!

 

 

Max LIebermann
Max LIebermann

              Ein Lieblingsmaler

„Die Papageienallee“ ist ein Bild  von Max Liebermann (1847 - 1935) , das in der Bremer Kunsthalle hängt und mich bereits zur Schulzeit beeindruckte. Eine elegante Dame im langen Rock mit weißer Bluse und Strohhut betrachtet die bunten Vögel in einer Allee. So stellte ich mir meine Oma Mimi vor. 2004 sah ich eine große Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle: „Im Garten von Max Liebermann“. Mehr als 100 farbenprächtige Gemälde und Pastelle zeigten sommerliche Motive seines Gartens und das Leben am Wannsee.
Seit nunmehr 14 Jahren will ich diesen Garten besuchen. Mein Lebens-Dreieck Bremen-Hamburg-Berlin macht es möglich:  Auf nach Wannsee!  Vom S-Bahnhof kann ich den Bus 114 nehmen, der mich direkt zur Liebermann-Villa bringt und auch zum geschichtsträchtigen „Haus der Wannsee-Konferenz“ weiterfährt. Aber das ist ja eine andere Geschichte.  Zwischen schönsten Villen, die zum Teil Ruder- und Segelclubs direkt am See-Ufer beherbergen,  erwarb Liebermann 1909 eines der letzten noch unbebauten Grundstücke in der Colomierstraße 3. Leider kann ich nur einige Fotos von außen machen, denn hier ist dienstags geschlossen. Hätte ich doch mal ins Internet geguckt....egal, ich kann mir vorstellen, wie gern Liebermann hier in seinem „Schloss am See“  die Sommermonate verbrachte. Hier entstanden zwischen 1914 und 1935  über 200 Gemälde.
Mit dem Bau der schönen Villa klassizistischer Prägung betraute er den Architekten Paul Otto Baumgarten. Den Garten richtete der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, ein. (In Hamburg-Eppendorf  wohnte ich zuletzt Ecke Lichtwarkstraße...) Es gibt einen Bauerngarten mit üppig blühenden Stauden, einen Nutzgarten, eine Blumenterrasse, 3 Heckengärten und eine große Rasenfläche, die sich bis zum Wannsee-Ufer erstreckt.
Am Gartenzaun befindet sich eine „Berliner Gedenktafel“, die darauf hinweist, dass der große impressionistische Maler  aus Protest gegen antisemitische Hetze 1933 alle  Ämter niederlegte. Der Sohn einer  wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie mit Bilderbuchkarriere war seit 1920 Präsident der Akademie der Künste. Nach der Machtergreifung der Nazis zog er sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Zu seinem Begräbnis 1935 traute sich kein Würdenträger der Stadt, nur Freunde und Verwandte gaben im das letzte Geleit zum jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee - ganz in der Nähe meines jetzigen Wohnortes.
Da über dem Wannsee jetzt ein Gewitter aufzieht, fahre ich zurück „in die Stadt“ , vielleicht habe ich Glück und kann einen Blick in Liebermanns Stadtpalais am Pariser Platz 7  werfen. Hier in Mitte hat er mit seiner schönen Frau Martha, ebenfalls aus jüdischer Familie, von 1894 bis 1935 gewohnt. Seine Witwe nahm sich 1943  das Leben, um der bevorstehenden Deportation ins KZ Theresienstadt zu entgehen.
Nach seiner Adresse gefragt, antwortete Max Liebermann mit Berliner Schnauze häufig: „Wenn Se in Berlin reinkommen, gleich links“.  Bei Bombenangriffen wurde  das Palais neben dem Brandenburger Tor in Schutt und Asche gelegt. Zu DDR-Zeiten lag das Grundstück im Todesstreifen an der Berliner Mauer. Das jetzige Gebäude wurde 1996/98 von Josef  Kleihues in Anlehnung an das Original errichtet.
Leider ist auch hier alles geschlossen am Dienstag. Zeit genug zum Innehalten und mich an einen Liebermann-Satz voller Sarkasmus zu erinnern.
„Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte“ , kommentierte der Ausnahme-Künstler den Aufmarsch der SA-Truppen am Brandenburger Tor.

 

Corbusier-Haus im Hansaviertel
Corbusier-Haus im Hansaviertel
Corbusier-Haus
Corbusier-Haus

Das war

die Stadt von morgen

 

„In dieser Stadt kenn ich mich aus“... und entdecke sie jeden Tag neu. Am 1. Mai war ich früher auch gern in Kreuzberg, mal mit anderen auf der Demo, mal am Straßenrand. In diesem Jahr habe ich das Hansaviertel wieder entdeckt.

Die Mietskasernen-Bebauung mit den dunklen, engen Hinterhöfen war durch den Krieg zerstört. Auf den freien Flächen hielt die Nachkriegs-Moderne Einzug. Während um 1957 im Ost-Teil der Stadt auf der Stalinallee die Liedzeile „Auferstanden aus Ruinen“ umgesetzt wurde, hieß das Thema in West-Berlin „Interbau“. Berühmte Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner wurden eingeladen, ihre Ideen für modernes Wohnen zu verwirklichen.

Im Hansaviertel sollte citynah das Wohnen im Grünen beispielhaft dargestellt werden. Von den vielen berühmten Architekten, die hier bauten, sind mir die Namen von Alvar Aalto, Le Corbusier, Walter Gropius, Max Taut und vor allem Werner Düttmann in Erinnerung. Er baute die Akademie der Künste am Hanseatenweg, die 1960 eingeweiht wurde.

Für mich ist der Ort nach all den Jahren noch immer magisch, weil hier häufig etwas für mich sehr Spezielles stattfand. Einige eindrucksvolle Erlebnisse, die zum Teil 45 Jahre zurückliegen: Meine erste Picasso-Ausstellung, mein erstes Kurzfilm-Festival, das morgens um 4.00 Uhr endete. Nachtwanderung zur Wohnung in Kreuzberg. Meine erste Malewitsch-Ausstellung „Der Sieg über die Sonne“.

Ob es die Arno-Schmidt-Ausstellung war oder die Begegnung mit Mary Bauermeister-Stockhausen bei einem Festival Neuer Musik, das „Besondere“ wurde stets durch diese spezielle Architektur unterstützt.

Das war das überragend Gute an „früher“: Ich ging los und war gespannt auf das, was angeboten wurde. Heute bestimmt die inzwischen erworbene Bildung, ob „man“ sich für dieses oder jenes interessiert.

Im Eingangsbereich gibt es ein Café, das auch feine Weine bereithält. Da an normalen Ausstellungstagen bis 19.00 Uhr geöffnet ist, kann sich der Dämmerschoppen bis dahin ziehen lassen. Der Fußboden innen ist mit Schieferplatten belegt, sehr stilvoll, aber jedesmal, wenn ein Gast den ebenso stilvollen Stahlrohr-Sessel auf dem unebenen Boden bewegt, entsteht ein schrilles Geräusch. Entweder gab es früher andere Stühle oder ich bin noch empfindlicher geworden. Da hilft nur eines: noch mehr Riesling. S- und U-Bahn sind ganz in der Nähe, so dass ich problemlos nach Hause komme, sonst würde es mich hinraffen wie die „Liegende“ von Henry Moore vor dem Akademie-Eingang.

Henry Moore, Liegende
Henry Moore, Liegende

      Steine der Erinnerung

 

So richtig schön kann die Lieblingsstadt ja nicht überall sein. Klar. In solchen Fällen hilft die positive Erinnerung - wie in dieser trostlos scheinenden Gegend zwischen den U-Bahn-Stationen Spichernstraße und Hohenzollernplatz in Wilmersdorf. In der Nikolsburger Straße 11 war die Keimzelle für den Stadthaus-Verlag, auf dessen Website ich mein Berliner Journal veröffentliche.. Hier arbeitete Dieter Lenz  den für den Bau-Verlag und hatte den Status, Studentenjobs zu vergeben. Einen davon bekam ich, um das Bafög aufzubessern. Welch ein Glück. Und so begegneten wir uns seit über 50 Jahre immer wieder. In diesem schönen Haus gab es nicht nur den bekannten Fachverlag. Einige Etagen darüber wohnte die berühmte Schauspielerin Edith Clever. Uns war sie aus Bremen bekannt, wo sie unter Kurt Hübner den legendären Ruf des Theaters am Goetheplatz damals mitbegründete. Fast geschlossen ging die Truppe damals nach Berlin, um hier an einem noch berühmteren Theater ins Leben zu arbeiten: der Schaubühne am Halleschen Ufer. Eine Pilgerstätte, in der Edith Clever großartige Rollen hatte. 1971 wurde ihre Tochter Friederike geboren. Friederike wurde Malerin und die Mutter, heute 77 Jahre alt, arbeitet als Regisseurin. Wir erinnern uns an große Bühnen- und Kinomonologe, die der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg mit Edith Clever in den 80er Jahren inszenierte, z. B. "Die Nacht", "Penthesilea", "Die Marquise von O." Ich habe immer gehofft, der verehrten Schauspielerin auch einmal dort im Treppenhaus zu begegnen, aber das blieb nur Dieter Lenz vorbehalten.

Beim Verlassen des Hauses ist mir damals nie die prachtvolle Kirche am Hoenzollernplatz aufgefallen, die auf der anderen Straßenseite steht (direkt dem Haus gegenüber). Damals hatte ich wohl keinen Blick dafür, denn meine Kathedralen waren Theater, Uni und Kreuzberger Kneipen. Heute bewundere ich den norddeutschen Backstein-Expressionismus von Fritz Höger, der nicht nur diese Kirche in den 30er Jahren erbaut hat, sondern auch das berühmte Chile-Haus in Hamburg, meiner ersten Heimatstadt. Dieses futuristisch anmutende Kraftwerk Gottes wurde 1990/91 umgebaut. Wie in vielen Kirchen, finden hier inzwischen außer den Gottesdiensten auch Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen vieler Art statt. Für mich ist es das reine Architektur-Museum, das ich zur Besichtigung empfehle. Sicher hat es was zu bedeuten, dass Bauverlag und Sakral-Architektur sich gegenüber lagen. Aber was?

Wenn ich dem ehemaligen Bauverlag und der Kirche den Rücken drehe, stehe ich auch schon sofort vor einem Sünden-Babel. Das Gebäude eines ehemaligen Pumpwerks der Wasserbetriebe wurde zur Party-Location umgebaut. Eine große Brauerei hat die Finger im Spiel und sorgt dafür, dass der Kreislauf der Flüssigkeiten niemals zum Stillstand kommt. Der Name „Wasserwerk“ ist Tarnung für „Bierfabrik“.

 

             Noch einmal Babylon ?

 

Als ich an der U-Bahn-Haltestelle Klosterstraße (Foto) ausstieg, war es für mich wie die Fortsetzung meines Museumsbesuchs auf den Spuren Nebukadnezars. Umgeben von dekorativen Kacheln mit babylonischen Palmen (Foto) steige ich zum Klosterviertel empor. Hier war im Mittelalter das Zentrum der Stadt.

An den turbulenten Umschlagplatz der Händler und Handwerker erinnert nichts mehr. Alte und neue, riesige Verwaltungsgebäude geben dem Viertel ein eher langweiliges Gesicht. Da fällt eine schöne Jugendstilfassade, wie man sie in Berlin nur noch selten findet, auf: das Bürohaus der Gebr. Tietz (Foto) stammt aus dem Jahr 1904.

Mein Interesse geht aber heute in Richtung Spree, darum überquere ich die verkehrsreiche , unschöne Stralauer Straße, vorbei an der schuppigen Fassade der Berliner Wasserbetriebe, die ihre ausgezeichnete Kantine auch für Nicht-Mitarbeiter öffnen. Hier kann man hinter Schaufensterglas alte Berliner Stadtansichten betrachten. Auf der anderen Straßenseite ist die Moderne Zeit zu bewundern, die imposante niederländische Botschaft, vom Stararchitekten Rem Koolhaas 2004 erbaut. (Fotos) Nach dem Koolhaas-Haus am Checkpoint Charly ist es das zweite Gebäude des mit vielen Preisen ausgezeichneten Rotterdamer Baumeisters.

Noch ein schneller Blick vom Spreeufer hinüber auf das Märkische Museum, den historischen Hafen, die Mühlendammschleuse und die alte Häuserzeile des Märkischen Ufers. (Foto)

Auf einer Brandmauer zwischen den Baustellen dort fand ich dieses Gedicht:

Berlin
Der Morgen ist ein besudeltes Kleid
Eine Seite mit einem Eselsohr
Ein Klecks
Die Stadt
Eine halb abgeschminkte Frau
Doch zuckend bäumt sie sich in den Himmel
Wie ein blaues Pferd von Marc im Luftgeschirr
Berlin
Die Sonne gelb

 

Bei den Promis von gestern

VIPs bevorzugen Pankow als Wohnort eh und je. Diese Gegend war bei der Parteipro-minenz von gestern und vorgestern beson-ders beliebt. Im Villenviertel Niederschön-hausen wohnten vor dem Krieg viele Indu-strielle, die von der DDR-Regierung enteig-net wurden. Die Bonzen setzten sich in die schönsten Häuser, vornehmlich am Majakowskiring. Die ovale Ringstraße wurde nach Vladimir Majakowski (1893 - 1930) benannt.   Der „rote Poet“ vertrat den russischen Zweig des Futurismus in der Dichtung. 1922/23 besuchte er mehrmals Berlin und war fasziniert vom KaDeWe.
Der Majakowskiring war zu DDR-Zeiten ein „Städtchen“ in der Stadt, abgeriegelt mit Sperren-Kontrollen und einer Mauer rings herum. Bis 1960 wohnte hier die Parteiprominenz, die später in eine Waldsiedlung nach Wandlitz im Norden von Berlin umzog, um noch abgeschirmter zu sein.
Die ruhige Ringstraße ist auch heute noch ein beliebter Wohnort. Im denkmalgeschützten Haus Nr. 46-48 wohnt die Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Eine große Messingtafel an der Fassade zeigt, dass hier einst Otto Grotewohl wohnte. Im Haus Nr. 34 lebte Johannes R. Becher, Kulturstaatsminister ab 1954 und Verfasser der DDR-Nationalhymne. „Auferstanden aus Ruinen...“  Eines der prominentesten Häuser, von dem öfter mal ein Spaziergänger ein Foto macht,  ist das das Haus Nr. 58. Hier wohnte Erich Honecker mit seiner ersten Ehefrau. In der Fachwerkvilla schräg gegenüber lebte Günter Schabowski. Das Haus beherbergte ein Café, aber es ging leider pleite.
Ein edles Gebäude mit zwei korinthischen Säulen am Eingang war das offizielle Gästehaus der DDR. Links und rechts wurden Wirtschaftsdelegationen von weit her untergebracht. Auch an einem kasachischen Kindergarten mangelte es nicht.
Von urbanem Leben kann hier keine Rede sein. Es ist alles still hier, als wäre niemand zu Hause. Kein Laden, kein Geschäft.. Jede Flasche Wein, jedes Stück Brot und Käse muss aus den Einkaufszonen hierher geholt werden.  Doch wer so teuer wohnt, hat natürlich auch ein Auto.
Ich drehe noch eine Runde und wünsche mir jetzt den legendären Udo Lindenberg-Song zu hören : „Sonderzug nach Pankow“.
1983 wollte Udo mit dem Oberindianer  Erich Honecker einen Cognac trinken.
Das hätte Stimmung ins „Städtchen“ gebracht.