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Mit Fotos von Beate Stübe, Thomas Lenz, Eika Aue, Detlef Nickel
und Texten von Jürgen Mahrt, Eika Aue, Dieter Lenz

3. Auflage
DIN A 5, Softcover, 96 Seiten, 92 Fotos, 17 Texte, 19,80 €      

 

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 Eika Aue

Geboren in Hamburg.

Studium Soziologie und Psychologie

an der TU und FU Berlin, Uni Bremen.

Tätig in der Medienbranche, danach selbständig.

Lebte in Hamburg, Bremen und Kiel.

Ihre große Liebe aber gilt Berlin,

dort ist sie zu Hause

Eikas Berlin-Journal (aktuell)

Max LIebermann
Max LIebermann

              Ein Lieblingsmaler

„Die Papageienallee“ ist ein Bild  von Max Liebermann (1847 - 1935) , das in der Bremer Kunsthalle hängt und mich bereits zur Schulzeit beeindruckte. Eine elegante Dame im langen Rock mit weißer Bluse und Strohhut betrachtet die bunten Vögel in einer Allee. So stellte ich mir meine Oma Mimi vor. 2004 sah ich eine große Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle: „Im Garten von Max Liebermann“. Mehr als 100 farbenprächtige Gemälde und Pastelle zeigten sommerliche Motive seines Gartens und das Leben am Wannsee.
Seit nunmehr 14 Jahren will ich diesen Garten besuchen. Mein Lebens-Dreieck Bremen-Hamburg-Berlin macht es möglich:  Auf nach Wannsee!  Vom S-Bahnhof kann ich den Bus 114 nehmen, der mich direkt zur Liebermann-Villa bringt und auch zum geschichtsträchtigen „Haus der Wannsee-Konferenz“ weiterfährt. Aber das ist ja eine andere Geschichte.  Zwischen schönsten Villen, die zum Teil Ruder- und Segelclubs direkt am See-Ufer beherbergen,  erwarb Liebermann 1909 eines der letzten noch unbebauten Grundstücke in der Colomierstraße 3. Leider kann ich nur einige Fotos von außen machen, denn hier ist dienstags geschlossen. Hätte ich doch mal ins Internet geguckt....egal, ich kann mir vorstellen, wie gern Liebermann hier in seinem „Schloss am See“  die Sommermonate verbrachte. Hier entstanden zwischen 1914 und 1935  über 200 Gemälde.
Mit dem Bau der schönen Villa klassizistischer Prägung betraute er den Architekten Paul Otto Baumgarten. Den Garten richtete der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, ein. (In Hamburg-Eppendorf  wohnte ich zuletzt Ecke Lichtwarkstraße...) Es gibt einen Bauerngarten mit üppig blühenden Stauden, einen Nutzgarten, eine Blumenterrasse, 3 Heckengärten und eine große Rasenfläche, die sich bis zum Wannsee-Ufer erstreckt.
Am Gartenzaun befindet sich eine „Berliner Gedenktafel“, die darauf hinweist, dass der große impressionistische Maler  aus Protest gegen antisemitische Hetze 1933 alle  Ämter niederlegte. Der Sohn einer  wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie mit Bilderbuchkarriere war seit 1920 Präsident der Akademie der Künste. Nach der Machtergreifung der Nazis zog er sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Zu seinem Begräbnis 1935 traute sich kein Würdenträger der Stadt, nur Freunde und Verwandte gaben im das letzte Geleit zum jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee - ganz in der Nähe meines jetzigen Wohnortes.
Da über dem Wannsee jetzt ein Gewitter aufzieht, fahre ich zurück „in die Stadt“ , vielleicht habe ich Glück und kann einen Blick in Liebermanns Stadtpalais am Pariser Platz 7  werfen. Hier in Mitte hat er mit seiner schönen Frau Martha, ebenfalls aus jüdischer Familie, von 1894 bis 1935 gewohnt. Seine Witwe nahm sich 1943  das Leben, um der bevorstehenden Deportation ins KZ Theresienstadt zu entgehen.
Nach seiner Adresse gefragt, antwortete Max Liebermann mit Berliner Schnauze häufig: „Wenn Se in Berlin reinkommen, gleich links“.  Bei Bombenangriffen wurde  das Palais neben dem Brandenburger Tor in Schutt und Asche gelegt. Zu DDR-Zeiten lag das Grundstück im Todesstreifen an der Berliner Mauer. Das jetzige Gebäude wurde 1996/98 von Josef  Kleihues in Anlehnung an das Original errichtet.
Leider ist auch hier alles geschlossen am Dienstag. Zeit genug zum Innehalten und mich an einen Liebermann-Satz voller Sarkasmus zu erinnern.
„Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte“ , kommentierte der Ausnahme-Künstler den Aufmarsch der SA-Truppen am Brandenburger Tor.

Corbusier-Haus im Hansaviertel
Corbusier-Haus im Hansaviertel
Corbusier-Haus
Corbusier-Haus

Das war

die Stadt von morgen

 

„In dieser Stadt kenn ich mich aus“... und entdecke sie jeden Tag neu. Am 1. Mai war ich früher auch gern in Kreuzberg, mal mit anderen auf der Demo, mal am Straßenrand. In diesem Jahr habe ich das Hansaviertel wieder entdeckt.

Die Mietskasernen-Bebauung mit den dunklen, engen Hinterhöfen war durch den Krieg zerstört. Auf den freien Flächen hielt die Nachkriegs-Moderne Einzug. Während um 1957 im Ost-Teil der Stadt auf der Stalinallee die Liedzeile „Auferstanden aus Ruinen“ umgesetzt wurde, hieß das Thema in West-Berlin „Interbau“. Berühmte Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner wurden eingeladen, ihre Ideen für modernes Wohnen zu verwirklichen.

Im Hansaviertel sollte citynah das Wohnen im Grünen beispielhaft dargestellt werden. Von den vielen berühmten Architekten, die hier bauten, sind mir die Namen von Alvar Aalto, Le Corbusier, Walter Gropius, Max Taut und vor allem Werner Düttmann in Erinnerung. Er baute die Akademie der Künste am Hanseatenweg, die 1960 eingeweiht wurde.

Für mich ist der Ort nach all den Jahren noch immer magisch, weil hier häufig etwas für mich sehr Spezielles stattfand. Einige eindrucksvolle Erlebnisse, die zum Teil 45 Jahre zurückliegen: Meine erste Picasso-Ausstellung, mein erstes Kurzfilm-Festival, das morgens um 4.00 Uhr endete. Nachtwanderung zur Wohnung in Kreuzberg. Meine erste Malewitsch-Ausstellung „Der Sieg über die Sonne“.

Ob es die Arno-Schmidt-Ausstellung war oder die Begegnung mit Mary Bauermeister-Stockhausen bei einem Festival Neuer Musik, das „Besondere“ wurde stets durch diese spezielle Architektur unterstützt.

Das war das überragend Gute an „früher“: Ich ging los und war gespannt auf das, was angeboten wurde. Heute bestimmt die inzwischen erworbene Bildung, ob „man“ sich für dieses oder jenes interessiert.

Im Eingangsbereich gibt es ein Café, das auch feine Weine bereithält. Da an normalen Ausstellungstagen bis 19.00 Uhr geöffnet ist, kann sich der Dämmerschoppen bis dahin ziehen lassen. Der Fußboden innen ist mit Schieferplatten belegt, sehr stilvoll, aber jedesmal, wenn ein Gast den ebenso stilvollen Stahlrohr-Sessel auf dem unebenen Boden bewegt, entsteht ein schrilles Geräusch. Entweder gab es früher andere Stühle oder ich bin noch empfindlicher geworden. Da hilft nur eines: noch mehr Riesling. S- und U-Bahn sind ganz in der Nähe, so dass ich problemlos nach Hause komme, sonst würde es mich hinraffen wie die „Liegende“ von Henry Moore vor dem Akademie-Eingang.

Henry Moore, Liegende
Henry Moore, Liegende

      Steine der Erinnerung

 

So richtig schön kann die Lieblingsstadt ja nicht überall sein. Klar. In solchen Fällen hilft die positive Erinnerung - wie in dieser trostlos scheinenden Gegend zwischen den U-Bahn-Stationen Spichernstraße und Hohenzollernplatz in Wilmersdorf. In der Nikolsburger Straße 11 war die Keimzelle für den Stadthaus-Verlag, auf dessen Website ich mein Berliner Journal veröffentliche.. Hier arbeitete Dieter Lenz  den für den Bau-Verlag und hatte den Status, Studentenjobs zu vergeben. Einen davon bekam ich, um das Bafög aufzubessern. Welch ein Glück. Und so begegneten wir uns seit über 50 Jahre immer wieder. In diesem schönen Haus gab es nicht nur den bekannten Fachverlag. Einige Etagen darüber wohnte die berühmte Schauspielerin Edith Clever. Uns war sie aus Bremen bekannt, wo sie unter Kurt Hübner den legendären Ruf des Theaters am Goetheplatz damals mitbegründete. Fast geschlossen ging die Truppe damals nach Berlin, um hier an einem noch berühmteren Theater ins Leben zu arbeiten: der Schaubühne am Halleschen Ufer. Eine Pilgerstätte, in der Edith Clever großartige Rollen hatte. 1971 wurde ihre Tochter Friederike geboren. Friederike wurde Malerin und die Mutter, heute 77 Jahre alt, arbeitet als Regisseurin. Wir erinnern uns an große Bühnen- und Kinomonologe, die der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg mit Edith Clever in den 80er Jahren inszenierte, z. B. "Die Nacht", "Penthesilea", "Die Marquise von O." Ich habe immer gehofft, der verehrten Schauspielerin auch einmal dort im Treppenhaus zu begegnen, aber das blieb nur Dieter Lenz vorbehalten.

Beim Verlassen des Hauses ist mir damals nie die prachtvolle Kirche am Hoenzollernplatz aufgefallen, die auf der anderen Straßenseite steht (direkt dem Haus gegenüber). Damals hatte ich wohl keinen Blick dafür, denn meine Kathedralen waren Theater, Uni und Kreuzberger Kneipen. Heute bewundere ich den norddeutschen Backstein-Expressionismus von Fritz Höger, der nicht nur diese Kirche in den 30er Jahren erbaut hat, sondern auch das berühmte Chile-Haus in Hamburg, meiner ersten Heimatstadt. Dieses futuristisch anmutende Kraftwerk Gottes wurde 1990/91 umgebaut. Wie in vielen Kirchen, finden hier inzwischen außer den Gottesdiensten auch Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen vieler Art statt. Für mich ist es das reine Architektur-Museum, das ich zur Besichtigung empfehle. Sicher hat es was zu bedeuten, dass Bauverlag und Sakral-Architektur sich gegenüber lagen. Aber was?

Wenn ich dem ehemaligen Bauverlag und der Kirche den Rücken drehe, stehe ich auch schon sofort vor einem Sünden-Babel. Das Gebäude eines ehemaligen Pumpwerks der Wasserbetriebe wurde zur Party-Location umgebaut. Eine große Brauerei hat die Finger im Spiel und sorgt dafür, dass der Kreislauf der Flüssigkeiten niemals zum Stillstand kommt. Der Name „Wasserwerk“ ist Tarnung für „Bierfabrik“.

 

             Noch einmal Babylon ?

 

Als ich an der U-Bahn-Haltestelle Klosterstraße (Foto) ausstieg, war es für mich wie die Fortsetzung meines Museumsbesuchs auf den Spuren Nebukadnezars. Umgeben von dekorativen Kacheln mit babylonischen Palmen (Foto) steige ich zum Klosterviertel empor. Hier war im Mittelalter das Zentrum der Stadt.

An den turbulenten Umschlagplatz der Händler und Handwerker erinnert nichts mehr. Alte und neue, riesige Verwaltungsgebäude geben dem Viertel ein eher langweiliges Gesicht. Da fällt eine schöne Jugendstilfassade, wie man sie in Berlin nur noch selten findet, auf: das Bürohaus der Gebr. Tietz (Foto) stammt aus dem Jahr 1904.

Mein Interesse geht aber heute in Richtung Spree, darum überquere ich die verkehrsreiche , unschöne Stralauer Straße, vorbei an der schuppigen Fassade der Berliner Wasserbetriebe, die ihre ausgezeichnete Kantine auch für Nicht-Mitarbeiter öffnen. Hier kann man hinter Schaufensterglas alte Berliner Stadtansichten betrachten. Auf der anderen Straßenseite ist die Moderne Zeit zu bewundern, die imposante niederländische Botschaft, vom Stararchitekten Rem Koolhaas 2004 erbaut. (Fotos) Nach dem Koolhaas-Haus am Checkpoint Charly ist es das zweite Gebäude des mit vielen Preisen ausgezeichneten Rotterdamer Baumeisters.

Noch ein schneller Blick vom Spreeufer hinüber auf das Märkische Museum, den historischen Hafen, die Mühlendammschleuse und die alte Häuserzeile des Märkischen Ufers. (Foto)

Auf einer Brandmauer zwischen den Baustellen dort fand ich dieses Gedicht:

Berlin
Der Morgen ist ein besudeltes Kleid
Eine Seite mit einem Eselsohr
Ein Klecks
Die Stadt
Eine halb abgeschminkte Frau
Doch zuckend bäumt sie sich in den Himmel
Wie ein blaues Pferd von Marc im Luftgeschirr
Berlin
Die Sonne gelb

 

Bei den Promis von gestern

VIPs bevorzugen Pankow als Wohnort eh und je. Diese Gegend war bei der Parteipro-minenz von gestern und vorgestern beson-ders beliebt. Im Villenviertel Niederschön-hausen wohnten vor dem Krieg viele Indu-strielle, die von der DDR-Regierung enteig-net wurden. Die Bonzen setzten sich in die schönsten Häuser, vornehmlich am Majakowskiring. Die ovale Ringstraße wurde nach Vladimir Majakowski (1893 - 1930) benannt.   Der „rote Poet“ vertrat den russischen Zweig des Futurismus in der Dichtung. 1922/23 besuchte er mehrmals Berlin und war fasziniert vom KaDeWe.
Der Majakowskiring war zu DDR-Zeiten ein „Städtchen“ in der Stadt, abgeriegelt mit Sperren-Kontrollen und einer Mauer rings herum. Bis 1960 wohnte hier die Parteiprominenz, die später in eine Waldsiedlung nach Wandlitz im Norden von Berlin umzog, um noch abgeschirmter zu sein.
Die ruhige Ringstraße ist auch heute noch ein beliebter Wohnort. Im denkmalgeschützten Haus Nr. 46-48 wohnt die Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Eine große Messingtafel an der Fassade zeigt, dass hier einst Otto Grotewohl wohnte. Im Haus Nr. 34 lebte Johannes R. Becher, Kulturstaatsminister ab 1954 und Verfasser der DDR-Nationalhymne. „Auferstanden aus Ruinen...“  Eines der prominentesten Häuser, von dem öfter mal ein Spaziergänger ein Foto macht,  ist das das Haus Nr. 58. Hier wohnte Erich Honecker mit seiner ersten Ehefrau. In der Fachwerkvilla schräg gegenüber lebte Günter Schabowski. Das Haus beherbergte ein Café, aber es ging leider pleite.
Ein edles Gebäude mit zwei korinthischen Säulen am Eingang war das offizielle Gästehaus der DDR. Links und rechts wurden Wirtschaftsdelegationen von weit her untergebracht. Auch an einem kasachischen Kindergarten mangelte es nicht.
Von urbanem Leben kann hier keine Rede sein. Es ist alles still hier, als wäre niemand zu Hause. Kein Laden, kein Geschäft.. Jede Flasche Wein, jedes Stück Brot und Käse muss aus den Einkaufszonen hierher geholt werden.  Doch wer so teuer wohnt, hat natürlich auch ein Auto.
Ich drehe noch eine Runde und wünsche mir jetzt den legendären Udo Lindenberg-Song zu hören : „Sonderzug nach Pankow“.
1983 wollte Udo mit dem Oberindianer  Erich Honecker einen Cognac trinken.
Das hätte Stimmung ins „Städtchen“ gebracht.