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Dieter Lenz

Der Auftrag

Mit beiden Händen hielt ich mir die Ohren zu und fing an, ganz leise zu summen, weil ich wissen wollte, ob ich das in meinem Kopf höre. Ich staunte, es klang wie in einem Keller, und summte immer stärker. Ich hatte völlig vergessen, dass ich nicht allein im Büro war und auch die anderen das Summen hörten. Man fand das komisch und lachte. Am Nachmittag nahm mich mein Chef beiseite und gab mir unbefristeten Urlaub. Außerdem sollte ich zum Arzt gehen. Das war nicht nötig, ich wusste ja, was mit mir los war. Ich will es erklären:
Nach Feierabend saß ich gern in einer Pizzeria an einem Tisch mit Fensterblick. Eine Tages fragte ich mich: Was ist da draußen los? Was tun die Leute? Alle liefen, als hätte jeder einen Auftrag. Es war wichtig und sie mussten einen Zeitplan einhalten, denn selten blieb einer stehen. Manche hatten sogar Spaß dabei. Sie lachten! Dabei machten sie jeden Tag dasselbe, es störte sie nicht, dass sie immer dasselbe Haus betraten und dieselbe Straße gingen. Oft sogar zur gleichen Uhrzeit! Sie arbeiteten bestimmt an einer großen Sache und sie wussten das. Aber ich wusste es nicht. Und das war meine Krankheit: Ich verstand die große Sache nicht, und noch schlimmer: Ich hatte keinen Auftrag. Ich konnte nicht mitarbeiten. Ich war ausgeschlossen.
Hielt man mich für unwürdig? War ich zu dumm? Das glaube ich nicht. Ganz sicher hatte ich einmal einen Auftrag, er ist mir verloren gegangen. Und darum passierten mir solche Sachen im Büro.
Jetzt bin ich hier, in einem kleinen Bauernhaus, mitten im Wald. Es hat zwei Zimmer und eine Küche mit einem Holzherd. Die tapezierten Decken sind so niedrig, ich kann die Hände darauf drücken. Für unbestimmte Zeit habe ich es gemietet. Ich will meinen Auftrag wieder finden, das heißt, ich muss im Gedächtnis suchen, ich brauch mich bloß an ihn zu erinnern, dann wird alles wieder gut, und deswegen bin ich hier.
Im Herbst kam ich hier an, die Bäume bunt, der Himmel hoch und leuchtend, ich fühlte mich sofort wohl. Ich wanderte oft, schlief gut und lang. Es war ein Dahintrödeln, bis der Winter kam, da wurde es hart, ich musste viel Holz hacken, ich liebe Kaminfeuer, und im Wohnzimmer steht ein Kamin. Dort saß ich und betrachtete das Ballett der Flammen. Dann las ich Bücher, keine Fachbücher, Bücher mit Menschen, Romane. Aber dort steht auch nur, was die Leute tun. Warum sie es tun, das steht nicht darin. Es scheint, die Sache ist so bedeutend, dass darüber nicht gesprochen werden darf. Und gedruckt darf es auch nicht sein. Nein, die Bücher halfen mir nicht.
Gestern schneite es. In den Tannen ist noch Grün, sonst ist alles weiß. Ich stapfe zum Schuppen, um Holz zu holen. Ich kann jetzt durch den Wald bis auf die andere Seite sehen, wo am Nachmittag der Himmel silbern ist. Mit einem Arm voll Brennholz stapfe ich zurück, in meinen eigenen Spuren im Schnee, ich gehe ins Haus und jedes Mal ist mir, als stünde einer in der dunklen Kaminecke und flüsterte: „Was machst du hier? Nenn mir deinen Auftrag!“
Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht. In Wirklichkeit ist da auch keiner.
Und dann passierte etwas. Die Schere war weg, die Papierschere. Wieso find ich sie nicht, sie ist doch so groß. Nirgendwo war sie! Ein paar Tage später fand ich sie zufällig, ich brauchte ein Wundpflaster, nichts Schlimmes, nur eine kleine Schürfwunde, sie war im Spiegelschrank auf der Toilette. Lustig, ja. Und ich lachte.
Aber dann. Dass Kugelschreiber nie an ihrem Platz liegen, ist ja bekannt. Aber wieso musste ich das ganze Haus auf den Kopf stellen, bloß um zu sehen, dass die Büchse mit ihnen direkt vor meiner Nase war, nämlich auf dem Brett über der Kaffeemaschine? Da lachte ich nicht mehr.
Und als die Tasse mit dem Kaffee weg war, schimpfte ich schon vor der Sucherei. Nachher war sie im Kühlschrank.
Mir wurde klar, das war alles Absicht. Jemand spielte mir Streiche. Und ich wusste auch schon wer, das lag auf der Hand. Das Haus steht mitten im Wald und weiter hinten ist ein Moor. Ein Trolle-Biotop, sagte mein Nachbar, als wir uns zum ersten Mal trafen. Na bitte. Der Streichemacher musste ein Troll sein. Das sagte ich auch dem Nachbarn. Der meinte, es gibt keine Trolle mehr. Das Fernsehen hat sie vernichtet mit den Strahlen, sagte er.
Bloß, hier im Haus war noch nie ein Fernseher, darum konnte hier einer überleben. Und natürlich war er einsam, seine Streiche waren seine Unterhaltung mit mir. Andererseits, was ist das für eine Unterhaltung? Es ist die reine Unordnung, und das darf nicht sein.
Also stellte ich mich hin und rief: „Troll, zeige dich, in welcher Gestalt auch immer, ich erschrecke nicht, ich muss mit dir reden!”
Der Nachbar, der gerade Schnee schippte, kam herüber, klopfte an die Tür und fragte, ob ich ihn gerufen hätte?
„Nein,” sagte ich. „Das ist ein Missverständnis, Harald. Ich habe mit dem Troll gesprochen..”
Und weil er erschrocken guckte, sagte ich: „Er ist nicht böse, bloß voller dummer Streiche. Und das will ich ihm jetzt einmal ausreden.“ Und weil ich gut drauf war, sagte ich noch: „Oder bist du etwa der Troll?”
Mein Nachbar ist schon über achtzig, aber Witze versteht er. Und darum kicherte er, als er ging.
Ich wartete. Nichts. „Gut,” sagte ich, „meinetwegen! Aber damit du’s weißt: Du bist feige!”
Auf einmal flog etwas vorbei, wie ein Punkt in der Luft. Es kam zurück. Eine Zimmerfliege! Im Februar! Das gibt es doch nicht!
Ich kann Fliegen nicht leiden und ich hatte auch schon die Fliegenklatsche in der Hand, da fiel mir rechtzeitig ein: Das ist ja der Troll!
Ich hängte die Klatsche zurück und sagte dem Troll, dass ich - obwohl sonst kein Freund von Fliegen - ihn akzeptiere, vorausgesetzt erstens, er spielt keine Streiche mehr, und zweitens: er setzt sich nicht auf meine Nase.
Die Fliege landete auf meiner Hand, schob die Flügel zusammen und rieb ihre Hinterbeine aneinander. Das war vom Troll das Zeichen seiner Zustimmung.
Und so führten wir eine Wohngemeinschaft. Er schaute mir beim Kochen zu, war beim Aufräumen dabei, und wenn ich vom Holzhacken zurück kam, wartete er an der Tür auf mich. Las ich ein Buch, so las er es mit, indem er über die Seiten lief. Und wie eitel er war! Alle paar Minuten besah er sich auf dem Wandspiegel, aber nicht stehend, sondern beim Laufen!
Morgens weckte er mich, indem er über meinem Gesicht mit den Flügeln Wind machte. Anschließend krabbelte er über die Bettdecke und mit einem Tempo, dass auch ich vergnügt aus dem Bett sprang.
Doch dann ging es wieder los, er machte Streiche, die überhaupt nicht witzig waren.
Ich las ein Taschenbuch. Beim Umblättern brach ein Blatt nach dem andern ab. Jedes Mal machte es „knacks”. Ich konnte mir ausrechnen, was als nächstes kommt: die losen Blätter rutschen aus dem Buch und ich muss sie aufsammeln und mühevoll einsortieren.
Und das passierte dann auch. Ich hätte sie totschlagen können, die Fliege. Außerdem war sie größer und hässlich geworden, und sie brummte um meinen Kopf!
Als sie sich auch noch frech auf meine Nase setzte, vielleicht nur um mich zu prüfen, rannte ich zur Fliegenklatsche, aber dann hörte ich den Troll um Verzeihung bitten, das war was völlig Neues: Er sprach in meinem Kopf mit mir. Und das rettete ihn. Einen, der es schafft, im Kopf eines anderen zu reden, kann man unmöglich töten!
 „Gut,” sagte ich“, „Ich lass dich leben, aber als Fliege will dich nicht mehr sehen.”
Ich machte die Tür auf. Es war einer der ersten Frühlingstage und daher beging ich keine Grausamkeit.
“Geh!” sagte ich. “Und willst du zurückkommen, dann in einer anderen Gestalt. Gegen eine hübsche kleine Katze habe ich nichts einzuwenden.”
Sie wollte nicht recht, ich  scheuchte ich sie mit dem Handtuch hinaus.

Und er kam zurück. Gleich am nächsten Tag entdeckte ich ihn.. Erst dachte ich, was macht der Suppenlöffel auf dem Sessel? Aber dann war er überall. Er lag auf meinem Kopfkissen und auf dem Kaminsims. Beim Topfdeckel hatte er Pech, da rutschte er runter, und als er in meiner Hosentasche war und mich drückte, hatte ich die Nase voll.
„Nein”, sagte ich. „Du bist doch zu  blöd.. Ich werde dich jetzt wegwerfen..”
Nachdem ich den Löffel in den Wald geworfen hatte, fühlte ich mich besser.

Nun war ich neugierig, wie er jetzt zurückkommt, der Troll. Aber er kam nicht. Jeden Tag sah ich mich genau um, aber alles war wie immer. Wahrscheinlich war er verärgert, weil ich ihn weggeworfen hatte. Er ließ mich zappeln, er dachte wohl, ich würde es nicht aushalten ohne ihn und ihn zurückholen. Nein, das schaffte er nicht. Ich pfiff vor mich hin.
Und dann hielt ein Auto auf dem Weg, ein kleines grünes Auto, und eine Frau stieg aus mit einer Brille und einem Pferdeschwanz,  und da wusste ich: das war er. Der Troll äffte mich nach, ich hab nämlich eine Lesebrille.
„Also die Brille, die könntest du abnehmen.”, sagte ich. „Wir wollen doch nicht übertreiben.“
„O Verzeihung”, antwortete die Frau. Und sie nahm die Brille ab.
Sie hatte blaue Augen und rechts und links ein Grübchen in der Wange..
„Aber jetzt seh ich schlecht..” Sie blinzelte. „Darf ich sie wieder aufsetzen?”
Ich bin ja kein Unmensch. Ich nickte.
Nachdem sie die Brille aufgesetzt hatte, lachte sie mit kleinen weißen Zähnen und sagte:  „Seh ich denn so hässlich aus mit Brille?”
„Nein”, sagte ich, „du bist sogar hübsch. Aber gib dich keiner Hoffnung hin. Ich heirate dich nicht.”
Da lachten wir beide. So gut war ich gelaunt, dass ich hinzu fügte: „Als Fliege hätte ich dich erst recht nicht geheiratet!”
Und wieder musste ich lachen, aber die Frau lachte nicht.
Sie ging von einem Zimmer zum anderen, und als sie sich an den Tisch setzte, sagte sie : „Dein Nachbar hat gesagt, du hattest Besuch..”
Ich hatte Kaffee gemacht und füllte ihr die Tasse.
„Na hör mal”, sagte ich, „das weißt du doch. Du warst es..”
„Achja..” Sie nickte, goss sich Milch zum Kaffee und trank einen Schluck. Dann nahm sie sich einen Keks. Die Fingernägel waren rosa genau wie ihr Mund...

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