Deutsches Kriegskind

 

Als der Krieg verlor die Augen,

hat er meine aufgesetzt

und ich sah beim Daumensaugen,

was auf ewig mich entsetzt:
Wie im Staub der Sturmkolonnen,
blitzt das Zeichen der SS,
in den Hals kommt Blut geronnen
und es schmeckt wie Leckeres.
Und mein Herz, das bläht sich auf,
prahlt mit Stiefelwippen,
stößt den Bajonettenlauf
aufwärts in die Kehle.
Hitler öffnet sein Geschäft
und verkauft Befehle,
die mein Mund wie rasend kläfft,
bis er nur noch Wasser spuckt.
Abends sitz ich hingeduckt
wenn ich diskutiere.
Wie ich in den Spiegel stiere,
seh ich meinen Feind.
Es verstummen die Fanfaren
und ich hör, wie etwas weint,
als die Eltern glücklich waren.                 

Verse auf der Kachelwand

Der Gelbe Stern

 Dieter Lenz

 

Hörspiel für 5 Stimmen

 

 THERAPEUT

 MANN

 KLAUS

ANNA

VATER

 

 

THERAPEUT: Wie geht's? Sie sehen besser aus als sonst.

MANN: Finden Sie? Seit zwei Wochen bin ich 70.

THERAPEUT: Große Party zum Geburtstag?

MANN: Der reinste Rummel. Ich wollte nichts Großes, aber meine Frau bestand darauf. Etwa 40 Leute.. Erst dachte ich, ich schaff es nicht..

THERAPEUT: Und dann?

MANN: Ein kurzer Anfall. Schon merkwürdig, dass man in meinem Alter noch eine Sozialphobie bekommen kann.

THERAPEUT: Sie sollten U-Bahn fahren. Haben Sie das getan?

MANN: Ja. Und es ging besser, als ich dachte. Nur einmal ein Schweißausbruch, als ein Pulk Hertha-Fans hereinströmte. Die kamen grade vom Spiel..

THERAPEUT: Na, da würde auch ich nervös werden.. Was haben Sie da? Ein Buch?

MANN: Ja, und darüber muss ich mit Ihnen reden. Ich krame in meinen alten Sachen. Und da fand ich das hier.. Ich möchte Sie um etwas bitten.

THERAPEUT: Darf ich mal sehen..

MANN: Aber natürlich.. Sie sollen sogar.

THERAPEUT: Der gelbe Stern..196 Bilddokumente.. Die Judenverfolgung in Europa....

MANN: Sehen Sie den Bruch im Rücken.. Da klappt das Buch fast von selbst auseinander..

THERAPEUT: Das Buch ist alt

MANN:  Gedruckt 1960. Damals bekam ich es in die Hände.. Und da war ein Bild..  Bild nicht mehr aus dem Sinn.

THERAPEUT: Welches Bild?

MANN: Klappen Sie das Buch auf.. An der Stelle, wo es aufgeht.. Das Bild rechts....

THERAPEUT: Ein schreckliches Bild..

MANN: Ichw ar damals 16. So was hatte ich noch nie gesehen. Und ich wusste nicht das Geringste davon! Von dem Buch erzählte mir ein Schulfreund, im Flüsterton. Das machte mich neugierig.. Er schenkte es mir.

THERAPEUT: Und dann?

MANN: Danach gab es des ersten Krach mit meinem Vater.. Und alles veränderte sich. Die Welt war eine andere, die Menschen waren andere. Dabei ging es uns gut. Wir hatten gerade eine Neubauwohnung bezogen. Hatten unsern ersten Kühlschrank. Immer voll natürlich. Ich hatte einen Plattenspieler. Mein Vater kaufte sich einen Opel .. Wir wollten in den Ferien nach Italien.. Ja, es ging uns gut, sehr gut sogar... Und dann.. Dieses Buch..  Ich kam nicht mehr los davon.

THERAPEUT: Als Sie es jetzt wieder fanden.. Nach so vielen Jahren.. Fürchteten Sie sich, es zu öffnen?

MANN:Nein.. Wir sind ja mittlerweile alle bestens informiert über die Gräuel der Nazis.. Diese Menge an Filmen, TV-Serien, Erinnerungsbüchern und so weiter.. Aber dann sah ich wieder das Foto an. Sehen Sie in der ersten Reihe? Da ist ein Mädchen. Eigentlich eine junge Frau, aber damals war sie in meinen Augen ein Mädchen. Sie müssen wissen, ich hatte noch keine Freundin.. Anna! Jetzt fällt es mir ein! Sie nannte sich Anna..

THERAPEUT: Sie nannte sich Anna?

MANN: Sie hat sich nicht verändert! Immer noch schön und auf schreckliche Weise glücklich, ja, sie scheint mir wirklich glücklich zu sein. Wie kann das sein?

THERAPEUT: Ich habe nicht den Eindruck. Unter diesen Umständen! Dieser Trupp Zivilisten.. Sie werden abngeführt..„Die Straßen des Ghettos waren voll dichten, beißenden Qualm.“ steht darunter. Es müssen Juden sein. Wir wissen doch, wie es ausging..

MANN: Aber da ist eine Kraft bei ihr.. Sie ist voller Leben... Und sie sprach mich an! Stellen Sie sich vor! Sie erkannte mich!

THERAPEUT: Wie meinen Sie das?

MANN: Sehen Sie... Das beschäftigt mich.. Ich muss wissen, wie es ausging.. Wir sprachen miteinander, wirklich..  Es konnte doch nicht gut ausgehen. Oder? Hören Sie... Ihr Spezialgebiet ist doch Hypnotherapie.

THERAPEUT: Ja, für traumatische Fälle. Aber Sie sind nicht traumatisiert...

MANN: Aber das Foto.. Verstehen Sie? Da muss was passiert sein! Helfen Sie mir! Führen Sie mich zurück zu dem Augenblick, als ich das Bild zum ersten Mal sah! Ich wusste vorher nichts von Hitler und den Nazis, gar nichts.. Keiner in meinem Alter wusste was! In der Schule hörten wir nichts, in der Familie nicht. Und da bekam ich das Buch...Und da sah ich es! Alles sah ich! Ganz nah vor meinen Augen! Und dann das Bild.. . Anna.. Was passierte mit mir?

THERAPEUT: Gut. Versuchen wir es. Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn nichts dabei heraus kommt..Der Verstand sucht am liebsten nach dem Ungewöhnlichen, dabei liegt die Lösung oft im Banalen... Bitte legen Sie sich hin.. Ganz locker.. Schließen Sie die Augen! Sie sind entspannt. Sie fühlen ihre Arme, Ihre Beine, sie werden immer schwerer .. Ihre Gedanken werden leicht, fließend... Auch die Zeit fließt an Ihnen vorbei.. Jahre gleiten vorüber.. Sie werden wieder jung, es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, Sie haben eine neue Wohnung, Ihr Vater hat einen Opel, der Kühlschrank ist gefüllt.. Sie sind 16 Jahre, Ihr Schulfreund hat Ihnen ein Buch geschenkt. Es heißt Der gelbe Stern. Sie sind neugierig.. Hier das Buch.. Sie schlagen es auf... blättern .. Fotos.. Viele Fotos.. (schweres Atmen des Mannes). Halt! Sie lassen das Buch sinken.  Sie beruhigen sich.. Sie fühlen sich besser. Sie nehmen das Buch wieder auf, blättern.. Und jetzt sind Sie bei dem Bild.. Haben Sie es? Gut. Sehen Sie es sich an... „Der Marsch zum Umschlagplatz“ steht darunter..

 

 

MANN: Ja... Das Foto.. Ja, ich sehe ... Ich sehe .. Da hinten ist der Himmel schwarz. In der Straßenmitte eine Menschengruppe. Sie gehen aneinander gedrückt wie eine Marschkolonne (man hört die schleifenden Marschtritte auf dem Asphalt) Ein behelmter Soldat, mit dem Gewehr im Anschlag, geht neben her.. Er hat ein verkniffenes Gesicht.. Grinst er? Und da.. In der ersten Reihe .. links.. ein Mädchen. Ihren Mantel hat der Wind an einer Seite aufgeschlagen.. Sie geht eingehakt mit einer alten Frau, die blickt stolz geradeaus.. Dicht an die Frau gedrängt ein kleines Kind.. Im Hintergrund halten die Männer die Hände hoch. Alle gehen im Gleichschritt, man sieht es an den Beinen, alle treten mit dem linken Fuß auf.. auch der Soldat.. Wieso schaut das Mädchen zu Boden?

 

ANNA (während das Geräusch des Marschierens bleibt): Weil ich dir zuhöre. Ich seh dich zwar nicht, aber ich höre dich. Und ich spüre dich. Wie hast du mich gefunden?

KLAUS: Ich?

ANNA: Mit wem spreche ich denn? Mit dir! Wie hast du mich gefunden?

KLAUS: Du bist in einem Buch. Du bist auf einem Foto. Du gehst mit anderen über eine Straße.. Da ist ein Soldat, der euch bewacht.. Es gibt Fotos und Texte. Das Buch erzählt eure Geschichte...

ANNA: Steht da auch drin, wo wir hingehen?

KLAUS: Ich.. Ich weiß nicht..

ANNA: Schau nach..

KLAUS: Ich lese noch (schlägt mehrere Seiten um)..

ANNA: Du schnaufst ja... Ist Lesen so anstrengend?

KLAUS: Nein, bloß... Ich finde nichts... Nein.. Da steht nichts. Nirgendwo...

ANNA: Bestimmt Arbeitslager. Bei euch werden Arbeitskräfte gebraucht..

KLAUS (erleichtert): Jaja..  In ein Arbeitslager... Ganz genau. Arbeitslager..

ANNA: Gut. Ich dachte schon, es wäre Schlimmeres..

KLAUS: Nein nein, es ist ein Arbeitslager. Da wird nur gearbeitet. Hab keine Angst.

ANNA: Hab ich nicht.

KLAUS: Woher weißt du, dass ich in Deutschland bin?

ANNA: Du sprichst deutsch.

KLAUS: Du auch..

ANNA: Ich bin aus Deutschland..

KLAUS: Und ich weiß, du bist Jüdin.. Dunkles Haar und schwarze Augen..

ANNA: Und du bist Katholik, blondes Haar und blaue Augen.

KLAUS: Gar nicht. Ich hab braune Augen und braunes Haar.

ANNA: Und meine Augen sind dunkelblau... Ich heiße Anna. Und du?

KLAUS: Klaus.

ANNA: Du hast da ein Buch, sagst du. Unsere Geschichte steht darin.. Erzähl mir davon..

KLAUS: Das meiste sind Fotos..

ANNA: Wie schön. Man wird sie auf die Kommode stellen..

KLAUS: Das bestimmt nicht.. Wie du gehst! Wie bei einer Wanderung... So viel Kraft zeigst du... Bei jedem Schritt schlägt dein Knie deinen Mantel nach oben.

ANNA: Wo bist du?

KLAUS: In meinem Zimmer.

ANNA: Beschreib mir dein Zimmer..

KLAUS: Die Zimmertür ist links von mir.. Wenn ich vom Buch aufsehe, sehe ich das Fenster.. Es geht in den Garten..

ANNA: Mach es auf, bitte.

(KLAUS öffnet ein Fenster, man hört Vogelgezwitscher)

ANNA: Da, das war ein Buchfink... Und jetzt eine Amsel. Was siehst du?

KLAUS: Einen großen Fliederbusch.. fünf Meter von hier..

ANNA: Blüht er?

KLAUS: Ja, es ist Mai.

ANNA: Riechst du den Duft?

KLAUS: Ja.

ANNA: Und der Himmel?

KLAUS: Blau, ein paar Wolken..Da fliegt ein Flugzeug..

ANNA: Ein Bomber?

KLAUS: Nein, wieso.. Es ist doch Frieden. ... (Plötzlich Schreie, Befehle: Zurück! Zurück! Schüsse.. Wieder Marschtritte) Was ist passiert?

ANNA: Einer wollte weg.. (Marschtritte) Kann ich noch mal die Vögel hören.. (Vogelgezwitscher) Ja, jetzt spür ich es auch.. Es ist Frühling.. Die Welt ist nie so schön wie im Frühling. Die Nächte sind Klavierstücke, jede Nacht ein anderes Lied, jeder Stern ein anderer Ton... Und der Wind, der Wind, das himmlische Kind... (singt)

 Er wirbelt auf in Frühlingslüften

und hat am Haarschopf seine Lust,

er klebt das Kleid an schlanken Hüften

und eine mädchenhafte Brust.

 Sie aber steht, des Windes Beute,

umrahmt von weißem Kirschenflor.

Der Wind kommt sich wahrscheinlich heute

wie ein ganz großer Künstler vor.

KLAUS: Wie kannst du jetzt singen.. Man verschleppt euch.. Man schießt auf euch..

ANNA: Ich will dir etwas sagen. Ich weiß es, wir alle wissen es, du weißt es auch. Die in den Uniformen sind die Toten, wir sind die anderen, die Unsterblichen.

KLAUS: Die Uniformen, die kenne ich. Der da... das ist ein Deutscher.  Und er hat einen schiefen Mund wie mein Vater. Wirklich. Er könnte es sein. Er sieht mich an. Vielleicht glaubt er, ich könnte eingreifen..

ANNA: Kannst du doch nicht.. Außerdem... Er würde dich erschießen!

KLAUS: Ja, das trau ich ihm zu.. Er will, dass ich gehorche. Als wär ich ein Hund.

ANNA: Vergiss deinen Vater.

KLAUS: Wie soll das gehen?

ANNA: Mach es wie ich. Ich gehe und gehe. Ich merke mein Gehen nicht mehr. Ich höre dir zu. Das ist schön..

KLAUS: Wie alt bist du?

ANNA: Alt genug.. Wie alt bist du?

KLAUS: Sechzehn.

ANNA: Na bitte! Ich bin älter als du! Ich weiß mehr als du.. Aber jetzt hören wir auf damit. Du sprichst, als hättest du Asche im Mund.

KLAUS: Dafür gibt es einen Grund..

ANNA: Sag ihn mir..

KLAUS: Ich bin sicher.. Der Soldat da, das ist mein Vater! Ich erkenn ihn..

ANNA: Na und?

KLAUS: Er soll das nicht mehr tun.. Das da!!

ANNA: Sag es ihm!

KLAUS (schreit): Vati! Vati! (Marschtritte) Er hört mich nicht...

ANNA: Das wusste ich. Gib nichts drum..

KLAUS: Aber ich.. Ich muss was tun...

ANNA: Du tust ja schon was, du redest mit mir. Hör nicht auf zu reden. Bitte. Ich weiß ja, das kannst du nicht sagen.. Es ist nicht in Worte zu fassen, ich weiß.. Aber du sprichst mit mir... Sohn dieses Vaters.. Dank dir dafür. Und vielleicht ist es auch gar nicht dein Vater.

KLAUS: Doch! Er sieht mich an udn grinst! Und ich will nicht, dass du so zu mir sprichst! Nicht so!  Ich will, dass du schreist, dass du so schreist, dass sich alle die Ohren zuhalten müssen, du sollst mit Wut und Hass deine Anklage herausschleudern, dass alle schreiend davon laufen, du sollst diesen Verbrechern ihren Blutdunst ins Gesicht schreien, bis sie ersticken.. Ich will, dass du dich endlich wehrst, dass du um dich schlägst, dass du beißt und kratzt, dass du alles auf sie wirfst, die Not, das Elend..die Angst.. den Schmerz und den Tod, schmeiß es auf sie, deck sie zu damit, ein Berg von Schmerz und Verzweiflung auf sie, dass sie auf ewig verschwinden und keiner mehr was von ihnen weiß.... . (Pause)

ANNA: Meintest du etwa mit dem Tod auch meinen Tod?

KLAUS: Was? (hastig) Nein. .. . Ich.. ich dachte ganz allgemein. Alle, die schon immer verfolgt und getötet wurden, die meinte ich. Seit Jahrtausenden..

ANNA:  Du weißt doch, was passiert, wenn wir uns wehren. Sie schießen sofort! Aber das Leben ist kostbar, jede Sekunde davon ist süß.. Auch jetzt.. (Schuss) Siehst du, da hat sich wieder einer aus der Reihe gewagt..

KLAUS: War das mein Vater?

ANNA: Ich weiß nicht.. Ist denn das so wichtig?

KLAUS: Ja! Ich werde euch rächen! Ich werde ihn bestrafen!

ANNA: Es heißt, du sollst Vater und Mutter ehren.

KLAUS: Und es heißt auch: Du sollst nicht töten.

ANNA: Das ist wahr..

KLAUS: Ich sehe dich an, und ich möchte dich umarmen, ich möchte dich raus holen und ich kann es nicht.. Aber wenn du schreist... Ich könnte mitschreien!

ANNA: Schreien, ach Gott. Dann wäre das etwas ganz Gewöhnliches, etwas Alltägliches. Da hat man einer Frau die Geldbörse gestohlen und sie schreit. Da ist ein Hund überfahren worden und der Hundebesitzer schreit..

KLAUS: So wein doch wenigstens...

ANNA: Wir saßen an den Bächen Babylons und weinten.. Ja, wenn wir uns setzen dürften, für eine kleine Rast, dann würden wir weinen...

KLAUS: Der Soldat wird das nicht erlauben.

ANNA: Und darum werden wir nicht weinen.

KLAUS: Wenn ich wenigstens an deiner Seite sein könnte. Wenn ich mit euch gehen könnte! . Ich werde geradeaus blicken wie du, den Kopf erhoben, ich werde stolz sein ..Ich werde sogar lächeln können. Weil morgen alles vorbei ist.

ANNA: Vorbei? Was ist vorbei? Entschuldige, das gefällt mir nicht. Was ist dann vorbei?

KLAUS: Alles! Das Leben, die Erde, die Menschen ist, alle, alles wird verschwunden sein...

ANNA: Auch ich.

KLAUS: Nein, du nicht, man wird dich auf einen anderen Planeten bringen. Alle Unschuldigen bringt man dort hin und lässt sie ein neues Leben beginnen.. Du könntest niemals töten!

ANNA: Du kennst doch die Geschichte... Kain erschlug seinen Bruder Abel. Wenn sich Brüder schon umbringen... Bevor du das Buch bekamst – hättest du gedacht, dein Vater könnte ein Mörder sein?

KLAUS: Niemals. Er hält sich streng an die Gesetze... Aber wenn das so ist.. Wenn wir alle so sind.. Darf man denn atmen, wenn man weiß, dass es der Atem eines Ungeheuers ist?

ANNA: Gott sei Dank sind nicht alle so.. Jedenfalls glaub ich es nicht. Ich weiß aber, dieser Soldat da – möge es nicht dein Vater sein! – das Herz dieses Soldaten wird tausendmal an seine Stirne schlagen, so oft wie einer von uns vorüber ins Lager geht. Er gehorcht, er gehorcht ohne zu denken, und das Gehorchen wird sich wie Krebs in seinem Leben ausbreiten und zerstören. Solltest du jetzt nicht lieber schlafen gehen? Ich spüre, dass es bei dir dunkel wird..

KLAUS: Ja, es wird dunkel.. Aber wie soll ich schlafen.. Immer hör ich eure Schritte. Diesen schleifenden Marschtritt ...

ANNA: Tut mir leid.. Aber wir sind bald da.. Dann hörst du uns nicht mehr.

KLAUS: Ich werde euch trotzdem hören. Ich werde euch ab jetzt immer hören. Ihr seid ja so viele.

ANNA: Das ist wahr. Wir gehen schon so lange. Das ist unsere Geschichte.

KLAUS: Könnte ich mich doch hinstellen und alle aufhalten, die hinter euch her sind..

ANNA: Niemand hält sie auf.

KLAUS: Ich möchte bei euch sein.

ANNA: Warum? (Stille) Was ist..

KLAUS: Es juckt mich.. Ich muss mich kratzen...

ANNA: Läuse?

KLAUS: Ich weiß nicht... Habt ihr Läuse?

ANNA: Ich nicht. Und die anderen auch nicht.

KLAUS: Ich meinte doch nur.. Nein, es sind keine Läuse. Unter der Haut, da juckt es. .Meine Hände! Jetzt seh ich's.... Sie weren kleiner! Und die Füße..

ANNA: Schau nicht hin!

JUNGE: Hier passiert was, das ist nicht verstehe!

ANNA: Ja, überall passiert was.. Man kann darüber verrückt werden.. Vergiss es! Schau den Himmel!  Dort wird er heller! Ich glaube, die Sonne kommt.

JUNGE: Überall Rauch.. Da ist kein Himmel. Und du siehst immer noch zu Boden.

ANNA: Trotzdem seh ich den Himmel.. Ich komm ihm näher.. Wir alle kommen ihm näher. Der Himmel ist unendlich groß und weit, er nimmt alles auf, er hat Platz für uns alle.. Wir werden wie Wolken sein und unsere Erinnerung wird leicht sein..... Ganz anders als die Erinnerung dieses Soldaten.. Möge es nicht dein Vater sein!

 

(Tür geht auf)

VATER: Mit wem redest du?

KLAUS: Mit keinem.

VATER: Keine Widerrede! Ich hab dich reden hören. Und du hast nach mir geschrien? Warum?

KLAUS: Hab ich das? Und bist du gekommen?

VATER: Bin ich ein Hund?.. Was liest du da?

KLAUS: Geht dich nichts an.

VATER: Und ob das mich was angeht. Ist das ein Porno? Gib das Buch her!

KLAUS: Nein.

VATER: Her damit.. (reißt ihm das Buch aus den Händen) Was? So was liest du? So einen Schund? Woher hast du das? Lügenpropaganda! Das sind gestellte Fotos!

KLAUS: Das ist Geschichte! Wahre Geschichte! Deine Geschichte!

VATER: Das da... meine Geschichte? Spinnst du? Alles Schwindel...  Das gab es gar nicht..  Das war ganz anders! Wir waren bedroht! Uns wollte man auslöschen! Das deutsche Volk sollte vernichtet werden!  Das war's! Wenn du alt genug bist, erzähl ich dir die ganze Geschichte... von Anfang an.... Aber was kümmerst du dich um Sachen, die län gst vorbei sind. Das ist Vergangenheit... Ich kapier dich nicht. Hast du denn keine Augen? Wir schuften, wir ackern.. Mit meiner Hände Arbeit sorge ich dafür, dass es dir besser geht, viel besser als mir damals. Und was machst du? Liegst auf dem Bett und liest solchen Schund! Ein bisschen Dank kann man von dir schon erwarten..

KLAUS: Wofür, zum Teufel?

VATER: Red nicht so mit mir, verdammt noch mal, ich bin dein Vater! (mild) Junge, du verstehst das alles nicht.  Darüber reden wir noch.. Aber nicht jetzt. Und das hier gehört in den Müll.

KLAUS: Nein.. Gib her, es gehört mir.

VATER: Das verschwindet..

KLAUS: Das Buch verschwindet... und jetzt ist alles gut?

VATER: Ja, das ist es! Noch nie ging es usn so gut wie heute!

KLAUS: Mit Blut an den Händen.

VATER: Verdammt noch mal.. Was redest du für einen Stuss! Steht das in da drin? Ich sag dir was, von Blut verstehst du schon gar nichts..  Deutschsein, das ist was.. Und  das bleibt was! Das lass ich nicht mit Dreck bewerfen! 

KLAUS: Deutsches Volk. Deutsche Ware. Deutscher Fußschweiß..

VATER: Sag mal, bist du noch richtig im Kopf? Werd erwachsen und dann wollen wir wie Männer miteinander reden..

KLAUS: Was meinst du?! Welche Art Männer?... Gib mir das Buch zurück! Oder ich brüll sämtliche Nachbarn zusammen!

VATER (wütend): Du....Idiot verdammter. (ruhig) Gut, nimm den Scheiß. Und behalt ihn. Wenn es dich noch verrückter macht, gut, dann kommst du wenigstens in die Klapsmühle...  (Tür schlägt zu)

 

ANNA: War was?

KLAUS: Nichts Besonderes.

ANNA: Ich dachte schon, du bist weg und kommst nicht wieder.

KLAUS: Der Soldat war da. Hab ihn verjagt.

MÄDCHEN: Du meinst deinen Vater.

KLAUS: Vater? So was ist kein Vater. Das ist ein Soldat in Zivil. Ein Soldat auf ewig.

ANNA: Du bist sein Sohn. Eine Hälfte von dir ist von ihm..

KLAUS: Und die andere Hälfte? Wer bin ich? Was bin ich? Sag es mir..

ANNA: Ach bitte.. Soll ich dich bemitleiden? (stille) Jetzt streiten wir. Entschuldige.

KLAUS: Ich werde hier abhaun. Ich werde woanders hingehen und ein anderer sein.. Noch fünf Jahre. Dann bin ich volljährig... Noch am Tag meines Geburtstags hau ich ab. (stöhnt)

ANNA: Was ist?

KLAUS: Ihr geht so schnell.. Meine Beine werden immer kleiner....

ANNA: Ich wusste doch, dass du mitgehst! Du begleitest uns.. Aber du bist das Marschieren nicht gewohnt...

KLAUS: Anna! Mit mir passiert etwas.. Ich spür es.  Ich verwandle mich.. Ich muss zu euch! Lass mich zu euch!  Ich... Meine Arme schrumpfen.. Hol mich rüber! Schnell!  Mach ein Wunder.. Katholiken und Juden glauben an Wunder.. Warum macht Gott jetzt kein Wunder?

ANNA: Vielleicht ist das Wunder schon da. Wir reden miteinander.

KLAUS: Reden! Es muss etwas passieren! Ich komme jetzt zu euch... (Pause) Es geht nicht.. Ich kann nicht.. Du musst mich holen! Rette mich!

ANNA: Dich retten? Wovor soll ich dich retten? Vor deinem Leben! Übrigens ist der Marsch gleich vorbei. Ach sieh mal, wir sind schon da!

KLAUS: Was heißt da? Wo? Was ist das für ein Ort?

ANNA: Baracken! Und ein Haus.. Ein falches lang gezogenes Haus.. Da gehen wir jetzt hin. Hörst du? Sie sagen, wir werden geduscht, bevor wir in die Baracken kommen.. Und das haben wir auch nötig. Ich bin ganz verschwitzt...

KLAUS: Nein! Trau ihnen nicht! Das stimmt nicht! Ich weiß, was es ist!

ANNA (leise): Ich auch, Klaus. Wir alle wissen es..  Aber siehst du das kleine Mädchen hier? Das weiß es nicht. (laut) Wir werden geduscht.. Endlich werden wir mal wieder gewaschen! Es ist auch wirklich nötig.

KLAUS: Anna! Warte! Hier.. hier.. . Das steht was in dem Buch! Die russische Armee ist schon ganz nah, sie befreien euch..Anna, der Krieg geht zu Ende! Reißt aus! Sie können nicht alle erschießen!

ANNA: Ich sagte doch, es ist ein Badehaus..  Wenn sie uns befrein, werden wir ganz sauber sein und gut duften, und dann, Klaus, dann werden wir tanzen! Kannst du tanzen?

KLAUS: Nein! Kann ich nicht! Wie sollte ich? Ohne Beine!

ANNA: Und uns umarmen!

KLAUS: Ja wie denn? Anna! Ich hab keine Arme mehr!

ANNA: Und wir werden uns küssen!

KLAUS: Mein Kopf... Er rutscht in den Hals....Und mein Gesicht!  Was ist das? Wo ist mein Gesicht? Anna! Hörst du mich noch?

ANNA: Wir müssen uns jetzt ausziehen... Sieh mal... Gefall ich dir?

KLAUS: Jaja! Aber ich! Gefall ich dir? Schau mich an!

ANNA: Jetzt gehen wir hinein. Wir sehen uns im Frieden.

KLAUS (schreit): Anna, Anna! Hör doch, sieh doch! Du wirst mich nicht erkennen! (die eiserne Tür schlägt zu) Anna! Ich bin ein Wurm!

 

 

THERAPEUT: Stop! Alles verblasst, weicht zurück. Alles erlischt wie Kerzenlicht. Es ist vorbei.. Friedliche Stille. Langsam kommen Sie zu sich... Richten Sie sich auf.. Öffnen Sie die Augen.. Sie sind bei mir.. Hier... Wischen Sie sich das Gesicht.

MANN: Gott.. Ich weine..

THERAPEUT: Das ist gut, sehr gut.

MANN: Ich konnte sie nicht retten! Ich konnte sie nicht retten

THERAPEUT: Ich weiß, ich weiß. Damals nicht. Aber vielleicht heute. Hören Sie? (Demonstrationslärm von draußen)

MANN: Was ist das?

THERAPEUT: Moment.. (Man hört, wie er zum Fenster geht und es öffnet.. Laut und nah Sprechchöre der Neonazis: reale Mitschnitte aus ihren Aufzügen.)

MANN: Das ist ja entsetzlich, was die da schrein..

THERAPEUT: Und jetzt gehen Sie! Suchen Sie Anna! Gehen Sie auf ihre Seite!

 

 

 


ENDE