Dieter Lenz

Die Saga der Odin-Quelle

Schwer vorstellbar, dass die Schweden einmal Wikinger waren – so friedlich wie sie heute sind.
Aber es gab eine Wikingerzeit, das beweisen nicht nur die Ausgrabungen, das beweisen auch die  Ortsnamen, in denen der Wikingergott Odin genannt wird.
Sein besonderes Kennzeichen ist die Einäugigkeit. Es heißt, er gab eines seiner Augen Mimir, dem Hüter der Quelle der Weisheit, zum Pfand, um in die Zukunft sehen zu können. Doch am populärsten ist er durch seine Vorliebe für Menschenfrauen. Bei aller Weisheit und Kriegslust (die hatte er auch) war er eigentlich ein Schürzenjäger. Oft stieg er von seinem Thron in Lidskjälf und wanderte verkleidert über die Erde, auf der Suche nach einem Liebesabenteuer. Offenbar hinterließ er manchmal so deutliche Spuren, dass die Bauern ihre Siedlung nach ihm benannten.
Auch das kleine Dorf am Bolmen (Südschweden), wo ich bei einer Familie zu Gast war, muss er besucht haben, denn es hieß Odensjö. Das Dorf hatte sogar Odins Grab, und so überraschte es mich nicht, als ich eines Tages hörte, in Dorfnähe befände sich eine Quelle mit Namen Odin-Quelle.
Sofort wollte ich sie sehen und bat meine Gastgeber, sie  mir bei ihrem sonntäglichen Waldspaziergang zu zeigen.
Wir stiefelten durch Fichtendickicht, kniehohen Farn, kletterten einen kleinen Hang hinauf und standen dann vor etwas, das man als eine größere Pfütze bezeichnen konnte. Wasser sickerte aus sumpfigen Boden und schlängelte als Rinnsal Richtung See. Das sollte die Odinquelle sein?  Man nickte. Bei Odin, dachte ich, hoffentlich hast du das nie gesehen!
Ein so kleines Ding trägt einen so großen Namen... Wie konnte das passieren?
„Frag Oskar,“ sagte Gunnars deutsche Frau, „der er Alte hütet Odins Grab, der sollte das wohl  wissen.
Seine Hütte lag nahe dem Haus der Familie, eigentlich nur einen Steinwurf entfernt. Ich kannte ihn schon. Auf seinem Grundstück befand sich Odins Grab. Es waren drei übereinander geworfene Felssteine.
Früher war er Bootsbauer, jetzt Rentner und so lang man ihn kannte, lebte er alleine. Als einziger im Dorf hatte er die Elektrifizierung abgelehnt. Nachts sah man im Küchenfenster das schwache Licht einer Petroleumlampe blaken, und am Morgen schallte das Klappern seines Blecheimers, wenn er aus dem Ziehbrunnen vor der Hütte sein Wasser holte. In der Bucht hatte er drei Reusen, fing er einen Hecht, verkaufte er ihn. Barsche und Plötze behielt er und briet sie auf seinem mit Holz befeuerten Küchenherd, wenn er sie nicht einpökelte.
Bei gutem Wetter saß er auf der Steintreppe, die von der Straße zu seiner Hütte führte. Er wartete auf das Postauto. Seine Augen unter den buschigen Brauen hatte er auf die weiße Dorfkirche am See gerichtet, sie waren von einem düsteren Schmerz gefüllt und der  Schmerz, so kombinierte ich, war der Schmerz eines alten Wikingers, der die Niederlage seines Gottes im Kampf mit den Kreuzträgern nicht verwinden konnte. So dachte ich wenigstens, denn ich war jung und las zu dieser Zeit Selma Lagerlöfs Geschichten.
Zwei Tage nach dem Waldspaziergang sah ich den Alten wieder auf der Treppe sitzen. Er hatte in aller Frühe seine Reusen abgesucht und schuppte die gefangenen Fische. Ich schlenderte wie beiläufig zu ihm hinüber. Er erblickte mich und machte mir ein Zeichen, mich zu ihm zu setzen. So, als hätte er mich erwartet. Dann sagte er kein Wort, auch ich schwieg. In der Emailschüssel waren etwa zehn Plötze, er legte sie einzeln auf die Steinstufe und fuhr mit dem Messer darüber, dass ihre Schuppen wie Silbersplitter durch die Luft spritzten. Schließlich räusperte ich mich und erzählte ihm von unserem Besuch der Odin-Quelle, nicht ohne anzumerken, dass sie doch nur ein Wässerchen sei und den Namen nicht verdiente.
Da blitze es in seinen dunklen Augen auf, als hätte ihn etwas getroffen, ich fürchtete schon, das war's.
„Was sagst du da?“ Er warf einen geschuppten Fisch in den Eimer. „Wie kannst du das sagen, wenn du nicht ihre Geschichte weißt? Ich werd sie dir sagen, hör zu..“
Und mit brummiger Stimme, bisweilen durch einen kehligen Krächzer oder einen Klatsch im Eimer unterbrochen, begann er zu erzählen.
Die Geschichte ging so:
Als Odin in Gestalt eines Bootsbauers wieder einmal im Frühling durchs Land wanderte, kam er auch hierher, wo er ein schönes Bauernmädchen traf und sich sofort in sie verliebte. Sie wurden ein Paar und lebten einige Wochen glücklich zusammen. Als der Sommer begann, sagte er, er hätte einen größeren Auftrag am Vänernsee und käme erst nach Mittsommer zurück. Da er aber von Sehnsucht nach ihr verzehrt sein würde, müsse er Abhilfe schaffen, indem er ein Auge zurückließ. Und so nahm er beim Abschied sein linkes Auge heraus und legte es auf einen flachen Teller, diesen stellte er aufs Fensterbrett. So konnte er sie immer sehen, wann immer er wollte.
Die Zeit ging dahin, das Auge sah dem Mädchen Tag und Nacht zu, es schien nie müde zu werden. Dann, einen Tag vor Mittsommerabend, stülpte sie eine Porzellanschüssel über das Auge. Drei Tage blieb es so, am vierten Tag nahm sie die Schüssel ab, und da sah sie, wie das Auge weinte. Erschrocken trocknete sie es mit einem Tuch, aber die Tränen hörten nicht auf. Der Schmied, mit dem sie zusammen gewesen war, riet ihr, das Auge im Wald zu vergraben, und das tat sie auch. Und das Auge, wie ich wohl habe sehen können, weine auch heute noch.
Nun wusste ich, dass Odin auf ganz andere Weise sein Auge verloren hatte, die ganze Geschichte war von hinten bis vorn erlogen, und so konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen: „Aber, Oskar, wieso hat sich Odin denn nicht sein Auge zurück geholt? Der arme Kerl war doch jetzt einäugig.“
Da blickte mich der Alte an und sein Blick war voll Zorn.
„Wär’s dir denn lieber, er liefe mit verheultem Gesicht herum?“ knurrte er, stand auf  und verschwand mit dem Eimer in seiner Hütte.
Auch ich stand auf, klopfte die Schuppen von meinen Jeans und verfluchte meine Überheblichkeit.
Mir war klar geworden, dass er mir seine Geschichte erzählt hatte.

 

 

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