Der Träumer

Dieter Lenz

 

Sein Leben war ein Desaster. Doch hatte er viel Zeit und die füllte er mit Träumereien. Ja, man kann sogar sagen, er hatte ein besonderes Talent zum Träumen und bald kam er darin zu großer Meisterschaft. Dann saß er in einem Sessel oder lag auf dem Sofa, erinnerte sich an ein Erlebnis und begann mit der Traumarbeit, das heißt, er entwickelte daraus einen Traum mit ihm in der Hauptrolle.
Als er wieder einmal so auf dem Sofa lag, entsann er sich einer Szene aus seiner Kindheit. Es war ein Sommertag, er badete mit anderen Dorfjungen, nackt wie sie, in einem Baggerloch. Da spürte er etwas, und tatsächlich, als er sich umsah, entdeckte er ein Mädchen. In einen blauen Badeanzug gehüllt, von der Nachmittagssonne beschienen, kauerte es in einer Nische der Sandwand und starrte herab. Erst kümmerte es ihn nicht, aber dann musste er wieder hinauf sehen und dann immer wieder, bis er überzeugt war, das Mädchen würde nur ihn beobachten. Er geriet in eine Schlammschlacht, und als er wieder hinauf blickte, war das Mädchen verschwunden.
Wie wäre es, wenn er heute, 20 Jahre später, das Mädchen wieder träfe, diesmal aber als Frau?
Sofort begann er es sich auszumalen. Sie steht am Rand des Baggerlochs. Eine schlanke Gestalt in einem schwarz gepunkteten weißen Kleid, der Wind bewegt den Saum, der Himmel ist wolkenlos, und er steigt den Wiesenpfad zu ihr hinauf.
Mit großen Augen sieht sie ihn an, sie hat auf ihn gewartet, sie lächelt und reicht ihm die Hand. Sie setzen sich an den Rand der Steilwand. Von unten kommt der Geruch feuchten Sandes, gegenüber leuchtet die Wand gelb in der Nachmittagssonne.
Er beginnt das nackte Bein der Frau zu streicheln. Eine angenehme Erregung erfasst ihn, aber es bleibt bei der Berührung, er will den Traum später fortsetzen. Die Vorfreude darauf würde ihm helfen, die nächsten Stunden zu überbrücken.
Er wollte die Augen öffnen, aber die Lider reagierten nicht. Erschrocken setzte er sich aufrecht. Noch immer sah er nichts. Da hörte er eine Frauenstimme.
„Himmel noch mal, bleib sitzen!“
Er roch Benzin, im Mund hatte er den Geschmack von Weinbrand. Endlich öffneten sich die Augen. In der Hand hielt er eine fast leere Flasche. Er saß in einem Auto und auf dem Fahrersitz eine Frau um die zwanzig.
„Na, endlich.. Bist du wieder da? Ich dachte schon, du hast dir das Genick gebrochen.“
„Ich träum doch?“ murmelte er.
Die junge Frau am Steuer schüttelte den Kopf. „Menschenskind.. Es war wie im Film. Pure Action! Die Bullen haben uns gerammt. Aber dann sauste sie in den Graben. Und du bist beim Bremsen mit dem Kopf gegen die Scheibe geflogen.. Noch Kopfschmerzen?“
Er sah sie an. Wer war das? Das halblange Haar hatte sie hinter die Ohren gestrichen. Die Brauen über den grauen Augen waren lang und schmal.
„Wir müssen uns eine andere Karre besorgen.“
„Das ist ein Traum, verdammt, es ist mein Traum und ich werde jetzt aufwachen“, sagte er.
Sie lachte. „Ja, wie im Traum oder im Kino. Die in der Bank lagen am Boden und zitterten vor dir. Weißt du, wie viel wir haben?“
Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Wer zum Teufel war das?
„Über 20.000 Euro. Nicht schlecht für den Anfang. Jetzt geht es los, das neue Leben. Unser Leben! Unser eigenes Leben!…“
„Unser eigenes Leben...“ Jetzt erkannte er sie. Es war Chris! Die kleine, unscheinbare Chris mit dem erstklassigem Sex im Bett. Und, ja, jetzt erinnerte er sich, sie hatten davon gesprochen, sehr oft sogar. Eine gemeinsame Zukunft. Raus aus dem grauen Alltag, dem Einerlei im Hinterhof. Er hatte ihr nicht widersprochen. Andererseits.. Das war doch nur Gerede! Aber dann sie hatten sie es doch getan … oder?
Sie bremste. „Da, den Audi dort, den krallen wir uns!“
Während sie die Wagentür aufbrach, stand er regungslos daneben. Sie musste ihn hereinziehen. Dann fuhren sie über eine Landstraße, mehrmals sah sie ihn besorgt von der Seite an.
„Was ist los? Immer noch nicht ganz da?.. Wie heiß ich?“
„Chris.“
„Na bitte.. Kein bleibender Schaden.“
Und da bemerkt er, wie komisch er gekleidet war. Von der Jacke bis zu den Stiefeln: alles aus Leder. Das war nicht sein Stil, andererseits hatte er sich das oft gewünscht. Ein richtiger Mann zu sein, ein Macho. Er betrachtete seine Hände, ballte sie zur Faust, dann streckte er die Beine so heftig aus, dass die Stiefel gegen das Autoblech knallten.
„Na, alles wieder in Ordnung?“
„Ja... Toll!“
Sie lachte.
In einem ländlichen Hotel übernachteten sie. Als sie einmal das Zimmer verließ, griff er zum Telefon und wählte seine Telefonnummer. Niemand meldete sich. Dann wählte er die Nummer seines Wohnungsnachbarn, und als Chris mit einem beladenen Tablett zurückkam, saß er auf der Bettkante, den Telefonhörer in der Hand. Er hatte gerade erfahren, dass er gestorben war.
„Verdammt!“ Sie stellte das Tablett ab und riss ihm den Hörer aus der Hand. „Du spinnst wohl!“ Sie legte den Hörer auf. „Mach jetzt keine Dummheiten. Hier.. Ich hab was zu essen geholt.“
Als sie die Sektflasche entkorkte und die Kleider von sich warf, kam ihm alles wieder vertraut vor. Auch, dass sie gleich darauf im Bett lagen. Ja, so ist sie, die Chris. Und es war großartig wie immer.
Am nächsten Morgen hatte er schon wieder Lust, er zog sie an sich, sie biss ihn in die Schulter.
„Schluss jetzt.. Wir müssen abhauen.“
„Ich hab gar nicht gewusst, wie glücklich ich bin“, dachte er. Und er bewunderte Chris, die alles so klasse gemanagt hatte.
Es gab weitere Banküberfälle, irre Autofahrten, Übernachtungen in luxuriösen Zimmern und Nächte mit erstklassigem Sex.
Aber dann änderte sich etwas. Das heißt: es änderte sich eben nichts, und das war das, was ihn zu nerven begann. Die Wiederholungen! Ein Tag war wie der andere. Bankraub, Fluchten, heiße Nächte. Hatten sie nicht geplant, das Land zu verlassen und unter Palmen an einem sonnigen Strand zu leben wie im Paradies?
Warum machte sie keine Anstalten, die Tickets für den Flug zu besorgen? Und dann änderte sich sogar der Sex, er wurde strapaziös. Und schließlich der Geruch. Sie hatte Zigarillos zu rauchen begonnen, auch im Bett. Bald roch sogar ihr Körper nach den Zigarillos, aber sie ließ nicht davon ab. Einmal fragte er sie direkt, wie das denn nun sei mit Indien oder der Südsee, das sei doch schließlich ihr gemeinsamer Plan, sie winkte ab. Sie hätten noch nicht genug Geld. Er begriff: sie würde nie genug Geld haben und so beschloss er, sie zu verlassen.
In der nächsten Nacht wartete er, bis sie eingeschlafen war.   Im Dunkeln stand er leise auf, zog sich an und verließ das Zimmer.
Auch im Flur war es dunkel, er fand den Schalter nicht. Er tastete sich zur Treppe. Plötzlich stieß er mit dem Knie gegen etwas Hartes, es gab einen Bums, das Licht ging an und er hörte einen Schrei.
Geblendet kniff er die Augen zu. Als er sie öffnete, erblickte er einen Nachttisch mit einer brennenden Leselampe, eine Frauenhand griff in die Schublade nach einer Pistole. Er schlug die Hand zurück.
Und dann sah er sie: Eine verängstigte Frau im Bett. Die Bettdecke an die Brust gezogen, saß sie am Kopfende des Bettes und starrte ihn an. War er versehentlich in ein fremdes Zimmer geraten?
„Wo bin ich?“ fragte er.
„Bitte“, flüsterte sie.
„Ich tu Ihnen nichts“, sagte er. „Aber wie komm ich hierher?“
„Ich muss Sie träumen! Sie sind aus meinem Krimi, den ich grade schreibe.“
Er hielt ihr den Arm hin. „Fassen Sie mich an..“
Sie zog sich die Decke über den Kopf. „Verschwinden Sie!“
Er sah sich um. Ein Sessel und ein Sofa mit ockerfarbenem Bezug, an der Wand ein Farbdruck mit einer indischen Tempeltänzerin. Die Zimmerdecke war sehr hoch und hatte ein Stuckornament an den Rändern und in der Mitte eine Rosette mit der Deckenlampe. Berliner Altbau, dachte er. Merkwürdig. War das hier nicht ein Hotel?
Er setzte sich in den Sessel.
Ihr ging die Luft aus, sie schob den Kopf über die Bettdecke. Sie sah, wie still er saß und wurde mutiger.
„Nein, Sie sind tatsächlich wirklich. Sie sehen bloß aus wie meine Romanfigur. Ich bin Schriftstellerin, wissen Sie.“ Und als er immer noch nicht reagierte, fragte sie: „Was wollen Sie von mir? Geld?“
„Davon hatte ich mehr als genug“, sagte er. „Im Gegensatz zu Ihnen habe ich einen echten Krimi erlebt, ich bin ein Bankräuber, bloß im Augenblick weiß ich nicht.. Wieso bin ich hier?“
Wieder sah er sich um.
„Echt? Ein Bankräuber? Toller Zufall. Mein Held ist nämlich auch einer.“
Sie gluckste ein kleines Lachen.
„Sie nehmen mich nicht ernst, was?“ Er wandte sich ihr zu und wurde schroff. „Wenn das hier Ihre Geschichte ist, dann sagen Sie mir, wie sie aus geht.“
„Ich weiß es noch nicht.“ Vor Eifer wollte sie die Hände hervorholen, die Decke glitt herunter, rasch zog sie sie wieder bis ans Kinn. „Ich arbeite noch daran. Der Schluss ist immer das Schwerste. Es muss der Höhepunkt sein, verstehen Sie, ein richtiger Knaller. Vielleicht lass ich alles in einer Schießerei enden. Aber das ist ein Klischee, stimmt’s?“
„Ja, aber sehr amerikanisch.“ Er sprang auf. „Ich vergesse, wer nebenan liegt. Von der muss ich weg!“
„Ihre Frau?“
„Ich hab genug von ihr.“
Sie sagte belustigt: „Midlifecrisis?“
Er zuckte zusammen.
„Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?“
Er riss die Bettdecke weg. Der kleine Leberfleck unter ihrem Bauchnabel war nicht zu übersehen. Er stöhnte auf. „Du bist es! Kannst du mich nicht in Ruhe lassen!“
Sie sagte: „Sie sind ja wahnsinnig!“
„Chris, bitte, lass mich! Lass mich endlich gehen!“
„Dann hau doch ab. Zieh Leine!“
„Ja wie denn?“ Er griff sich an die Stirn. Dann sagte er: „Warte! Ein Alptraum. Das ist ein Alptraum. Erschieß mich! Ja! Es geht nicht anders.. Du hast doch eine Pistole, erschieß mich!“
„Niemals!“
Er holte die Pistole aus der Schublade und drückte sie ihr in die Hand.
„Los! Tu es!“
Sie fuchtelte mit der Pistole in der Luft herum.
„Wie funktioniert die? Ist die überhaupt geladen?“
Er packte ihre Hand mit dem Revolver, drückte den Lauf gegen seine Brust, und obwohl er im selben Augenblick ein Gefühl von Bedauern, ja, sogar Trauer empfand, schrie er: „So schieß doch endlich! Schie
 
Die Mordkommission fand den Toten um 7.20 vor seinem Computer sitzend, den Kopf auf die Brust gesenkt. Die Kugel war in die linke Schläfe gedrungen. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit getan, die Leiche wurde abtransportiert, zurück blieben der Kommissar und sein Assistent.
Die Wohnung befand sich im rechten Seitenflügels einer Mietkaserne, man trat vom Hinterhof direkt ins Wohnzimmer. Das Mobiliar war uralt, teilweise schäbig.
„Ein Schriftsteller“, sagte der junge Assistent, „nicht sehr erfolgreich offenbar. Übrigens, Chef, Sie wollten doch die Frau sprechen, die den Toten entdeckt hat. Sie sitzt hier und wartet.“
„Gleich.“ Der Kommissar zeigte auf den Monitor. „Sieh mal, da blinkt`s. Der Computer ist noch an.“ Er drückte die Entertaste. Der Schirm erhellte sich, ein Text wurden lesbar. Die letzte Zeile lautete: So schieß doch endlich! Schi
Der Kommissar setzte sich, schob die halbleere Weinbrandflasche beiseite, scrollte den Text bis zur Überschrift „Der Träumer“ und begann zu lesen. Als er fertig war, gab er einen Krächzer von sich und drehte sich um. Sein Blick fiel auf die junge Frau. Sie saß auf dem Sofa. Zierlich war sie, hatte die Beine übereinander geschlagen und rauchte ein Zigarillo. Er stutzte, dann sagte er freundlich: „Sie haben den Toten gefunden?“
„Ja.“
„Kann ich Sie befragen?“
Sie nickte.
„Sie heißen?“
„Christa Holzmann.“
Der Kommissar rieb sich mit dem Handrücken die rechte Augenbraue.
„Was wollten Sie so früh bei ihm?“
„Mit ihm frühstücken. Wir frühstücken oft zusammen, ich wohne gegenüber.“
„Das erklärt die Tüte mit den Schrippen.“ Er betrachtete sie. Dann sagte er: „Nannte er Sie vielleicht Chris?“
Sie nickte.
Plötzlich drehte er sich zum Computer, druckte den Text aus und gab ihr die Blätter zu lesen.
Sie las. Nichts in ihrem Gesicht rührte sich. Nach einer Weile legte sie das Zigarillo in den Aschenbecher. Als sie zu Ende gelesen hatte, gab sie die Blätter wortlos zurück. Der Kommissar reichte sie seinem Assistenten.
Die junge Frau nahm das Zigarillo vom Aschenbecher, machte einen Zug, blies den Rauch aus und sagte: „Ich war’s nicht. Sie sehen ja: Er schreibt ja selbst, ich konnte es nicht. Ja, ab und zu verlangte er es.. im Suff. Ich hätte es nie gekonnt…“ Sie wurde laut. „Da steht es doch! Er hat es selbst getan!“
„Nein, er war’s nicht, sonst hätten wir eine Waffe gefunden“, meinte der Assistent, von den Papieren aufblickend.
Und der Kommissar sagte: „Wo waren Sie heute Nacht?“
„Im Bett natürlich.“
„Die ganze Nacht? Kann das jemand bezeugen? Ihr Mann?“
„Der taugt nicht als Zeuge. Er schläft schlecht und geht dann immer raus.“
„Er geht raus? Wohin?“
„In den Hof, unter der Eiche ist eine Bank, da sitzt er dann.“
Der Kommissar stand auf.
„Und wo ist er jetzt?“
„Keine Ahnung. Er ist der Hauswart. Hier ist immer was zu tun.“
Sie fanden ihn im Heizungskeller. Er hatte sich erschossen, mit derselben Pistole, mit der er den Schriftsteller getötet hatte.