Lesen, um zu hören

 

Das Foto ist aus dem Bildband „Der gelbe Stern“, Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, von Gerhard Schoenberner (1960 Bertelsmann, Reinhard Mohn OHG)
Das Foto ist aus dem Bildband „Der gelbe Stern“, Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, von Gerhard Schoenberner (1960 Bertelsmann, Reinhard Mohn OHG)

Der Gelbe Stern

 Dieter Lenz

 

 

Hörspiel für 5 Stimmen

 

 THERAPEUT

 MANN

 JUNGE

 MÄDCHEN

 VATER

 

 

THERAPEUT: Wie geht's? Sie sehen besser aus als sonst.

MANN: Finden Sie? Seit zwei Wochen bin ich 70.

THERAPEUT: Große Party zum Geburtstag?

MANN: Der reinste Rummel. Ich wollte nichts Großes, aber meine Frau bestand darauf. Etwa 40 Leute.. Erst dachte ich, ich schaff es nicht..

THERAPEUT: Und dann?

MANN: Ein kurzer Anfall. Schon merkwürdig, dass man in meinem Alter noch eine Sozialphobie bekommen kann.

THERAPEUT: Sie sollten U-Bahn fahren. Haben Sie das getan?

MANN: Ja. Und es ging besser, als ich dachte. Nur einmal ein Schweißausbruch, als ein Pulk Hertha-Fans hereinströmte. Die kamen grade vom Spiel..

THERAPEUT: Na, da würde auch ich nervös werden.. Was haben Sie da? Ein Buch?

MANN: Ja, und darüber muss ich mit Ihnen reden. Ich krame in meinen alten Sachen. Und da fand ich das hier.. Ich möchte Sie um etwas bitten.

THERAPEUT: Darf ich mal sehen..

MANN: Aber natürlich.. Sie sollen sogar.

THERAPEUT: Der gelbe Stern..196 Bilddokumente.. Die Judenverfolgung in Europa  (Blättern von Seiten) Gedruckt 1960... Das hat Sie damals interessiert?

MANN: Überhaupt nicht. Und wie auch? Davon wusste ich ja nichts. Von dem Buch erzählte mir ein Schulfreund, im Flüsterton. Das machte mich neugierig.. Er schenkte es mir.

THERAPEUT: Und dann?

MANN: Danach gab es des ersten heftigen Krach mit meinem Vater.. Und alles veränderte sich. Die Welt war eine andere, die Menschen waren andere. Dabei ging es uns gut. Wir hatten gerade eine Neubauwohnung bezogen. Wir hatten unsern ersten Kühlschrank. Immer voll natürlich. Ich hatte einen Plattenspieler. Mein Vater kaufte sich einen Opel .. Wir wollten in den Ferien nach Italien.. Ja, es ging uns gut, sehr gut sogar... Und dann.. Dieses Buch.. Ein Blitzeinschlag. Ich kam nicht mehr los davon.

THERAPEUT: Als Sie es jetzt wieder fanden.. Nach so vielen Jahren.. Fürchteten Sie sich, es zu öffnen?

MANN: Ich zögerte ja, obwohl.. Wir sind ja mittlerweile alle bestens informiert über die Gräuel der Nazis.. Diese Menge an Filmen, TV-Serien, Erinnerungsbüchern und so weiter.. Dann fiel mir das Foto ein. Da war ein Mädchen. Es ist eigentlich eine junge Frau, aber damals war sie in meinen Augen ein Mädchen. Sie müssen wissen, ich hatte noch keine Freundin.. Anna! Sie nannte sich Anna..

THERAPEUT: Sie nannte sich Anna?

MANN: Ja. Schlagen Sie Seite 175 auf.  Sehen Sie sich das Foto an! In der ersten Reihe geht sie.. Sie hat sich nicht verändert! Immer noch schön und auf schreckliche Weise glücklich, ja, sie schien mir wirklich glücklich zu sein.

THERAPEUT: Ich habe nicht den Eindruck. Unter diesen Umständen! „Die Straßen des Ghettos waren voll dichten, beißenden Qualm.“ steht darunter.

MANN: Die Umstände verblassten vor ihr. Denn da war was in ihr. Eine Kraft, die ich nicht kannte. Eine Selbstsicherheit, die ich nicht hatte.. Fast eine spöttische Gelassenheit... Und sie sprach mich an! Stellen Sie sich vor! Sie erkannte mich!

THERAPEUT: Wie war das möglich?

MANN: Sehen Sie... Das will ich wissen. Und wie das Gespräch ausging... Es konnte doch nicht gut ausgehen. Oder? Hören Sie... Ihr Spezialgebiet ist doch Hypnotherapie.

THERAPEUT: Ja, für traumatische Fälle. Aber eine Lektüre ist doch nicht traumatisch.

MANN: Ich bin Jahrgang 45. Es muss Anfang der 60er gewesen sein, als ich das Buch bekam. Ich war gerade16, und Sie waren noch gar nicht geboren, sicher nicht.. Sie sind, schätze ich, gut zwanzig Jahre jünger als ich. Ich bin überzeugt, der Zustand der Welt im Augenblick der Geburt ist prägend für das Leben eines Menschen. Ich behaupte, Sie haben das Licht einer ganz anderen Welt erblickt als ich. Ich wusste nichts von Hitler und den Nazis, gar nichts.. Keiner in meinem Alter wusste was! In der Schule hörten wir nichts, in der Familie nicht. Da war ein großes Verschweigen. Und da bekam ich das Buch...Und da sah ich es! Alles sah ich! Ganz nah vor meinen Augen! Als wäre ich mitten drin. Live, sozusagen.

THERAPEUT: Gut. Versuchen wir es. Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn nichts dabei heraus kommt..Der Verstand sucht am liebsten nach dem Ungewöhnlichen, dabei liegt die Lösung oft im Banalen... Bitte legen Sie sich hin.. Ganz locker.. Schließen Sie die Augen! Sie sind entspannt. Sie fühlen ihre Arme, Ihre Beine, sie werden immer schwerer .. Ihre Gedanken werden leicht, fließend... Auch die Zeit fließt an Ihnen vorbei.. Jahre gleiten vorüber.. Sie werden wieder jung, es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, Sie haben eine neue Wohnung, Ihr Vater hat einen Opel, der Kühlschrank ist gefüllt.. Sie sind 16 Jahre, Ihr Schulfreund hat Ihnen ein Buch geschenkt. Es heißt Der gelbe Stern. Sie sind neugierig.. Sie schlagen es auf... blättern .. Fotos.. Viele Foto.. (schweres Atmen des Mannes). Halt! Sie lassen das Buch sinken. Ihr Atem geht ruhig.. Sie beruhigen sich.. Sie fühlen sich besser. Sie nehmen das Buch wieder auf, blättern .... Und dann bleibt Ihr Blick haften... Sie sehen .. ein Foto.. „Der Marsch zum Umschlagplatz“

 

 

JUNGE: Ja... Das Foto.. Ja, ich sehe ... Ich sehe .. Da hinten ist der Himmel schwarz. In der Straßenmitte eine Menschengruppe. Sie gehen aneinander gedrückt wie eine Marschkolonne (man hört die Marschtritte auf dem Asphalt) Ein behelmter Soldat, mit dem Gewehr im Anschlag, geht neben her.. Er hat ein verkniffenes Gesicht.. Grinst er? Und da.. In der ersten Reihe .. links.. ein Mädchen. Ihren Mantel hat der Wind an einer Seite aufgeschlagen.. Sie geht eingehakt mit einer alten Frau, die blickt stolz geradeaus.. Dicht an die Frau gedrängt ein kleines Kind.. Im Hintergrund halten die Männer die Hände hoch. Alle gehen im Gleichschritt, man sieht es an den Beinen, alle treten mit dem linken Fuß auf.. auch der Soldat.. Wieso schaut das Mädchen zu Boden?

 

MÄDCHEN (während das Geräusch des Marschierens bleibt): Weil ich dir zuhöre. Ich seh dich zwar nicht, aber ich höre dich. Und ich spüre dich. Wie hast du mich gefunden?

JUNGE: Ich?

MÄDCHEN: Mit wem spreche ich denn? Mit dir! Wie hast du mich gefunden?

JUNGE: Du bist in einem Buch. Du bist auf einem Foto. Du gehst mit anderen über eine Straße.. Da ist ein Soldat, der euch bewacht.. Es gibt Fotos und Texte. Das Buch erzählt eure Geschichte...

MÄDCHEN: Steht da auch drin, wo wir hingehen?

JUNGE (zögert): Ich.. Ich weiß nicht..

MÄDCHEN: Schau nach...

JUNGE: Es geht zum Umschlagplatz..

MÄDCHEN: Und dann?

JUNGE: Ich lese noch (schlägt mehrere Seiten um)..

MÄDCHEN: Du schnaufst ja... Ist Lesen so anstrengend?

JUNGE: Nein, bloß... Ich finde nichts... Nein.. Da steht nichts. Nirgendwo...

MÄDCHEN: Bestimmt Arbeitslager. Bei euch werden Arbeitskräfte gebraucht..

JUNGE (erleichtert): Jaja..  In ein Arbeitslager... Ganz genau. Arbeitslager..

MÄDCHEN: Gut. Ich dachte schon, es wäre Schlimmeres..

JUNGE: Nein nein, es ist ein Arbeitslager. Da wird nur gearbeitet. Hab keine Angst.

MÄDCHEN: Hab ich nicht.

JUNGE: Woher weißt du, dass ich in Deutschland bin?

MÄDCHEN: Du sprichst deutsch.

JUNGE: Du auch..

MÄDCHEN: Ich bin aus Deutschland.. Und Jüdin..

JUNGE: Dann hast du bestimmt dunkles Haar und schwarze Augen..

MÄDCHEN: Und du bist Katholik, hast blondes Haar und blaue Augen.

JUNGE: Gar nicht. Ich hab braune Augen und braunes Haar.

MÄDCHEN: Und meine Augen sind dunkelblau... Ich heiße Anna. Und du?

JUNGE: Klaus.

MÄDCHEN: Schön, Klaus.. Du hast da ein Buch, sagst du. Unsere Geschichte steht darin.. Erzähl mir davon..

JUNGE: Das meiste sind Fotos..

MÄDCHEN: Wie schön. Man wird sie unter Glas bringen und auf die Kommode stellen..

JUNGE: Das bestimmt nicht.. Wie du gehst! Wie bei einer Wanderung... So viel Kraft zeigst du... Bei jedem Schritt schlägt dein Knie deinen Rock nach oben.

MÄDCHEN: Wo bist du?

JUNGE: In meinen Zimmer.

MÄDCHEN: Beschreib mir dein Zimmer..

JUNGE: Die Zimmertür ist links von mir.. Wenn ich aufsehe, sehe ich das Fenster.. Es geht in den Garten..

MÄDCHEN: Bitte, mach es auf.

JUNGE (öffnet ein Fenster, man hört Vogelgezwitscher)

MÄDCHEN: Da, das war ein Buchfink... Und jetzt eine Amsel. Was siehst du?

JUNGE: Einen großen Fliederbusch.. fünf Meter von hier..

MÄDCHEN: Blüht er?

JUNGE: Ja, es ist Mai.

MÄDCHEN: Riechst du den Duft?

JUNGE: Ja.

MÄDCHEN: Und der Himmel?

JUNGE: Blau, ein paar Wolken..Da fliegt ein Flugzeug..

MÄDCHEN: Ein Bomber?

JUNGE: Nein, wieso.. Wir haben doch Frieden. ... (Plötzlich Schreie, Befehle: Zurück! Zurück! Schüsse.. Wieder Marschtritte)

JUNGE: Was ist passiert?

MÄDCHEN: Einer wollte weg.. (Marschtritte) Kann ich noch mal die Vögel hören.. (Vogelgezwitscher) Ja, jetzt spür ich es auch.. Es ist Frühling.. Die Welt ist nie so schön wie im Frühling. Die Nächte sind Klavierstücke, jede Nacht ein anderes Lied, jeder Stern ein anderer Ton... Und der Wind, der Wind, das himmlische Kind... (singt)

 

Er wirbelt auf in Frühlingslüften

und hat am Haarschopf seine Lust,

er klebt das Kleid an schlanken Hüften

und eine mädchenhafte Brust.

 

Sie aber steht, des Windes Beute,

umrahmt von weißem Kirschenflor.

Der Wind kommt sich wahrscheinlich heute

wie ein ganz großer Künstler vor.

 

Das hat ein Russe geschrieben.

JUNGE: Wie kannst du so etwas singen.. Man verschleppt euch.. Man schießt auf euch..

MÄDCHEN: Ich weiß. Aber wir leben! Jetzt leben wir..

JUNGE: Und der Soldat da... das ist ein Deutscher. Diese Uniform kenne ich. Und er hat einen schiefen Mund wie mein Vater. Wirklich. Er könnte es sein. Er sieht mich an. Vielleicht glaubt er, ich könnte eingreifen..

MÄDCHEN: Kannst du doch nicht.. Außerdem... Er würde dich sofort erschießen!

JUNGE: Ja, das trau ich ihm zu.. Er will immer, dass ich gehorche.

MÄDCHEN: Vergiss deinen Vater.

JUNGE: Wie soll das gehen?

MÄDCHEN: Mach es wie ich. Ich gehe und gehe. Ich merke mein Gehen nicht mehr. Ich höre dir zu. Das ist schön..

JUNGE: Wie alt bist du?

MÄDCHEN: Achtzehn...

JUNGE: Das ist kein langes Leben.

MÄDCHEN: Wie alt bist du?

JUNGE: Sechzehn.

MÄDCHEN: Na bitte! Ich bin zwei Jahre älter als du! Ich weiß mehr als du.. Aber jetzt hören wir auf damit. Du sprichst, als hättest du Asche im Mund.

JUNGE: Dafür gibt es einen Grund..

MÄDCHEN: Sag ihn mir..

JUNGE: Ich bin sicher.. Der Soldat da ist mein Vater und ich bin sein Sohn!

MÄDCHEN: Na und?

JUNGE: Er tut etwas,was ich verhindern möchte!

MÄDCHEN: Dann sag es ihm!

JUNGE (schreit): Vater! Vater! (Marschtritte) Er hört mich nicht...

MÄDCHEN: Das wusste ich. Eisenhart ist er. Gib nichts drum..

JUNGE: Aber ich muss etwas tun...

MÄDCHEN: Du tust ja schon was, hör nicht auf zu reden. Bitte. Ich weiß ja, einiges kannst du nicht sagen.. Es ist nicht in Worte zu fassen, ich weiß.. Ich dank dir, dass du trotzdem zu mir sprichst..

JUNGE: Und ich will nicht, dass du so zu mir sprichst! Nicht so! Das tut weh! Ich will, dass du schreist, dass du so schreist, dass sich alle die Ohren zuhalten müssen, du sollst mit Wut und Hass deine Anklage herausschleudern, dass alle schreiend davon laufen, du sollst diesen Verbrechern ihren Blutdunst ins Gesicht schreien, bis sie ersticken.. Ich will, dass du dich endlich wehrst, dass du wie rasend um dich schlägst, dass du beißt und kratzt, dass du alle Verzweiflung, alles Leiden, allen Schmerz und deinen Tod auf sie wirfst, bis sie platt sind wie Fußabtreter.. . (Pause)

MÄDCHEN: Meintest du etwa meinen Tod?

JUNGE: Was sagst du? (hastig) Nein. Wie kommst du darauf.. . Ich.. ich dachte ganz allgemein. Alle, die schon immer verfolgt und getötet wurden, die meinte ich..

MÄDCHEN: Und du weißt doch, was passiert, wenn wir uns wehren. Sie schießen sofort! Aber das Leben ist kostbar, jede Sekunde davon ist von eiern Süße, die mich vor Wonne zittern lässt.. (Schuss) Siehst du, da hat sich wieder einer aus der Reihe gewagt..

JUNGE: War das mein Vater?

MÄDCHEN: Ich weiß nicht.. Ist denn das so wichtig?

JUNGE: Ja! Ich werde ihn dafür verantwortlich machen! Ich werde ihn bestrafen!

MÄDCHEN: Es heißt, du sollst Vater und Mutter ehren.

JUNGE: Und es heißt auch: Du sollst nicht töten.

MÄDCHEN: Das ist wahr..

JUNGE: Ich sehe dich an, und ich möchte dich umarmen, ich möchte dich raus holen und ich kann es nicht.. Aber wenn du schreist... Ich könnte mitschreien!

MÄDCHEN: Schreien, ach Gott. Dann wäre das etwas ganz Gewöhnliches, etwas Alltägliches. Da hat man einer Frau die Geldbörse gestohlen und sie schreit. Da ist ein Hund überfahren worden und der Hundebesitzer schreit..

JUNGE: So wein doch wenigstens...

MÄDCHEN: Wir saßen an den Bächen Babylons und weinten.. Ja, wenn wir uns setzen dürften, für eine kleine Rast, dann würden wir weinen...

JUNGE: Der Soldat wird das nicht erlauben.

MÄDCHEN: Und darum werden wir nicht weinen.

JUNGE: Wenn ich wenigstens an deiner Seite sein könnte. Wenn ich mit euch gehen könnte! Dann wäre ich mich nicht so erbärmlich fühlen... Ich werde geradeaus blicken wie du, den Kopf erhoben, ich werde stolz sein ..Ich werde sogar lächeln können. Weil morgen alles vorbei ist.

MÄDCHEN: Vorbei? Was ist vorbei? Entschuldige, das gefällt mir nicht. Was ist dann vorbei?

JUNGE: Alles ist vorbei! Das Leben, die Erde, die Menschen ist, alle, alles wird verschwunden sein...

MÄDCHEN: Auch ich.

JUNGE: Nein, du nicht, man wird dich auf einen anderen Planeten bringen. Alle Unschuldigen bringt man dort hin und lässt sie ein neues Leben beginnen.. Du könntest niemals töten!

MÄDCHEN: Du kennst doch die Geschichte... Kain erschlug seinen Bruder Abel. Wenn sich Brüder schon umbringen... Bevor du das Buch bekamst – hättest du gedacht, dein Vater könnte ein Mörder sein?

JUNGE: Niemals. Er hält sich streng an die Gesetze... Aber wenn das so ist.. Wenn wir alle so sind.. Darf man denn atmen, wenn man weiß, dass es der Atem eines Ungeheuers ist?

MÄDCHEN: Gott sei Dank sind nicht alle so.. Jedenfalls glaub ich es nicht. Ich weiß aber, dieser Soldat da – möge es nicht dein Vater sein! – das Herz dieses Soldaten wird tausendmal an seine Stirne schlagen, so oft wie einer von uns vorüber ins Lager geht. Er gehorcht, er gehorcht ohne zu denken, und das Gehorchen wird sich wie Krebs in seinem Leben ausbreiten und zerstören. Solltest du jetzt nicht lieber schlafen gehen? Ich spüre, dass es bei dir dunkel wird..

JUNGE: Ja, es wird dunkel.. Aber wie soll ich schlafen.. Immer hör ich eure Schritte. Diesen schleifenden Marschtritt ...

MÄDCHEN: Tut mir leid.. Aber wir sind bald da.. Dann hörst du uns nicht mehr.

JUNGE: Ich werde euch trotzdem hören. Ich werde euch ab jetzt immer hören. Ihr seid ja so viele.

MÄDCHEN: Das ist wahr. Wir gehen schon so lange. Das ist unsere Geschichte.

JUNGE: Und immer verfolgt! Könnte ich mich doch hinstellen und alle aufhalten, die hinter euch her sind..

MÄDCHEN: Niemand hält sie auf.

JUNGE: Und wenn ich ihnen erkläre, dass auch ihr nur Menschen seid?

MÄDCHEN: Nur die werden es hören, die es auch hören wollen..

JUNGE: Und den andern muss man es in ihre Schädel schlagen!

MÄDCHEN: Dann wärst auch du nicht anders..

JUNGE: Ich möchte bei euch sein.

MÄDCHEN: Fängst du schon wieder an? Sei tapfer!

JUNGE: Was heißt tapfer! Dann wäre ich vielleicht dieser verdammte Soldat!

MÄDCHEN: Du tust mir leid. Alle, alle tun mir leid. Schau den Himmel! Nicht deinen, meinen! Dort wird er heller! Ich glaube, die Sonne kommt.

JUNGE: Du siehst immer noch zu Boden.

MÄDCHEN: Ich sehe den Himmel trotzdem.. Der Himmel wird uns tragen, unser Leben wird leicht sein wie ein Gedanke und wir werden eine flüchtige Erinnerung sein.. Ganz anders als die Erinnerung dieses Soldaten.. Möge es nicht dein Vater sein!

 

(Tür geht auf)

VATER: Mit wem redest du?

JUNGE: Mit keinem.

VATER: Widersprich nicht. Ich hab dich reden hören. Und warum hast du vorhin "Vater" geschrien?

JUNGE: Du bist nicht gekommen.

VATER: Bin ich ein Hund und muss sofort kommen? .. Was liest du da?

JUNGE: Geht dich nichts an.

VATER: Und ob das mich was angeht. Ich bin dein Vater. Gib das Buch her!

JUNGE: Nein.

VATER: Her damit.. (reißt ihm das Buch aus den Händen) Was? So was liest du? Woher hast du das? Lügenpropaganda von den Amis! Das sind gestellte Fotos!

JUNGE: Das ist Geschichte! Deine Geschichte!

VATER: Alles Schwindel... Das war ganz anders! Du hast ja keine Ahnung.. Unser Volk war bedroht, wir mussten uns verteidigen... Wenn du alt genug bist, erzähl ich dir mal, wie's wirklich war.... Ich kapier dich nicht. Wir schuften und schuften.. Ich sorg mit meiner Hände Arbeit dafür, dass es dir besser geht, viel besser als mir damals. Und was machst du? Liegst auf dem Bett und liest! Ein bisschen Dank kann man von dir schon erwarten..

JUNGE: Wofür, zum Teufel?

VATER: Ich kleb dir gleich eine.. (mild) Junge, du verstehst das alles nicht. . Darüber reden wir noch.. Aber nicht jetzt. Das hier gehört in den Müll.

JUNGE: Nein.. Gib es mir zurück!

VATER: Das verschwindet aus unsrer Wohnung!

JUNGE: Du nimmst mir das Buch weg... und denkst jetzt ist alles gut? Hast du eigentlich kapiert, was ihr da angerichtet habt?

VATER: Noch nie ging es uns so gut wie heute!

JUNGE: Ja, genau. Ihr sitzt im Fett mit Blut an den Händen.

VATER: Was redest du da für einen Blödsinn.. Steht das in dem Buch? Ich sag dir was, von Blut verstehst du schon gar nichts.. Wir haben für Volk und Vaterland gekämpft. Deutschsein, das war was.. Und das ist was und das bleibt was! Genau so wie deutsche Ehre. Aber das verstehst du nicht. Das lass ich nicht mit Dreck bewerfen! 

JUNGE: Deutsches Volk. Deutsche Ware. Deutscher Fußschweiß..

VATER: Sag mal, bist du noch richtig im Kopf? Du redest vielleicht einen Stuss.. Kümmer dich um deine Zukunft, bring es erst mal zu was und dann wollen wir wie Männer miteinander reden..

JUNGE: Wie Männer. Was meinst du?! Welche Art Männer?... Los! Gib mir das Buch zurück! Oder ich brüll sämtliche Nachbarn zusammen!

VATER (wütend): Du....Idiot verdammter. (ruhig) Gut, nimm den Scheiß. Und behalt ihn. Wenn es dich noch verrückter macht, gut, dann kommst du wenigstens in die Klapsmühle...  (Tür schlägt zu)

 

 

MÄDCHEN: War was?

JUNGE: Nichts Besonderes.

MÄDCHEN: Ich dachte schon, du bist weg und kommst nicht wieder.

JUNGE: Der Soldat war da. Hab ihn verjagt.

MÄDCHEN: Du meinst deinen Vater.

JUNGE: Vater? Ein Soldat in Zivil. Ein Soldat auf ewig.

MÄDCHEN: Du wirst ihn nicht los, du bist sein Sohn.

JUNGE: Noch fünf Jahre. Dann bin ich volljährig... Dann hau ich ab. Noch am Tag meines Geburtstags. (stöhnt)

MÄDCHEN: Was ist?

JUNGE: Mir tun die Beine weh...

MÄDCHEN: Vielleicht bist du die ganze Zeit mitmarschiert, das bist du nicht gewohnt...

JUNGE: Sie schrumpfen! Anna, sie schrumpfen....

MÄDCHEN: Halte aus. Der Marsch ist gleich vorbei. Ach sieh mal, wir sind schon da!.

JUNGE: Was heißt da?

MÄDCHEN: Sieh doch! Die Baracken! Wir gehen erst zu einem Gebäude. Es heißt, wir müssen uns erst duschen, bevor wir in die Baracken kommen.. Das haben wir wirklich nötig. Ich hab mich seit fünf Tagen mich nicht mehr gewaschen!

JUNGE: Nein! Trau ihnen nicht! Es ist etwas ganz anderes!

MÄDCHEN (leise): Ich weiß, was es ist, Klaus. Aber siehst du das kleine Kind hier? (laut) Wir werden gewaschen. Natürlich werden wir gewaschen!

JUNGE: Warte! Anna! Warte! Hier.. hier.. Ich les grade was.. Die russische Armee ist schon ganz nah, die Amerikaner haben die deutschen Grenzen überschritten, Anna, der Krieg geht zu Ende! Rennt weg!

MÄDCHEN: Ich sagte doch, es ist eine Reinigung... Wenn sie uns befrein, werden wir ganz rein sein und gut duften, und dann, Klaus, dann werden wir tanzen! Kannst du tanzen?

JUNGE: Nein! Kann ich nicht! Meine Beine sind weg!.

MÄDCHEN: Wir werden uns umarmen!

JUNGE: Ja wie denn? Meine Arme schrumpfen auch! Anna!

MÄDCHEN: Und wir werden uns küssen!

JUNGE: Mein Gesicht... mein Gesicht......

MÄDCHEN: Wir müssen uns jetzt ausziehen... Sieh mal, ich bin nackt. Gefall ich dir?

JUNGE (leise): Wie schön du bist.

MÄDCHEN: Wir gehen jetzt hinein. Wenn wir uns wiedersehen, ist bestimmt schon Frieden.. Bis dann!

JUNGE (schreit): Anna, Anna! Hör doch, sieh doch! Du wirst mich nicht erkennen! (die eiserne Tür schlägt zu) Anna! Ich bin ein Wurm!

 

 

THERAPEUT: Stop! Alles verblasst, weicht zurück. Alles erlischt wie Kerzenlicht. Es ist vorbei.. Friedliche Stille. Langsam kommen Sie zu sich... Richten Sie sich auf.. Öffnen Sie die Augen.. Sie sind bei mir, Ihrem Therapeuten.. Hier... Wischen Sie sich das Gesicht.

MANN: Gott.. Ich weine..

THERAPEUT: Das ist gut, sehr gut. Wie fühlen Sie sich?

MANN: Ich weiß nicht... Erleichtert..

THERAPEUT: Jetzt wissen Sie es. Sie nehmen die Schuld Ihres Vaters auf sich, darüber müssen wir reden.

MANN: Reden.. Ja, das wollte mein Vater auch. Aber am Ende brüllte er bloß herum.. Und jetzt ist er schon lange tot. Und Anna? Anna ist noch viel länger tot... Wie soll ich da was gut machen? Aber, bitte, was soll ich jetzt tun? Ich glaube, wir können die Therapie beenden.. Es ist doch vorbei...

THERAPEUT: Moment! (geht ans Fenster, öffnet es. Ins Zimmer dringen Sprechchöre der Neonazis: reale Mitschnitte aus ihren Demonstrationen.) Hören Sie?

MANN: Das ist ja entsetzlich..

THERAPEUT: Gehen Sie! Gehen Sie zu Anna! Stellen Sie sich auf ihre Seite!

 

 

 


ENDE