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Dieter Lenz

Die letzten Tage des Kommissars

Erzählungen und Zetteltexte

140 S. 180 x 115 mm, Softcover, 11,50 €

ISBN 978-3-922299-43-1

Es geht um ein einen mysteriösen Genetiker, der dem Menschen die Seele abspricht,

um das bedrohte Universum,

um die Macht der Natur,

um den Sinn des Lebens,

um den Menschen in der digitalen Welt,

kurz gesagt: Es geht um uns.

 

Zu bestellen unter shop

 

Dieter Lenz

Blog aus Blankenfelde

Di

19

Sep

2017

Am Anfang war das Wort

 

„Wutbürger“. Zuerst stand es im SPIEGEL. Damit bezeichnete der Journalist die Demonstranten, die gegen den Stuttgarter Bahnhof protestierten. Ich dachte: Das sind höchsten zornige Bürger, aber keine Wutbürger! Mein lieber Mann, du sollst erst mal sehen, wenn die Bürger wirklich wütend sind. Und, bitteschön, wie willst du sie dann bezeichnen?
Aber das Wort wurde sofort von allen Medien aufgegriffen, es wurde zum Begriff für  Demonstranten.
Und auf einmal ist sie da, die Wut da. Was sich da auf der Straße bewegt, von der PEGIDA bis zur AfD, sind echte Wutbürger.  Wie das? Wie konnte das passieren? Ganz einfach: durch die Bezeichnung „Wutbürger“ erhielten sie ihre Legitimation. Sie sind doch bloß Wutbürger, eine anerkannte Spezies des Protests, jetzt können sie ihre Wut herauslassen..
Und die Journalisten haben ein Problem. Wie soll man diesen Leute jetzt nennen? „Wutbürger“ geht ja nicht mehr, das Wort ist längst vergeben, und so muss man ein neues, ebenso griffiges und aufregendes Wort finden wie „Wutbürger“. 
Mein Vorschlag: Wie wär's damit: „Revolutionäre“?
Das Wort wird garantiert sofort Karriere in den Medien machen und siehe, bald ziehen Schlägertruppen durch die Straßen, brennen Häuser und es gibt die ersten Attentate. Denn schließlich sind Revolutionäre eine anerkannte Spezies der Gewalt.
Natürlich, das Wort allein ist nicht die Ursache. Aber einmal ausgesprochen und ständig wiederholt, öffnet es die Tür zur Tat und bald ist da, was das Wort bezeichnet.
Übrigens: Wer um der Aufmerksamkeit, der Sensation willen ein Wort benutzt, das unwahr, aber schön „griffig“ ist, der verbreitet Fake News. Und so verbreiten auch Journalisten, denen es  offensichtlich um  Quote oder Auflage geht, Fake News...
„Am Anfang war das Wort“ heißt es im Neuen Testament. Und ihm folgte die Tat. Eine wunderbare Welt entstand.
Der damals das Wort nannte, hatte es sich gut überleg

So

02

Jul

2017

Ach, Martin Schulz...

Helmut Schmidt, der zackige Bundeskanzler Deutschlands mit dem Spitznamen „Schmidt-Schnauze“, hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Offensichtlich haben das unsere Politiker ernst genommen und überlassen anderen die Visionen: den Computern der Wissenschaftler. Sie zeigen uns, wie unsere Welt in 20, 30 oder 50 Jahren aussieht.
Aber wen interessiert schon diese Zukunft, wenn er um die 60 oder 70 Jahre alt ist?
Mit jedem Jahr, mit dem der Mensch älter wird, verkürzt sich seine Zukunft. Und so denkt ein 60- oder 70jähriger nicht weiter als an die nächsten 5 -10 Jahre.
Ganz anders bei einem 30jährigen. Er wird noch gut 50 Jahre leben.
Ist das der Grund, warum in den Wahlprogrammen der Parteien nichts über die fernere Zukunft zu lesen ist, weil das Durchschnittsalter unserer Politiker sich mehr dem Lebensende zuneigt als dem Lebensbeginn?
(Wobei die Grünen an einem Punkt eine lustige Ausnahme machen, indem sie sich mit dem Auto der Zukunft beschäftigen.Übrigens: Auch mit der Umstellung auf Elektro-Autos fallen tausende Arbeitsplätze weg.)
Und so so kündigt Martin Schulz, Spitzenkandidat der SDP, für die nächsten Jahre eine sozialere Gesellschaft an, indem er vorsichtig an der Steuerschraube dreht.
Dabei sagt ihm jeder Computer, wenn Digitalisierung und Robotisierung so weiter gehen wie bisher, gibt es in 10-20 Jahren nur noch halb so viele Arbeitsplätze – und wie leben dann die vielen Menschen ohne Arbeit und Einkommen? Schon jetzt haben wir einen festen Sockel von 2 Millionen Arbeitslosen. Er wird sich in absehbarer Zeit von Jahr zu Jahr erhöhen.

Darum: Ein gesetzliches Grundeinkommen muss her. Das hätte Martin Schulz in sein Wahlprogramm aufnehmen können. Selbst wenn das Problem in seiner ganzen Schwere nicht schon in der nächsten Legislaturperiode auftritt, ein Anfang wird sich zeigen.
So hätte ein junger Wähler endlich eine Partei, die sich um seine Zukunft kümmert.
Ja, es gibt noch andere Zukunftsprobleme. Der Straßenverkehr, die Gesundheit der Menschen, der Schutz der Natur, der ungerechte Welthandel usw.
Das sind viele Probleme, sehr wahr. Aber man muss sie alle angehen! Denn dass sie uns bald auf den Nägel brennen, das offenbart jeder Computer mit seinen „Visionen“.
Unsere Politiker sind wahrscheinlich dabei, ihre Fingernägel für den nächsten Fernsehauftritt zu pflegen, um uns dann mitzuteilen, dass es uns morgen ein bisschen geht, wenn wir sie wählen..
Ach, Martin Schulz, wärst du doch 30 Jahre alt.

 

Mi

31

Mai

2017

Gerechtigkeit, Bildung und noch etwas

Gerechtigkeit und Bildung werden zur Zeit heftig gefordert, ohne dass beide miteinander verknüpft werden. Aber beide haben miteinander zu tun.

Gibt es Gerechtigkeit ohne Bildung? Ich denke ja,. Ob mit Abitur, Studium oder mit einfachem Schulabschluss, jeder Mensch hat von Anbeginn ein Gefühl für Gerechtigkeit. Die Bildung kann es verfeinern, was aber die Gefahr mit sich bringt, dass Gerechtigkeit relativiert wird.

Jedenfalls: Gerechtigkeit ist ohne Bildung möglich.

Aber ist Bildung ohne Gerechtigkeit möglich?

Nein.

Zwar lassen sich Schulen besser ausstatten, Lehrer besser ausbilden, aber so lange Familien weder Zeit noch Geld für Bildung haben, so lange wachsen deren Kinder nicht nur in finanzieller Armut, sondern auch in Bildungsarmut auf und geben sie aus Mangel von Aufstiegsmöglichkeiten später an ihre Kinder weiter. 

Mit anderen Worten: Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine Bildung für alle. Also stattet alle Familien so mit Finanzen aus, dass sie sich Bildung leisten können.

Dann gibt es noch ein Schlagwort, das die Runde macht: das „untere Drittel in der Gesellschaft“. Allseits beklagt, weil es sich abkapselt und so anfällig sei für den Populismus.

Moment.. Das untere Drittel kapselt sich ab?  Ist es nicht eher so, dass im oberen Drittel eine Sprache gesprochen wird, die keiner im unteren Drittel verstehen kann? Außerdem ist die herrschende Kultur auch nicht gerade offen für "die dort unten". Theaterstücke, Opern, Kunstausstellungen..  Wer vom unteren Drittel kann sie genießen? Ihm fehlt einfach die Bildung dazu.

Und da sind wir wieder am Anfang: bei der Bildung.

Niemand wird erwarten, dass alle eine akademische Bildung erhalten können.

Das wäre auch nicht schlimm, gäbe es nicht die Überheblichkeit des oberen Drittels.

Denn auch das untere Drittel hat eine Kultur, bloß wird auf diese herunter geschaut. Oft mit Spott, meistens mit Naserümpfen.

Volkstheater, Volksmusik, Volkstanz, Volksfeste...  Vorsicht, das ist nichts Völkisches... Genau so wenig wie die Volkshochschule. Und diese Kultur hat das gleiche Existenzrecht wie die Kultur der Hochgebildeten. Man muss sie anerkennen, sie muss Platz im öffentlichen Raum bekommen, sie muss vom Staat und den Medien gleichberechtigt behandelt werden.

Auch das würde den Populisten das Wasser abgraben. Niemand könnte mehr behaupten: Die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden.

Und aus "Die da oben" und "Die da unten" würde ein "Wir" werden.

 

 

 

Fr

10

Mär

2017

Ich zuerst, wir zuerst, unser Volk zuerst!

Es begann alles so schön. „Jeder ist seines Glückes Schmied, denk an dich, nur du bist wichtig, sei immer der Erste, dann bist du was, dann kriegst du was....“ So lauteten die Sprüche, und die waren gut, denn sie trieben die Menschen zu immer größeren Leistungen an, sodass die Wirtschaft erblühte. Man durfte aber keine Pause einlegen, sonst fiel man zurück. Man fand nicht mal mehr Zeit, ganze Sätze zu sagen, man verkürzte sie und so hieß es auch bald: „Ich zuerst!“ Und siehe, der Wohlstand wuchs und wuchs.

Hoppla. Etwas hatte man wohl übersehen. Bei dem Wettkampf gab es ja nicht nur Erste, sondern auch Zweite, Dritte, Vierte usw. und die erhielten nur die Trostpreise, während die Sieger den großen Gewinn einstrichen. Übrigens nannte man die Verlierer „die Abgehängten“, was nicht korrekt war, eigentlich müsste es heißen „die Abgekämpften“, denn sie verloren schon früh ihre Kraft oder hatten gar von Anfang an keine Kraft gehabt.

Doch, siehe, die Abgekämpften bildeten eine Gruppe und sie merkten, wie stark sie dadurch wurden. Und so riefen sie: „Wir zuerst!“ Allerdings, durch eine sonderbare Fehlleitung richteten sie den Ruf nicht gegen die Sieger, sondern gegen eine Gruppe, die leicht zu besiegen war: Fremde, Flüchtlinge, die ins Land gekommen waren.

Der Sieg über die Flüchtlinge brachte ihnen keinen Gewinn, keinen Wohlstand. Rechtzeitig wurde ein neuer Gegner entdeckt: „Schaut mal die anderen Völker.. Die nutzen uns aus!“ Und schon hieß es: „Unser Volk zuerst!“

So begann ein Wettkampf unter den Völkern, er wurde immer heftiger und dann..

Als alles in Trümmern lag, kratzte sich die Menschheit am Kopf. Na, das war vielleicht eine blöde Geschichte. „Leute, wir müssen jetzt zusammenhalten, es geht um den Aufbau..“

Und das taten die Menschen. Sie bauten auf, die Wirtschaft blühte, bald gab es anfeuernde Sprüche: „Jeder ist seines Glückes Schmied! Hol dir, was du kriegen kannst.“ Und so weiter. Die Wirtschaft erblühte, der Wohlstand wuchs. Immer schneller drehten sich die Räder, keine langen Reden mehr, ein paar Worte mussten genügen: „Ich zuerst!“ Und das wirkte. Bis eines Tages...

Naja, kennen wir. Das Auf und Ab der Menschheitsgeschichte, geht ewig so weiter.

Stimmt nicht. Es endete, als der Planet die Menschen von sich warf wie lästige Insekten.

 

 

Mo

06

Feb

2017

Die Armut kommt von der Pauvreté.

Kürzlich bat ihn ein Bankier um einen Wink, sobald etwas auf der Insel Sylt zum Verkauf stehe, erzählte Dahler. „Aber Sie haben doch schon ein schönes Haus auf Sylt?“, meinte der Makler verblüfft. Das stimme, erwiderte der Manager, doch er wisse einfach nicht, was er mit seinem Kapital anstellen solle. „Der Mann war fast ein bisschen verzweifelt“, sagt Dahler.  (DER SPIEGEL 6/2017 S. 66)

Der Ärmste. Er weiß nicht wohin mit seinem Geld.
Was würde ein Rentner denken, der zum Leben neben seiner  Rente noch einen Job  braucht, oder eine alleinstehende Mutter mit zwei oder gar drei Jobs, um über die Runden zu kommen..
Ach was, die können sich ja gar keinen SPIEGEL leisten.
Nehmen wir einfach an, sie finden dieses SPIEGEL-Heft. Ein Glücksfall. Denn sie können jetzt endlich erfahren, wie arm dran die Reichen sind.
Sie könnten natürlich auch wütend werden. Oder neidisch. Oder missgünstig. Sozialneid, nennen das einige Leute. Wahrscheinlich zählen sie zu den Ärmsten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.
Aber unsere beiden SPIEGEL-Leser sind weder wütend noch neidisch. Warum? Sie haben längst resigniert. Und sie fragen sich: Bin ich vielleicht selber schuld an meiner Situation? Es gibt doch kluge Leute, die das behaupten. Ja, wenn das so wäre, dann wäre der Bankier auch selbst schuld an seiner Situation.
Na, seine Schuld möchte ich haben.
Also wer oder was ist schuld an der Ungerechtigkeit? Denn eine Ungerechtigkeit ist es.
So viele Gelehrte haben die Frage zu beantworten versucht. Hat es geholfen? Einer - kein Gelehrter, aber ein Menschenfreund - gab aus Verzweiflung sogar diese Antwort: "Die Armut kommt von der Pauvreté". Das stammt von Nestroy, einem Theaterdichter, er hat es einer seiner Figuren sagen lassen. Das Publikum krümmte sich vor Lachen. (Die da lachten, waren sicher nicht die Armen.)
Unsere beiden SPIEGEL-Leser lachen nicht. Sie denken: Es hat keinen Sinn zu fragen.  Und bleiben stumm. Es war auch nur eine Randbemerkung von mir, pardon. Und tut nichts zur Sache.
Ja, so steht also noch immer die Frage im Raum: Wer ist schuld an arm und reich? Bestimmt muss man lange studiert haben, um sie beantworten zu können.
Da stoßen wir auf etwas Interessantes. Denn unsere Politiker sind durchweg Studierte, Akademiker, die es wissen sollten, und tatsächlich reden sie davon, dass die Reichen reicher werden und die Armen immer mehr. Warum ändert sich nichts? Vielleicht gibt es keine Lösung?
Und Rentner und Jobs-Inhaberin resignieren.
Halt. Da dröhnt etwas. Beide blicken auf. Eine Partei, die sich die Alternative nennt, donnert im Off: Wir ändern das. Sie sagt das so laut und mit so einfachen Worten, dass die beiden aufatmen und  hoffnungsvoll zu glauben beginnen.
Jetzt wird es spannend. Denn eine weitere Partei hat die Ungerechtigkeit entdeckt und verspricht: Wir tun was gegen die Ungerechtigkeit. Und sie sagt das in einem Ton, als wäre die Ungerechtigkeit etwas ganz Neues.
Ist es aber nicht. Die Journalisten reiben es der Partei unter die Nase: Das ist doch eine ausgelutschte Sache, die hattet ihr doch schon immer im Wahlprogramm.
Ja, es ist die SPD. Mit großem Getöse will sie den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufnehmen. Ganz oben soll es in ihrem Wahlprogramm stehen.
Und das ist gut so. Es gibt eben noch immer die Ungerechtigkeit und sie wird größer von Tag zu Tag. Doch sollte die SPD wie schon einmal entdecken, dass man den Vermögenden mehr geben muss, damit sie Arbeitsplätze schaffen, dann wird sich wieder mal nichts ändern. Denn, wie wir sehen, Arbeitsplätze allein helfen nicht gegen die Armut.

Dann wird es endgültig vorbei sein mit der Gerechtigkeitspartei und der nächste Bundeskanzler kommt aus der neuen Partei. Übrigens: ist die wirklich so neu? Pardon, wieder bloß so eine Randbemerkung, tut also nichts zur Sache. 
Die AfD ist eine Partei - man sieht es an den rückwärts gekehrten Gesichtern -, die vom Vergangenen träumt. Es müsste eigentlich ein Alptraum sein. Denn was war in der Vergangenheit? Von Gerechtigkeit keine Spur, im Gegenteil. Im Geschichtsbuch nachzuschlagen.  
Das zu wissen wäre gut für den Rentner und die Mehrfachjobberin.
Aber bis hierher sind sie beim Lesen meines Textes gar nicht gekommen. Sie sind vor Müdigkeit eingeschlafen.
Dumme Frage – haben die eigentlich das Internet?

 

 

Do

24

Nov

2016

Das ungeschriebene Gesetz und der Spalt in der Gesellschaft

 

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, aber es herrscht in allen Bereichen unserer Gesellschaft:

Wer viel hat, bekommt mehr. Wer wenig hat, bekommt wenig.

Es ist Zeit, das Gesetz aufzuschreiben, damit es gesehen, diskutiert, verändert oder abgeschafft werden kann:

§ 1 Wer ein Vermögen erbt, bekommt eine bessere Lebensausstattung: in der Gesundheit, in der Bildung und im Beruf.

§ 2 Wer einen besseren Beruf hat, verdient mehr.

§ 3 Wer mehr verdient, bekommt bei jeder prozentualen Tariferhöhungen mehr Geld..

§ 4 Wer mehr Geld hat, kann mehr für die Rente einzahlen und bekommt später eine höhere Rente

§ 5 Wer eine höhere Rente hat, bekommt bei jeder prozentualen Rentenerhöhung mehr Geld.

§ 6 Wer mehr Geld hat, kann sich die besseren Anwälte leisten und setzt seine Interessen in allen Lebensbereichen durch.

Es geht ein Spalt durch unsere Gesellschaft, er wird größer und größer.

 

 

 

Sa

12

Nov

2016

Und wieder reden sie nur...

Als hätte die Trump-Wahl bei uns stattgefunden und sie seien die Verlierer (sind sie im Grunde auch), sagen unsere aufgeschreckten Politiker landauf, landab: Auch bei uns machen die Populisten alles madig, dagegen müssen wir angehen, wir müssen mehr mit den Menschen reden, ihnen klar machen, wie gut es uns geht. Denn Deutschland ging es noch nie so gut wie heute....

So reden sie nach jeder verlorenen Wahl. Als müssten sie bloß besser erklären, was die Leute leider noch nicht begriffen haben.

Was will man eigentlich erklären? Wie erfolgreich Schröders Agenda 20 ist, weil jetzt mehr Leute Arbeit finden, von der sie nicht leben können? Und wie geschickt die Konzerne aus fest angestellten Arbeitern Leiharbeiter machen, die dann weniger verdienen als vorher? Wie die Reichen immer reicher werden und die Geringverdiener mit ihrem Einkommen kaum noch die Miete bezahlen können?

Dass Schulen verfallen, während auf Staatskosten Prachtbauten (Oper in Hamburg), Großbahnhöfe (Stuttgart) und Großflughäfen (Berlin) entstehen?

Dass Arbeitern und Angestellten am Berufsende die Rente zum bisherigen Leben nicht mehr reicht, während Manager und Staatsbeamte (einschließlich Minister und Abgeordnete) mit großen Bezügen in ein neues Leben entlassen werden?

Ja, das müssen die Politiker bloß besser erklären und alles wird wieder gut.

Meine Herren und Damen Politiker, seid ihr wirklich so dumm?

Handeln müsst ihr! Die Lage der Leute verbessern! Und den Reichen (den Superreichen) nicht noch mehr geben, als sie schon haben.

Sie könnten sogar etwas abgeben... nein? Davon verstehe ich nichts? Höhere Steuern (z.B. die Vermögenssteuer) vernichten Arbeitsplätze?

Ja, was für Arbeitsplätze denn?

Als stünde ein Fuchs in Sichtweite der Hühner, so aufgescheucht und so lärmend geben sich jetzt unsere Politiker. Es scheint, sie haben Angst. Womöglich um ihre Arbeitsplätze. Gut so, denn die, für die sie Politik machen sollen, haben sie schon lange.

Ja, so fühlt es sich dann an: der Boden wankt unter den Füßen.

Also, ihr Sachwalter des Volkes, kümmert euch nicht um die Populisten, sondern sorgt für ein besseres Leben der euch anvertrauten Menschen!

 

Mi

07

Sep

2016

Willy, steh auf!

Gerade lese ich in der Berliner Zeitung: Norwegens König Harald hält selten emotionale Reden. Noch seltener fliegen ihm danach die Herzen von Millionen Menschen zu. Doch genau das ist passiert, nachdem der Monarch bei einem Schlossfest in Oslo zu 1500 aus allen Teilen des Landes angereisten Gästen gesprochen hatte.

 

„Norwegen seid ihr. Norwegen sind wir. (...) Norwegen ist eins”, sagt der König da, und meint auch Homosexuelle und Menschen, die in dem skandinavischen Land Zuflucht gesucht haben. „Norweger sind Mädchen, die Mädchen mögen, Jungen, die Jungen mögen, und Mädchen und Jungen, die einander mögen”, erklärt Harald. „Norweger glauben an Gott, Allah, Alles und Nichts. … Norweger sind auch aus Afghanistan, Pakistan und Polen, Schweden, Somalia und Syrien eingewandert. Meine Großeltern sind vor 110 Jahren aus Dänemark und England eingewandert. Es ist nicht immer so leicht zu sagen, woher wir kommen, welche Nationalität wir haben. Das, was wir unser Zuhause nennen, ist dort, wo unser Herz ist - und das kann man nicht immer innerhalb von Landesgrenzen einordnen."

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24699494 ©2016)

 

Was für eine Rede! Und wo hören wir solche bei uns? Mitreißende Reden, leidenschaftliche, begeisternde Reden. Gerade jetzt brauchen wir Reden, die uns aufmuntern, die uns den Weg in die Zukunft zeigen – und nicht weiter ins Tal der Tränen führen.

Einmal gab es in Deutschland solche Reden. Von Willy Brandt. Hier ein Auszug aus einer Rede auf einem Parteitag 1972, die von bleibender Aktualität ist:

 

„Für J.F. Kennedy und seinen Bruder Robert gab es ein Schlüsselwort, in dem sich ihre politische Leidenschaft sammelte (...). Dieses Wort heißt ‚Compassion‘: Die Übersetzung ist nicht einfach ‚Mitleid‘, sondern die richtige Übersetzung ist die Bereitschaft mitzuleiden, die Fähigkeit, barmherzig zu sein, ein Herz für den anderen zu haben. Liebe Freunde, ich sage es Ihnen und ich sage es den Bürgerinnen und Bürgern unseres Volkes, habt doch den Mut zu dieser Art Mitleid! Habt den Mut zur Barmherzigkeit! Habt den Mut zum Nächsten! Besinnt euch auf diese so oft verschütteten Werte! Findet zu euch selbst!“

 

Und jetzt zu unseren Politikern. Was für Reden hält die Bundeskanzlerin? Zaghaft spricht sie immer wieder von „Wir schaffen das.“ Durch Wiederholung wird ihre Rede nicht begeisternder.

Und Horst Seehofer? In seinen Reden ist er mehr Rechner als Redner, er reiht Negativzahl an Negativzahl, und für ein schwieriges menschliches Problems schlägt er eine mathematische Lösung vor: eine zahlenmäßige Obergrenze. Er gleicht einem Buchhalter, der unentwegt davon erzählt, wie pleite die Firma ist. Nein, ein Mutmacher ist er nicht, ganz im Gegenteil. So wird er die Belegschaft nicht motivieren, die Firma durch größere Anstrengungen zu retten.

Und die Redner der AfD? Ein Klagen, Jammern und Zetern. Kein Wunder, wenn die Hörer noch verängstigter nach Hause gehen – oder aufs äußerste erregt. Denn als Ursache für das beklagte Elend werden die Schwächsten genannt, die vor Not und Krieg Geflohenen, die sich nicht wehren können... Heimlich reiben sich die Redner die Hände. Man wird schon sehen, was noch passiert. Und dann, so glauben sie, beginnt ihre große Zeit.

Hatten wir nicht schon mal die große Zeit?

Hierzu ein Zitat von Willy Brandt:

"Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben."

Ach, Willy! Steh auf!

 

 

So

24

Jul

2016

Mensch, renaturiere dich!

Ja, das klingt lustig. Aber noch viel lustiger ist die Wirklichkeit.

Da laufen sie herum, meist jüngere Menschen, mit dem Smartphone vor der Nase auf der Suche nach Gespenstern.

Und es heißt: Gut so! So kommen sie wieder in die Realität. Der elektronisch vernetzte Mensch findet wieder zurück in die Wirklichkeit.

Wirklich?

Denn sie sind ja nicht mit den Augen, der Nase, dem Ohr, der Berührung mit Händen und Füßen in der Wirklichkeit, sondern mit einem Smartphone unter der Nase. (Wann gibt es den Smartphone-Nasenhalter?)

Und da starren sie auf etwas, was es gar nicht gibt.

Ja, das ist lustig.

Nein, das ist gespenstisch. Und während die Menschen den Gespenstern folgen, wird für sie die reale Wirklichkeit immer virtueller. Sachte entgleitet ihnen ihr Körper, sie werden Teil einer virtuellen Welt.

Bis sie gegen eine Laterne laufen. Macht nichts. Sie rappeln sich auf und ziehen weiter, immer den Gespenstern nach.

Was geht da eigentlich vor? Entsteht gerade eine neue Menschenart? Der Homo elektronicus?

Wir treiben uns im Internet herum oder in elektronischen Spielen, wir werden dort geradezu heimisch.

Dabei haben wir einen Körper, dessen Sensoren weit effektiver sind als die der Technik: die Sinne. Ein Leben ohne sie wäre kein Leben mehr.

Wir können riechen, wir können fühlen, wir können schmecken, können hören, können den Blick schweifen lassen, so leben wir – und die ganze Welt gehört uns.

„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, vom goldnen Überfluss der Welt...“ (Aus dem Abendlied von Gottfried Keller)

Wollen wir die Welt für eine Scheinwelt hingeben, unsere Körper gegen Bits und Bytes eintauschen?

Vielleicht wäre das ein Fortschritt. Aber wohin und wozu? 

Für den Menschen brauchte es fast 14 Milliarden Jahre Entwicklung.

So ein Produkt gibt man doch nicht einfach so auf.

Mensch, renaturiere dich!

 

Siehe hierzu auch:

mehr lesen

So

26

Jun

2016

Die 25jährigen Großväter

 

Sie könne auch 20 Jahre alt sein oder auch 30, jedenfalls sind sie jung.

Da kommen sie mir entgegen und ich staune, was ich aus ihren Mündern höre: „Deutschland erwache! Deutsche steht auf! Deutschland den Deutschen! Deutsch, deutsch, deutsch...“

Und ich, der ich selbst Großvater geworden hin, sehe das Gesicht eines jungen Mannes und höre wie mein Großvater aus ihm spricht.

Was ist passiert? Welcher Hexerei hat meinen Großvater in diesen jungen Mann gezaubert? Oder ist da eine Mutation passiert und das Gehirn des Jungen hat sich sozusagen in das Gehirn des Alten verwandelt? Oder ist das Gespenst eines Toten in ihm erwacht?

Und dann möchte ich den Mann fragen: „Wie fühlst du dich, Opa? Bist du wieder da und freust dich des neuen Lebens? Oder bist du verflucht, als Untoter zurückzukehren? Bist du etwa auf ewig verdammt, alle 80 Jahre wieder lebendig zu werden? Mit deinem Deutschgeschrei, dem Blut- und Bodenrausch und seinem entsetzlichen Ende?“

Und dann, wie ich mich umsehe, denke ich: „Das sieht nicht gut aus.. Das werden ja immer mehr.. Die marschieren geradewegs in den Untergang!“

Und plötzlich denke ich: „Das kann gar nicht wahr sein, ich bin der Träumer, ich bin in einem Alptraum... Alter Knacker, erwache!“

Denn, nebenbei, ich bin Großvater, ich meine: ein wirklicher Großvater mit zwei Enkeln.

Also träume ich nicht. Nein, es ist tatsächlich so, was ich sehe: In den jungen Männern sind ihre Großväter und Urgroßväter erwacht.

Wie bringen wir die bedauernswerten Jungen dazu, die Augen zu öffnen, damit sie sehen, was für Geister in ihnen hausen?

Ich spreche einen an – und ich merke, er hört gar nicht zu. Er benimmt sich wie fremdgesteuert. Er brüllt weiter.

Er ist ein Schlafwandler, denke ich. Bestimmt sieht er sich in einem schönen Traum und weiß nicht, wie schrecklich er endet.

Und so marschieren sie also weiter, unsere Großväter und Urgroßväter. In Gestalt von jungen Männern.

Da hilft nur eins: Man muss sie festhalten und aufwecken, bevor sie dahin stürzen, wo ihre Großväter und Urgroßväter sie haben wollen.

Im Grab.

 

 

 

Do

09

Jun

2016

Das Sturmgewehr und die Zukunft

„Was meinen Sie? Können Sie in die Zukunft sehen?

„Nee. Das kann keiner.“

„Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Garten, hübsche Blumen, vielleicht auch Tomatenpflanzen. Drei Tage kein Regen. Sie gießen. Warum?“

„Naja, das Grünzeug vertrocknen sonst.“

„Das sehen Sie voraus?“

„Das weiß ich.“

„Und wenn Sie heute kein Brot zu Hause haben, was wird morgen früh sein?“

„Ich hab kein Brot zu essen.“

„Richtig. Übrigens, was bauen Sie da zusammen?“

„G 36 K, ein Sturmgewehr. 780 Schuss in der Minute.“

„Sie sind stolz darauf.“

„Na klar. Es gibt kein besseres.“

„Es wird Menschen erschießen.“

„Hm.“

„Weiß der, der damit erschossen wird, das heute schon?“

„Na hörn Sie mal. Das weiß keiner. Keiner kann in die Zukunft sehn!“

„So, wie Sie hier an einem Sturmgewehr arbeiten, gibt es sicher auch woanders einen, der ein ähnliches Sturmgewehr zusammenbaut.“

„Bestimmt. Sogar mehrere. Sturmgewehre werden in Massen gebaut. Aber das hier ist das bessere.“

„Kann es sein, dass eines Tages jemand mit Ihrem Gewehr hier auf den schießt, der gerade ein anderes Sturmgewehr baut?“

„Möglich. Im Krieg ist alles möglich.“

„Auch im Frieden. Von Terroristen zum Beispiel, Amokläufern... Und so kann es doch auch möglich sein, dass jemand mit der Waffe Sie erschießt, die der andere fabriziert hat“.

„Möglich, ja.. Sagen Sie mal, was soll das?“

„Ich will nur sagen, Sie können sehr wohl in die Zukunft sehen. Zum Beispiel sehen Sie die Zukunft Ihres Gewehres, ja, Sie sehen sogar die Zukunft aller Gewehre. Und es kann gut sein, dass Sie damit auch Ihre Zukunft sehen.“

 

 

 

Fr

20

Mai

2016

Deutsche, duzt euch!

 

Es reicht. Hej, schwedischer Botschafter in Deutschland! Wann endlich legst du Protest ein gegen die Verstümmlung der schwedischen Identität?*)

   Ich sah auf ARTE „Jordskott - Die Rache des Waldes“. Ich sehe mir alle schwedischen Filme an. Die meisten sind gut, oft sogar sehr gut. Charaktere, Landschaft, Plot... Alles stimmt.

Und dann erschrecke ich: Gott, wo kommen die vielen Deutschen her?

Ich höre die Schweden reden und sie siezen sich! Für einen, der in Schweden gelebt hat, ist es wie ein Stich ins Herz.

Wieso zwingt das deutsche Fernsehen die Schweden zum Siezen? Ist es etwa unmoralisch, wenn sie sich duzen? Gefährdet es womöglich Jugend? (Übrigens: Die jungen Generation duzt sich längst.)

Kürzlich sagte mir jemand, ganz offensichtlich kein Jugendlicher: „Geduzt werden? Ich? Einfach so? Und dann noch von einem Fremden? Ich lass mich doch nicht beleidigen!“

„Dann weiß ich ein Land für Sie“, sagte ich, „wo Ihnen das nicht passieren kann. Versuchen Sie mal einen Schweden zu beleidigen, indem Sie 'du' zu ihm sagen. Er wird Sie freundlich ansehen und darauf warten, dass Sie ihm noch etwas sagen wollen.“

Ja, wie könnte er beleidigt sein, wo Duzen zum guten Ton gehört.

Und da sind wir an einem wichtigen Punkt.

Im Schweden, in dem Du-Land, gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die bei uns übliche Zweiteilung: den einen siezt man, den anderen duzt man (wobei sich der Gesiezte das Recht heraus nimmt, auf den Geduzten herunter zu blicken), kennen die Schweden nicht.

Für sie ist das Duzen ein Stück gelebte Demokratie.

Sind wir etwa keine Demokraten? Aber natürlich. Und darum lasst uns einen alten Hut abschaffen. Schluss mit dem Gesieze aus Kaiserzeiten.

Duzen wir uns! Nicht einfach, ich weiß. Fangen wir klein an.

Liebes Fernsehen, lass die Schweden sich duzen in ihren Filmen, sie tun es aus vollem Herzen und ganz ohne böse Absicht. Es ist weder Jugend gefährdend, noch beschädigt es die deutsche Lebensart – im Gegenteil: wir gewinnen ein weiteres Stück Demokratie und verbessern das menschliche Miteinander.

Ach, könnte ich doch der Bundeskanzlerin schreiben: „Liebe Angela, lass dich nicht unterkriegen. Kämpfe weiter für ein gutes, für ein helles Deutschland! Ich bin nämlich an deiner Seite.“

Und sie antwortete: „Schön, dass du mich unterstützt. Dank dafür!“

 

Siehe auch mein Blog v. 4.4.2015: Das schwedische Du

 

*) Auf Facebook gab es eine heftige Reaktion zu dieser Aufforderung. Ich musste erkennen, dass er ernst genommen wurde. Natürlich hat ein Botschafter anderes zu tun, als sich um die Synchronisation der Filme seines Landes zu kümmern. Mein Appell an den Botschafter ist witzig gemeint.

 

 

Mi

04

Mai

2016

An ihren Daten sollt ihr sie erkennen...

Nein, kein Druckfehler. Ja, früher schrieb man Daten noch mit T.

 Das war noch in der Zeit des handfesten Lebens, da konnte man den Menschen an seinen Taten erkennen. Das ist vorbei, dafür haben wir jetzt ein Smartphone in der Hand und hauchen unser Leben hinein. Irgendwo kommt es als Foto oder Text an oder es geistert durch das Internet.

 Geschickte Fänger im Netz fangen das alles ein, fügen es zusammen und siehe: Sie haben uns. Gut haben sie uns profiliert! Jetzt wissen sie mit uns was anzufangen.

 Als Konsument zum Beispiel. Hauptsache als Konsument. Denn sie haben etwas Großartiges erfunden: Konsum ist Leben. Und wenn unser Profil dazu passt, werden wir geliebt und leidenschaftlich umworben.

 Wehe aber, unsere Daten ergeben kein nützliches Profil. Kein Konsum? Weg mit dem Zeug. Und so eliminiert man uns.

 In Wirklichkeit existieren wir noch. Lassen Sie sich bloß nichts anderes einreden. Leben Sie einfach!

 Ja, aber wie geht das noch mal?

 Erinnern wir uns. Gelebt wurde mit und durch Taten.

 Fangen wir also mit einer an.  Wie wär's damit. Das Smartphone ausschalten und sich draußen irgendwo auf eine Bank setzen, Laute hören, Gerüche schnuppern, Wind auf der Haut spüren, und sehen, richtig sehen.. So viel kann man sehen! Beispielsweise die Gesichter der vorüber gehenden Menschen. Wie lustig sie ihre Nasen über ein Smartphone halten, als witterten sie eine Spur und folgten ihr.

Peng, der ist an der Laterne gelandet. Macht nichts, er schnürt weiter. Online.

 Überraschung. Plötzlich setzt sich einer neben Sie auf die Bank. Sprechen Sie ihn an, bevor es zu spät ist: „Hallo.. Wie geht’s?“

 Und wenn er antwortet, gibt es ein Gespräch. Ein sinnliches. Denn Sie hören nicht nur seine Worte, sie hören seine Stimme, darin ist eine besondere Schwingung, Sie sehen seine Mimik, die sagt etwas mehr als seine Worte, und da kommt Ihnen etwas ganz nah, es berührt Sie – es ist sein Leben.

 Der Mann lebt ja!

 Erhalten Sie jedoch keine Antwort, dann... Ja, jetzt sehen Sie es. Er ist in sein Smartphone versunken.

 Sie möchten aber einen Kontakt mit ihm? Na schön. Holen Sie Ihr Smartphone raus, machen sie ein Foto von ihm, googeln sie das Foto.. Ha, da ist er, auf Facebook! Sehen Sie, sein Profil! Los, schicken Sie ihm ein paar Zeilen..

 Das genügt Ihnen nicht?

 Gut so. Dann stoßen Sie ihn an.

 Aber Vorsicht. Ein Abbruch des Datenverkehrs zwischen Gehirn und Smartphone könnte dramatische Folgen haben. Es wäre ungefähr so, als würden Sie jemanden aus einem tiefen Traum reißen. Das könnte dramatische Folgen haben. Etwa so: Er dreht durch und haut zu.

 Also lassen Sie das.

 Schauen Sie sich einfach die Welt an. Die World-Wide-Welt. Ist sie nicht verrückt?

 

 

Mi

30

Mär

2016

Die Bauerntruhe und die Fremdenfeindlichkeit

Mein småländischer Freund Gunnar hatte eine alte Bauerntruhe, sie war mit Blumenornamenten bemalt und vorne auf der Breitseite stand in schwungvoller Schrift der Spruch: "Vor dem Herrn sind wir alle Småländer."

Obwohl ich der erste Deutsche in der Gegend war, fühlte ich mich in dem schwedischen Dorf sofort aufgenommen. Die Bauern betrachteten mich nicht anders als ihre Söhne, nur dass sie vielleicht ein wenig mit den Augen zwinkerten, wenn ich versuchte, Schwedisch mit ihnen zu sprechen. Am Ende war ich stolz auf mein Schwedisch, doch als ich auf der Heimreise im Zug nach Malmö saß und mich mit einem Stockholmer unterhielt, sagte er: Ich würde nicht Schwedisch sprechen, sondern Småländisch. Erst schwieg ich gekränkt, dann sagte ich: „Vor dem Herrn sind wir alle Småländer“. Und dann lachten wir.

Es war ein entspanntes, singendes Schweden damals – schon allein von der Sprache her, die einen dunklen, fast zärtlichen Singsang hat. Aber vor allem sangen die Wälder, es war ein an- und abschwellender Gesang vom Chor der nordischen Bäume.

Seitdem hat mich Schweden nicht mehr losgelassen.

Heute freilich, fast 50 Jahre später, schmerzt es mich, zugeben zu müssen, dass sich Schweden verändert hat. Nicht wie man sich verändert, indem man wächst und von einer Reifenstufe zur nächsten kommt. Es ist wie eine plötzliche Krankheit, die das Land erfasst hat. Es macht sich Fremdenfeindlichkeit bemerkbar, erst war sie lokal, aber mittlerweile zeigt sie sich ganz offen durch die Partei der „Schwedendemokraten“.

Ich weiß, auch bei uns gibt es die Fremdenfeindlichkeit, sogar noch deutlicher, und in Dänemark gibt es sie, in Polen, Ungarn, Frankreich, England... Es ist also eine europäische Krankheit.

Und dann erinnere ich mich an die Truhe mit dem Spruch: „Vor dem Herrn sind wir alle Småländer.“

Mein Freund Gunnar ist gestorben, die Truhe verschwunden. Der Spruch aber gilt heute noch. Und daran halte ich mich. Vielleicht müssten wir ihn etwas abwandeln, damit wir ihn für unsere Zeit verwenden können. Denn das Wort „Herr“ bezeichnet Gott und es reicht nicht, wenn wir vor Gott alle gleich sind.

Malen wir auf ein Möbelstück im Wohnzimmer folgenden Spruch: „Vor einem Menschen sind wir alle Menschen.“ Er wird seine magische Wirkung entfalten.

Die Bauerntruhe stand in der Diele und wann immer ich an ihr vorüberging, las ich, was dort geschrieben stand. Und es stimmte mich froh und glücklich.

Übrigens: Noch immer wird sich in Schweden geduzt. Auch die singenden Sprechweise hat sich nicht geändert. Und, versteht sich, auch das nicht: Und ewig singen die Wälder.

Do

24

Mär

2016

Die Sprache - Brücke oder Mauer

 

Nein, ich will nicht viele Worte machen. Denn damit beginnt es schon. Allein die Masse von Wörtern kann schon eine Mauer bauen.

Am Anfang war das Wort, heißt es in der Bibel. Ich weiß nicht, was Bibelfachleute dazu sagen. Für mich ist es der erste Stein, auf dem wir unsere Brücken zueinander bauen sollen.

Jedenfalls ist die Sprache dazu da, um uns untereinander verständlich zu machen.

Werden aber zu viele Worte gebraucht, wie es meistens unsere Politiker tun, wird es nebelig. Nachher weiß keiner, was eigentlich gesagt worden war. Diese Sprechweise beherrschen Politiker meisterhaft. Und dann wundern sie sich, wenn die Leute nicht mehr hinhören.

Es geht auch um die Wortwahl. Als ich zum ersten Mal das Wort „Agenda 2010“ las, kapierte ich rein gar nichts. Das Wort wurde aber so oft benutzt, dass ich nachschlagen musste. „Agenda“ ist die Bezeichnung für eine Liste der Aufgaben, die man abarbeiten muss. Also eine Arbeitsliste. So könnte man es sagen und eine„Arbeitsliste 2010“ hätte ich sofort verstanden.

Solche Worte, heißt es, versteht man noch besser im Kontext. Aha. Schon wieder ein Fremdwort. Was sagt das Lexikon? „Zusammenhang“. Hätte man sagen können. Ja, denn manches Wort versteht man besser im Zusammenhang mit anderen Begriffen oder Sachverhalten.

Oft wird auch von „Usern“ gesprochen. Auf deutsch „Nutzer“. Nun ja, vielleicht gibt es in solchen Fällen keine deutschen Nutzer, dann muss man es wohl so sagen.

Und es gibt noch viele andere Worte von Fachleuten und Gebildeten, die von vielen Menschen nicht verstanden werden, und doch immer wieder benutzt werden.

Zum Beispiel das Wort „Eliten“. Schon wieder was, bei dem ich nachschlagen musste. Das Lexikon gibt eine lange Erklärung ab. Ich verkürze: Eliten sind die führenden Leute in Bildung, Wirtschaft, Politik.

Übrigens, es sind die Eliten selbst, die dieses Wort benutzen.

Ja, so wird die Sprache zu einer Mauer, gewollt oder nicht gewollt. Und dann wundern sich die Eliten (Erklärung siehe oben), dass der normale Bürger misstrauisch wird. Er denkt: "Was reden die da für ein Zeug? Das versteht doch keiner.. Wollen die was verheimlichen? Womöglich verschaukeln die uns?"

Und aus Misstrauen wird Empörung und schließlich Aufruhr.

Es gibt da einen in der USA, der macht es ganz anders. Es sind nicht nur die plumpen und üblen Themen, die so gut bei den Zuhörern ankommen. Er hält sich an Luthers Wort: Man muss dem Volk aufs Maul schauen. Aber ich trau ihm nicht. Überhaupt nicht. Er macht das zu gut und zählt doch zu den Eliten, wirtschaftlich gesehen. Sehr merkwürdig.

Nein, einen deutschen Donald Trump will ich auf keinen Fasll. Aber ein Luther wäre nicht schlecht.

Und jetzt mein Appell, Verzeihung, Aufruf:

Liebe Eliten, artikuliert euch kommunikativ!

Wie bitte? Ich sollte sagen „Redet verständlich?“

Richtig. Aber ich fürchte, das verstehen die Eliten nicht.

 

Di

18

Aug

2015

Woher kommt die Gewalt?

 

Einmal war Gewalt ein Tabu. In den Medien durfte sie nur angedeutet werden.

Doch dann passierte etwas. Gewalt wurde zu einem Mittel der Kunst. Sie sollte schockieren und sie tat es. Man war schockiert, aber mit heimlichem Behagen, und der Publikumserfolg war groß.

Nach und nach nahmen in den Medien die Gewaltszenen einen immer größeren Raum ein. Natürlich war das Publikum noch immer gegen die Gewalt, doch wenn sie „ästhetisch“ daher kam, war sie akzeptabel. In der Besprechung eines ungewöhnlich brutalen Films war zu lesen, er sei sehenswert – besonders weil die Gewaltszenen ästhetisch perfekt gelungen seien.

Und so wurde die Gewalt zu einem Mittel der Unterhaltung, das heißt: zu einem profitablen Geschäft.

Und dann kamen die Computerspiele. Pfeif auf die Ästhetik. Der Run auf das blutigste Kriegsspiel begann.

Von der Vorstellung zur Verwirklichung, vom Gedanken zur Tat ist es nur ein kurzer Weg.

Was der Mensch beim Zusehen als wonnig empfindet, will er bald selbst mal ausprobieren. Und dann, wie es so treffend heißt, hat er Blut geschmeckt: Die Tat brachte Lustgewinn, sogar Befriedigung.

Befriedigung, was für ein Wort im Zusammenhang mit der Gewalt. Aber der Mensch ist so gebaut.

Seit Urzeiten schläft ein Wilder in ihm, und es braucht nur einen Anstoß, um ihn zu wecken.

Damit die Gewalt dem Homo Sapiens kein schlechtes Gewissen macht – denn ein Wilder will er ja keinesfalls mehr sein – rechtfertigt er sie mit einer Ideologie. Oder einer Religion. Oder einfach mit dem Andersartigen, der Hautfarbe, der Kultur.

Warum gab es Tabus, als die Menschen noch Wilde waren?

Sie waren klüger als wir.

Sie wussten, dass man den Menschen vor sich selbst schützen muss.

 

 

Siehe auch "Das Boot im Garten"

 

 

So

24

Mai

2015

Es gilt das gedachte Wort.

 

Zu Kaisers Zeiten sagte man nicht „Unterhose“, man sagte schamhaft „die Unaussprechliche“.

Leben wir wieder in schamhaften Zeiten? Ganz sicher nicht.

Aber ähnliche Wortmasken gibt es auch heute. Hier ein paar Beispiele:

Sagt einer „Atommüllentsorgung“, dann heißt das „Ablagern von Atommüll“. Und jetzt keine Sorgen mehr? Von wegen. Der Atommüll ist immer noch da, und das einige hundert Jahre lang.

Sagt einer „Freisetzung von Arbeitskräften“, dann meint er „Entlassung von Arbeitern“. Von wegen Freiheit..

Und verkündet ein Konzern Kostensenkung, dann heißt das „Abbau von Arbeitsplätzen“, hoppla, jetzt fall auch ich schon darauf herein, natürlich heißt es „Entlassung von Arbeitern und Angestellten“.

Und die Jobcenter sprechen von denen, die sie aufsuchen, als von ihren Kunden. Schön wär’s, dann wären sie nämlich Könige. Aber sie sind das Gegenteil, sie sind Arbeitsuchende, im Grunde sogar um Arbeit Bettelnde, denn sie haben das zu nehmen, was sie vom Jobcenter bekommen. Wenn sie was bekommen.

Schämen sich die Leute, die Dinge beim Namen zu nennen?

Nein, sie sind raffinierte Wortschöpfer, sie wollen eine schlechte Sache schönreden. Sprachästheten, die uns über die schmutzige Wirklichkeit täuschen wollen.

Früher hatten Lügen kurze Beine, heute verpasst man ihnen schöne, lange Beine.

In Diktaturen muss man zwischen den Zeilen lesen. Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie, da herrscht Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber wir werden lernen müssen, hinter den Worten zu lesen.

DL

Die letzten Tage des Kommissars

von Dieter Lenz

140 S. 180 x 115 mm, Softcover, 11,50 Euro

 

Es geht in zwei Erzählungen um die Genetik, um das Leben in einer digitalen Welt, um Seele und Körper, kurz gesagt: es geht um den Menschen. Weitere Erzählungen handeln von einem schrumpfenden Dorf bei Berlin / von einem Mann, der in einer Waldhütte gegen eine Fliege kämpft / und von einer Birke, die einen Theatermann in den Wahnsinn treibt.  Und Kurztexte in Anekdotenform.

Zu bestellen auf unserer Shopseite

Foto: Inse John
Foto: Inse John

Blog aus Blankenfelde

Di

19

Sep

2017

Am Anfang war das Wort

 

„Wutbürger“. Zuerst stand es im SPIEGEL. Damit bezeichnete der Journalist die Demonstranten, die gegen den Stuttgarter Bahnhof protestierten. Ich dachte: Das sind höchsten zornige Bürger, aber keine Wutbürger! Mein lieber Mann, du sollst erst mal sehen, wenn die Bürger wirklich wütend sind. Und, bitteschön, wie willst du sie dann bezeichnen?
Aber das Wort wurde sofort von allen Medien aufgegriffen, es wurde zum Begriff für  Demonstranten.
Und auf einmal ist sie da, die Wut da. Was sich da auf der Straße bewegt, von der PEGIDA bis zur AfD, sind echte Wutbürger.  Wie das? Wie konnte das passieren? Ganz einfach: durch die Bezeichnung „Wutbürger“ erhielten sie ihre Legitimation. Sie sind doch bloß Wutbürger, eine anerkannte Spezies des Protests, jetzt können sie ihre Wut herauslassen..
Und die Journalisten haben ein Problem. Wie soll man diesen Leute jetzt nennen? „Wutbürger“ geht ja nicht mehr, das Wort ist längst vergeben, und so muss man ein neues, ebenso griffiges und aufregendes Wort finden wie „Wutbürger“. 
Mein Vorschlag: Wie wär's damit: „Revolutionäre“?
Das Wort wird garantiert sofort Karriere in den Medien machen und siehe, bald ziehen Schlägertruppen durch die Straßen, brennen Häuser und es gibt die ersten Attentate. Denn schließlich sind Revolutionäre eine anerkannte Spezies der Gewalt.
Natürlich, das Wort allein ist nicht die Ursache. Aber einmal ausgesprochen und ständig wiederholt, öffnet es die Tür zur Tat und bald ist da, was das Wort bezeichnet.
Übrigens: Wer um der Aufmerksamkeit, der Sensation willen ein Wort benutzt, das unwahr, aber schön „griffig“ ist, der verbreitet Fake News. Und so verbreiten auch Journalisten, denen es  offensichtlich um  Quote oder Auflage geht, Fake News...
„Am Anfang war das Wort“ heißt es im Neuen Testament. Und ihm folgte die Tat. Eine wunderbare Welt entstand.
Der damals das Wort nannte, hatte es sich gut überleg

So

02

Jul

2017

Ach, Martin Schulz...

Helmut Schmidt, der zackige Bundeskanzler Deutschlands mit dem Spitznamen „Schmidt-Schnauze“, hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Offensichtlich haben das unsere Politiker ernst genommen und überlassen anderen die Visionen: den Computern der Wissenschaftler. Sie zeigen uns, wie unsere Welt in 20, 30 oder 50 Jahren aussieht.
Aber wen interessiert schon diese Zukunft, wenn er um die 60 oder 70 Jahre alt ist?
Mit jedem Jahr, mit dem der Mensch älter wird, verkürzt sich seine Zukunft. Und so denkt ein 60- oder 70jähriger nicht weiter als an die nächsten 5 -10 Jahre.
Ganz anders bei einem 30jährigen. Er wird noch gut 50 Jahre leben.
Ist das der Grund, warum in den Wahlprogrammen der Parteien nichts über die fernere Zukunft zu lesen ist, weil das Durchschnittsalter unserer Politiker sich mehr dem Lebensende zuneigt als dem Lebensbeginn?
(Wobei die Grünen an einem Punkt eine lustige Ausnahme machen, indem sie sich mit dem Auto der Zukunft beschäftigen.Übrigens: Auch mit der Umstellung auf Elektro-Autos fallen tausende Arbeitsplätze weg.)
Und so so kündigt Martin Schulz, Spitzenkandidat der SDP, für die nächsten Jahre eine sozialere Gesellschaft an, indem er vorsichtig an der Steuerschraube dreht.
Dabei sagt ihm jeder Computer, wenn Digitalisierung und Robotisierung so weiter gehen wie bisher, gibt es in 10-20 Jahren nur noch halb so viele Arbeitsplätze – und wie leben dann die vielen Menschen ohne Arbeit und Einkommen? Schon jetzt haben wir einen festen Sockel von 2 Millionen Arbeitslosen. Er wird sich in absehbarer Zeit von Jahr zu Jahr erhöhen.

Darum: Ein gesetzliches Grundeinkommen muss her. Das hätte Martin Schulz in sein Wahlprogramm aufnehmen können. Selbst wenn das Problem in seiner ganzen Schwere nicht schon in der nächsten Legislaturperiode auftritt, ein Anfang wird sich zeigen.
So hätte ein junger Wähler endlich eine Partei, die sich um seine Zukunft kümmert.
Ja, es gibt noch andere Zukunftsprobleme. Der Straßenverkehr, die Gesundheit der Menschen, der Schutz der Natur, der ungerechte Welthandel usw.
Das sind viele Probleme, sehr wahr. Aber man muss sie alle angehen! Denn dass sie uns bald auf den Nägel brennen, das offenbart jeder Computer mit seinen „Visionen“.
Unsere Politiker sind wahrscheinlich dabei, ihre Fingernägel für den nächsten Fernsehauftritt zu pflegen, um uns dann mitzuteilen, dass es uns morgen ein bisschen geht, wenn wir sie wählen..
Ach, Martin Schulz, wärst du doch 30 Jahre alt.

 

Mi

31

Mai

2017

Gerechtigkeit, Bildung und noch etwas

Gerechtigkeit und Bildung werden zur Zeit heftig gefordert, ohne dass beide miteinander verknüpft werden. Aber beide haben miteinander zu tun.

Gibt es Gerechtigkeit ohne Bildung? Ich denke ja,. Ob mit Abitur, Studium oder mit einfachem Schulabschluss, jeder Mensch hat von Anbeginn ein Gefühl für Gerechtigkeit. Die Bildung kann es verfeinern, was aber die Gefahr mit sich bringt, dass Gerechtigkeit relativiert wird.

Jedenfalls: Gerechtigkeit ist ohne Bildung möglich.

Aber ist Bildung ohne Gerechtigkeit möglich?

Nein.

Zwar lassen sich Schulen besser ausstatten, Lehrer besser ausbilden, aber so lange Familien weder Zeit noch Geld für Bildung haben, so lange wachsen deren Kinder nicht nur in finanzieller Armut, sondern auch in Bildungsarmut auf und geben sie aus Mangel von Aufstiegsmöglichkeiten später an ihre Kinder weiter. 

Mit anderen Worten: Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine Bildung für alle. Also stattet alle Familien so mit Finanzen aus, dass sie sich Bildung leisten können.

Dann gibt es noch ein Schlagwort, das die Runde macht: das „untere Drittel in der Gesellschaft“. Allseits beklagt, weil es sich abkapselt und so anfällig sei für den Populismus.

Moment.. Das untere Drittel kapselt sich ab?  Ist es nicht eher so, dass im oberen Drittel eine Sprache gesprochen wird, die keiner im unteren Drittel verstehen kann? Außerdem ist die herrschende Kultur auch nicht gerade offen für "die dort unten". Theaterstücke, Opern, Kunstausstellungen..  Wer vom unteren Drittel kann sie genießen? Ihm fehlt einfach die Bildung dazu.

Und da sind wir wieder am Anfang: bei der Bildung.

Niemand wird erwarten, dass alle eine akademische Bildung erhalten können.

Das wäre auch nicht schlimm, gäbe es nicht die Überheblichkeit des oberen Drittels.

Denn auch das untere Drittel hat eine Kultur, bloß wird auf diese herunter geschaut. Oft mit Spott, meistens mit Naserümpfen.

Volkstheater, Volksmusik, Volkstanz, Volksfeste...  Vorsicht, das ist nichts Völkisches... Genau so wenig wie die Volkshochschule. Und diese Kultur hat das gleiche Existenzrecht wie die Kultur der Hochgebildeten. Man muss sie anerkennen, sie muss Platz im öffentlichen Raum bekommen, sie muss vom Staat und den Medien gleichberechtigt behandelt werden.

Auch das würde den Populisten das Wasser abgraben. Niemand könnte mehr behaupten: Die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden.

Und aus "Die da oben" und "Die da unten" würde ein "Wir" werden.

 

 

 

Fr

10

Mär

2017

Ich zuerst, wir zuerst, unser Volk zuerst!

Es begann alles so schön. „Jeder ist seines Glückes Schmied, denk an dich, nur du bist wichtig, sei immer der Erste, dann bist du was, dann kriegst du was....“ So lauteten die Sprüche, und die waren gut, denn sie trieben die Menschen zu immer größeren Leistungen an, sodass die Wirtschaft erblühte. Man durfte aber keine Pause einlegen, sonst fiel man zurück. Man fand nicht mal mehr Zeit, ganze Sätze zu sagen, man verkürzte sie und so hieß es auch bald: „Ich zuerst!“ Und siehe, der Wohlstand wuchs und wuchs.

Hoppla. Etwas hatte man wohl übersehen. Bei dem Wettkampf gab es ja nicht nur Erste, sondern auch Zweite, Dritte, Vierte usw. und die erhielten nur die Trostpreise, während die Sieger den großen Gewinn einstrichen. Übrigens nannte man die Verlierer „die Abgehängten“, was nicht korrekt war, eigentlich müsste es heißen „die Abgekämpften“, denn sie verloren schon früh ihre Kraft oder hatten gar von Anfang an keine Kraft gehabt.

Doch, siehe, die Abgekämpften bildeten eine Gruppe und sie merkten, wie stark sie dadurch wurden. Und so riefen sie: „Wir zuerst!“ Allerdings, durch eine sonderbare Fehlleitung richteten sie den Ruf nicht gegen die Sieger, sondern gegen eine Gruppe, die leicht zu besiegen war: Fremde, Flüchtlinge, die ins Land gekommen waren.

Der Sieg über die Flüchtlinge brachte ihnen keinen Gewinn, keinen Wohlstand. Rechtzeitig wurde ein neuer Gegner entdeckt: „Schaut mal die anderen Völker.. Die nutzen uns aus!“ Und schon hieß es: „Unser Volk zuerst!“

So begann ein Wettkampf unter den Völkern, er wurde immer heftiger und dann..

Als alles in Trümmern lag, kratzte sich die Menschheit am Kopf. Na, das war vielleicht eine blöde Geschichte. „Leute, wir müssen jetzt zusammenhalten, es geht um den Aufbau..“

Und das taten die Menschen. Sie bauten auf, die Wirtschaft blühte, bald gab es anfeuernde Sprüche: „Jeder ist seines Glückes Schmied! Hol dir, was du kriegen kannst.“ Und so weiter. Die Wirtschaft erblühte, der Wohlstand wuchs. Immer schneller drehten sich die Räder, keine langen Reden mehr, ein paar Worte mussten genügen: „Ich zuerst!“ Und das wirkte. Bis eines Tages...

Naja, kennen wir. Das Auf und Ab der Menschheitsgeschichte, geht ewig so weiter.

Stimmt nicht. Es endete, als der Planet die Menschen von sich warf wie lästige Insekten.

 

 

Mo

06

Feb

2017

Die Armut kommt von der Pauvreté.

Kürzlich bat ihn ein Bankier um einen Wink, sobald etwas auf der Insel Sylt zum Verkauf stehe, erzählte Dahler. „Aber Sie haben doch schon ein schönes Haus auf Sylt?“, meinte der Makler verblüfft. Das stimme, erwiderte der Manager, doch er wisse einfach nicht, was er mit seinem Kapital anstellen solle. „Der Mann war fast ein bisschen verzweifelt“, sagt Dahler.  (DER SPIEGEL 6/2017 S. 66)

Der Ärmste. Er weiß nicht wohin mit seinem Geld.
Was würde ein Rentner denken, der zum Leben neben seiner  Rente noch einen Job  braucht, oder eine alleinstehende Mutter mit zwei oder gar drei Jobs, um über die Runden zu kommen..
Ach was, die können sich ja gar keinen SPIEGEL leisten.
Nehmen wir einfach an, sie finden dieses SPIEGEL-Heft. Ein Glücksfall. Denn sie können jetzt endlich erfahren, wie arm dran die Reichen sind.
Sie könnten natürlich auch wütend werden. Oder neidisch. Oder missgünstig. Sozialneid, nennen das einige Leute. Wahrscheinlich zählen sie zu den Ärmsten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.
Aber unsere beiden SPIEGEL-Leser sind weder wütend noch neidisch. Warum? Sie haben längst resigniert. Und sie fragen sich: Bin ich vielleicht selber schuld an meiner Situation? Es gibt doch kluge Leute, die das behaupten. Ja, wenn das so wäre, dann wäre der Bankier auch selbst schuld an seiner Situation.
Na, seine Schuld möchte ich haben.
Also wer oder was ist schuld an der Ungerechtigkeit? Denn eine Ungerechtigkeit ist es.
So viele Gelehrte haben die Frage zu beantworten versucht. Hat es geholfen? Einer - kein Gelehrter, aber ein Menschenfreund - gab aus Verzweiflung sogar diese Antwort: "Die Armut kommt von der Pauvreté". Das stammt von Nestroy, einem Theaterdichter, er hat es einer seiner Figuren sagen lassen. Das Publikum krümmte sich vor Lachen. (Die da lachten, waren sicher nicht die Armen.)
Unsere beiden SPIEGEL-Leser lachen nicht. Sie denken: Es hat keinen Sinn zu fragen.  Und bleiben stumm. Es war auch nur eine Randbemerkung von mir, pardon. Und tut nichts zur Sache.
Ja, so steht also noch immer die Frage im Raum: Wer ist schuld an arm und reich? Bestimmt muss man lange studiert haben, um sie beantworten zu können.
Da stoßen wir auf etwas Interessantes. Denn unsere Politiker sind durchweg Studierte, Akademiker, die es wissen sollten, und tatsächlich reden sie davon, dass die Reichen reicher werden und die Armen immer mehr. Warum ändert sich nichts? Vielleicht gibt es keine Lösung?
Und Rentner und Jobs-Inhaberin resignieren.
Halt. Da dröhnt etwas. Beide blicken auf. Eine Partei, die sich die Alternative nennt, donnert im Off: Wir ändern das. Sie sagt das so laut und mit so einfachen Worten, dass die beiden aufatmen und  hoffnungsvoll zu glauben beginnen.
Jetzt wird es spannend. Denn eine weitere Partei hat die Ungerechtigkeit entdeckt und verspricht: Wir tun was gegen die Ungerechtigkeit. Und sie sagt das in einem Ton, als wäre die Ungerechtigkeit etwas ganz Neues.
Ist es aber nicht. Die Journalisten reiben es der Partei unter die Nase: Das ist doch eine ausgelutschte Sache, die hattet ihr doch schon immer im Wahlprogramm.
Ja, es ist die SPD. Mit großem Getöse will sie den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufnehmen. Ganz oben soll es in ihrem Wahlprogramm stehen.
Und das ist gut so. Es gibt eben noch immer die Ungerechtigkeit und sie wird größer von Tag zu Tag. Doch sollte die SPD wie schon einmal entdecken, dass man den Vermögenden mehr geben muss, damit sie Arbeitsplätze schaffen, dann wird sich wieder mal nichts ändern. Denn, wie wir sehen, Arbeitsplätze allein helfen nicht gegen die Armut.

Dann wird es endgültig vorbei sein mit der Gerechtigkeitspartei und der nächste Bundeskanzler kommt aus der neuen Partei. Übrigens: ist die wirklich so neu? Pardon, wieder bloß so eine Randbemerkung, tut also nichts zur Sache. 
Die AfD ist eine Partei - man sieht es an den rückwärts gekehrten Gesichtern -, die vom Vergangenen träumt. Es müsste eigentlich ein Alptraum sein. Denn was war in der Vergangenheit? Von Gerechtigkeit keine Spur, im Gegenteil. Im Geschichtsbuch nachzuschlagen.  
Das zu wissen wäre gut für den Rentner und die Mehrfachjobberin.
Aber bis hierher sind sie beim Lesen meines Textes gar nicht gekommen. Sie sind vor Müdigkeit eingeschlafen.
Dumme Frage – haben die eigentlich das Internet?

 

 

Do

24

Nov

2016

Das ungeschriebene Gesetz und der Spalt in der Gesellschaft

 

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, aber es herrscht in allen Bereichen unserer Gesellschaft:

Wer viel hat, bekommt mehr. Wer wenig hat, bekommt wenig.

Es ist Zeit, das Gesetz aufzuschreiben, damit es gesehen, diskutiert, verändert oder abgeschafft werden kann:

§ 1 Wer ein Vermögen erbt, bekommt eine bessere Lebensausstattung: in der Gesundheit, in der Bildung und im Beruf.

§ 2 Wer einen besseren Beruf hat, verdient mehr.

§ 3 Wer mehr verdient, bekommt bei jeder prozentualen Tariferhöhungen mehr Geld..

§ 4 Wer mehr Geld hat, kann mehr für die Rente einzahlen und bekommt später eine höhere Rente

§ 5 Wer eine höhere Rente hat, bekommt bei jeder prozentualen Rentenerhöhung mehr Geld.

§ 6 Wer mehr Geld hat, kann sich die besseren Anwälte leisten und setzt seine Interessen in allen Lebensbereichen durch.

Es geht ein Spalt durch unsere Gesellschaft, er wird größer und größer.

 

 

 

Sa

12

Nov

2016

Und wieder reden sie nur...

Als hätte die Trump-Wahl bei uns stattgefunden und sie seien die Verlierer (sind sie im Grunde auch), sagen unsere aufgeschreckten Politiker landauf, landab: Auch bei uns machen die Populisten alles madig, dagegen müssen wir angehen, wir müssen mehr mit den Menschen reden, ihnen klar machen, wie gut es uns geht. Denn Deutschland ging es noch nie so gut wie heute....

So reden sie nach jeder verlorenen Wahl. Als müssten sie bloß besser erklären, was die Leute leider noch nicht begriffen haben.

Was will man eigentlich erklären? Wie erfolgreich Schröders Agenda 20 ist, weil jetzt mehr Leute Arbeit finden, von der sie nicht leben können? Und wie geschickt die Konzerne aus fest angestellten Arbeitern Leiharbeiter machen, die dann weniger verdienen als vorher? Wie die Reichen immer reicher werden und die Geringverdiener mit ihrem Einkommen kaum noch die Miete bezahlen können?

Dass Schulen verfallen, während auf Staatskosten Prachtbauten (Oper in Hamburg), Großbahnhöfe (Stuttgart) und Großflughäfen (Berlin) entstehen?

Dass Arbeitern und Angestellten am Berufsende die Rente zum bisherigen Leben nicht mehr reicht, während Manager und Staatsbeamte (einschließlich Minister und Abgeordnete) mit großen Bezügen in ein neues Leben entlassen werden?

Ja, das müssen die Politiker bloß besser erklären und alles wird wieder gut.

Meine Herren und Damen Politiker, seid ihr wirklich so dumm?

Handeln müsst ihr! Die Lage der Leute verbessern! Und den Reichen (den Superreichen) nicht noch mehr geben, als sie schon haben.

Sie könnten sogar etwas abgeben... nein? Davon verstehe ich nichts? Höhere Steuern (z.B. die Vermögenssteuer) vernichten Arbeitsplätze?

Ja, was für Arbeitsplätze denn?

Als stünde ein Fuchs in Sichtweite der Hühner, so aufgescheucht und so lärmend geben sich jetzt unsere Politiker. Es scheint, sie haben Angst. Womöglich um ihre Arbeitsplätze. Gut so, denn die, für die sie Politik machen sollen, haben sie schon lange.

Ja, so fühlt es sich dann an: der Boden wankt unter den Füßen.

Also, ihr Sachwalter des Volkes, kümmert euch nicht um die Populisten, sondern sorgt für ein besseres Leben der euch anvertrauten Menschen!

 

Mi

07

Sep

2016

Willy, steh auf!

Gerade lese ich in der Berliner Zeitung: Norwegens König Harald hält selten emotionale Reden. Noch seltener fliegen ihm danach die Herzen von Millionen Menschen zu. Doch genau das ist passiert, nachdem der Monarch bei einem Schlossfest in Oslo zu 1500 aus allen Teilen des Landes angereisten Gästen gesprochen hatte.

 

„Norwegen seid ihr. Norwegen sind wir. (...) Norwegen ist eins”, sagt der König da, und meint auch Homosexuelle und Menschen, die in dem skandinavischen Land Zuflucht gesucht haben. „Norweger sind Mädchen, die Mädchen mögen, Jungen, die Jungen mögen, und Mädchen und Jungen, die einander mögen”, erklärt Harald. „Norweger glauben an Gott, Allah, Alles und Nichts. … Norweger sind auch aus Afghanistan, Pakistan und Polen, Schweden, Somalia und Syrien eingewandert. Meine Großeltern sind vor 110 Jahren aus Dänemark und England eingewandert. Es ist nicht immer so leicht zu sagen, woher wir kommen, welche Nationalität wir haben. Das, was wir unser Zuhause nennen, ist dort, wo unser Herz ist - und das kann man nicht immer innerhalb von Landesgrenzen einordnen."

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24699494 ©2016)

 

Was für eine Rede! Und wo hören wir solche bei uns? Mitreißende Reden, leidenschaftliche, begeisternde Reden. Gerade jetzt brauchen wir Reden, die uns aufmuntern, die uns den Weg in die Zukunft zeigen – und nicht weiter ins Tal der Tränen führen.

Einmal gab es in Deutschland solche Reden. Von Willy Brandt. Hier ein Auszug aus einer Rede auf einem Parteitag 1972, die von bleibender Aktualität ist:

 

„Für J.F. Kennedy und seinen Bruder Robert gab es ein Schlüsselwort, in dem sich ihre politische Leidenschaft sammelte (...). Dieses Wort heißt ‚Compassion‘: Die Übersetzung ist nicht einfach ‚Mitleid‘, sondern die richtige Übersetzung ist die Bereitschaft mitzuleiden, die Fähigkeit, barmherzig zu sein, ein Herz für den anderen zu haben. Liebe Freunde, ich sage es Ihnen und ich sage es den Bürgerinnen und Bürgern unseres Volkes, habt doch den Mut zu dieser Art Mitleid! Habt den Mut zur Barmherzigkeit! Habt den Mut zum Nächsten! Besinnt euch auf diese so oft verschütteten Werte! Findet zu euch selbst!“

 

Und jetzt zu unseren Politikern. Was für Reden hält die Bundeskanzlerin? Zaghaft spricht sie immer wieder von „Wir schaffen das.“ Durch Wiederholung wird ihre Rede nicht begeisternder.

Und Horst Seehofer? In seinen Reden ist er mehr Rechner als Redner, er reiht Negativzahl an Negativzahl, und für ein schwieriges menschliches Problems schlägt er eine mathematische Lösung vor: eine zahlenmäßige Obergrenze. Er gleicht einem Buchhalter, der unentwegt davon erzählt, wie pleite die Firma ist. Nein, ein Mutmacher ist er nicht, ganz im Gegenteil. So wird er die Belegschaft nicht motivieren, die Firma durch größere Anstrengungen zu retten.

Und die Redner der AfD? Ein Klagen, Jammern und Zetern. Kein Wunder, wenn die Hörer noch verängstigter nach Hause gehen – oder aufs äußerste erregt. Denn als Ursache für das beklagte Elend werden die Schwächsten genannt, die vor Not und Krieg Geflohenen, die sich nicht wehren können... Heimlich reiben sich die Redner die Hände. Man wird schon sehen, was noch passiert. Und dann, so glauben sie, beginnt ihre große Zeit.

Hatten wir nicht schon mal die große Zeit?

Hierzu ein Zitat von Willy Brandt:

"Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben."

Ach, Willy! Steh auf!

 

 

So

24

Jul

2016

Mensch, renaturiere dich!

Ja, das klingt lustig. Aber noch viel lustiger ist die Wirklichkeit.

Da laufen sie herum, meist jüngere Menschen, mit dem Smartphone vor der Nase auf der Suche nach Gespenstern.

Und es heißt: Gut so! So kommen sie wieder in die Realität. Der elektronisch vernetzte Mensch findet wieder zurück in die Wirklichkeit.

Wirklich?

Denn sie sind ja nicht mit den Augen, der Nase, dem Ohr, der Berührung mit Händen und Füßen in der Wirklichkeit, sondern mit einem Smartphone unter der Nase. (Wann gibt es den Smartphone-Nasenhalter?)

Und da starren sie auf etwas, was es gar nicht gibt.

Ja, das ist lustig.

Nein, das ist gespenstisch. Und während die Menschen den Gespenstern folgen, wird für sie die reale Wirklichkeit immer virtueller. Sachte entgleitet ihnen ihr Körper, sie werden Teil einer virtuellen Welt.

Bis sie gegen eine Laterne laufen. Macht nichts. Sie rappeln sich auf und ziehen weiter, immer den Gespenstern nach.

Was geht da eigentlich vor? Entsteht gerade eine neue Menschenart? Der Homo elektronicus?

Wir treiben uns im Internet herum oder in elektronischen Spielen, wir werden dort geradezu heimisch.

Dabei haben wir einen Körper, dessen Sensoren weit effektiver sind als die der Technik: die Sinne. Ein Leben ohne sie wäre kein Leben mehr.

Wir können riechen, wir können fühlen, wir können schmecken, können hören, können den Blick schweifen lassen, so leben wir – und die ganze Welt gehört uns.

„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, vom goldnen Überfluss der Welt...“ (Aus dem Abendlied von Gottfried Keller)

Wollen wir die Welt für eine Scheinwelt hingeben, unsere Körper gegen Bits und Bytes eintauschen?

Vielleicht wäre das ein Fortschritt. Aber wohin und wozu? 

Für den Menschen brauchte es fast 14 Milliarden Jahre Entwicklung.

So ein Produkt gibt man doch nicht einfach so auf.

Mensch, renaturiere dich!

 

Siehe hierzu auch:

Dieter Lenz

Die letzten Tage des Kommissars

 In der Titelgeschichte geht es um die Zukunft des Menschen in Verbindung mit der Genetik, die anderen Erzählungen handeln vom Universum und seinem Schöpfer, von der Macht der Natur, dem Sinn des Lebens und von einem der virtuellen Welt verfallenen Mann, den der Sex zurück ins wirkliche Leben bringt.

136 S. , 105 x 185 mm, Softcover, 9,50 € 

ISBN 978-3922299-43-1

Zu bestellen im Online-Shop

So

26

Jun

2016

Die 25jährigen Großväter

 

Sie könne auch 20 Jahre alt sein oder auch 30, jedenfalls sind sie jung.

Da kommen sie mir entgegen und ich staune, was ich aus ihren Mündern höre: „Deutschland erwache! Deutsche steht auf! Deutschland den Deutschen! Deutsch, deutsch, deutsch...“

Und ich, der ich selbst Großvater geworden hin, sehe das Gesicht eines jungen Mannes und höre wie mein Großvater aus ihm spricht.

Was ist passiert? Welcher Hexerei hat meinen Großvater in diesen jungen Mann gezaubert? Oder ist da eine Mutation passiert und das Gehirn des Jungen hat sich sozusagen in das Gehirn des Alten verwandelt? Oder ist das Gespenst eines Toten in ihm erwacht?

Und dann möchte ich den Mann fragen: „Wie fühlst du dich, Opa? Bist du wieder da und freust dich des neuen Lebens? Oder bist du verflucht, als Untoter zurückzukehren? Bist du etwa auf ewig verdammt, alle 80 Jahre wieder lebendig zu werden? Mit deinem Deutschgeschrei, dem Blut- und Bodenrausch und seinem entsetzlichen Ende?“

Und dann, wie ich mich umsehe, denke ich: „Das sieht nicht gut aus.. Das werden ja immer mehr.. Die marschieren geradewegs in den Untergang!“

Und plötzlich denke ich: „Das kann gar nicht wahr sein, ich bin der Träumer, ich bin in einem Alptraum... Alter Knacker, erwache!“

Denn, nebenbei, ich bin Großvater, ich meine: ein wirklicher Großvater mit zwei Enkeln.

Also träume ich nicht. Nein, es ist tatsächlich so, was ich sehe: In den jungen Männern sind ihre Großväter und Urgroßväter erwacht.

Wie bringen wir die bedauernswerten Jungen dazu, die Augen zu öffnen, damit sie sehen, was für Geister in ihnen hausen?

Ich spreche einen an – und ich merke, er hört gar nicht zu. Er benimmt sich wie fremdgesteuert. Er brüllt weiter.

Er ist ein Schlafwandler, denke ich. Bestimmt sieht er sich in einem schönen Traum und weiß nicht, wie schrecklich er endet.

Und so marschieren sie also weiter, unsere Großväter und Urgroßväter. In Gestalt von jungen Männern.

Da hilft nur eins: Man muss sie festhalten und aufwecken, bevor sie dahin stürzen, wo ihre Großväter und Urgroßväter sie haben wollen.

Im Grab.

 

 

 

Do

09

Jun

2016

Das Sturmgewehr und die Zukunft

„Was meinen Sie? Können Sie in die Zukunft sehen?

„Nee. Das kann keiner.“

„Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Garten, hübsche Blumen, vielleicht auch Tomatenpflanzen. Drei Tage kein Regen. Sie gießen. Warum?“

„Naja, das Grünzeug vertrocknen sonst.“

„Das sehen Sie voraus?“

„Das weiß ich.“

„Und wenn Sie heute kein Brot zu Hause haben, was wird morgen früh sein?“

„Ich hab kein Brot zu essen.“

„Richtig. Übrigens, was bauen Sie da zusammen?“

„G 36 K, ein Sturmgewehr. 780 Schuss in der Minute.“

„Sie sind stolz darauf.“

„Na klar. Es gibt kein besseres.“

„Es wird Menschen erschießen.“

„Hm.“

„Weiß der, der damit erschossen wird, das heute schon?“

„Na hörn Sie mal. Das weiß keiner. Keiner kann in die Zukunft sehn!“

„So, wie Sie hier an einem Sturmgewehr arbeiten, gibt es sicher auch woanders einen, der ein ähnliches Sturmgewehr zusammenbaut.“

„Bestimmt. Sogar mehrere. Sturmgewehre werden in Massen gebaut. Aber das hier ist das bessere.“

„Kann es sein, dass eines Tages jemand mit Ihrem Gewehr hier auf den schießt, der gerade ein anderes Sturmgewehr baut?“

„Möglich. Im Krieg ist alles möglich.“

„Auch im Frieden. Von Terroristen zum Beispiel, Amokläufern... Und so kann es doch auch möglich sein, dass jemand mit der Waffe Sie erschießt, die der andere fabriziert hat“.

„Möglich, ja.. Sagen Sie mal, was soll das?“

„Ich will nur sagen, Sie können sehr wohl in die Zukunft sehen. Zum Beispiel sehen Sie die Zukunft Ihres Gewehres, ja, Sie sehen sogar die Zukunft aller Gewehre. Und es kann gut sein, dass Sie damit auch Ihre Zukunft sehen.“

 

 

 

Fr

20

Mai

2016

Deutsche, duzt euch!

 

Es reicht. Hej, schwedischer Botschafter in Deutschland! Wann endlich legst du Protest ein gegen die Verstümmlung der schwedischen Identität?*)

   Ich sah auf ARTE „Jordskott - Die Rache des Waldes“. Ich sehe mir alle schwedischen Filme an. Die meisten sind gut, oft sogar sehr gut. Charaktere, Landschaft, Plot... Alles stimmt.

Und dann erschrecke ich: Gott, wo kommen die vielen Deutschen her?

Ich höre die Schweden reden und sie siezen sich! Für einen, der in Schweden gelebt hat, ist es wie ein Stich ins Herz.

Wieso zwingt das deutsche Fernsehen die Schweden zum Siezen? Ist es etwa unmoralisch, wenn sie sich duzen? Gefährdet es womöglich Jugend? (Übrigens: Die jungen Generation duzt sich längst.)

Kürzlich sagte mir jemand, ganz offensichtlich kein Jugendlicher: „Geduzt werden? Ich? Einfach so? Und dann noch von einem Fremden? Ich lass mich doch nicht beleidigen!“

„Dann weiß ich ein Land für Sie“, sagte ich, „wo Ihnen das nicht passieren kann. Versuchen Sie mal einen Schweden zu beleidigen, indem Sie 'du' zu ihm sagen. Er wird Sie freundlich ansehen und darauf warten, dass Sie ihm noch etwas sagen wollen.“

Ja, wie könnte er beleidigt sein, wo Duzen zum guten Ton gehört.

Und da sind wir an einem wichtigen Punkt.

Im Schweden, in dem Du-Land, gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die bei uns übliche Zweiteilung: den einen siezt man, den anderen duzt man (wobei sich der Gesiezte das Recht heraus nimmt, auf den Geduzten herunter zu blicken), kennen die Schweden nicht.

Für sie ist das Duzen ein Stück gelebte Demokratie.

Sind wir etwa keine Demokraten? Aber natürlich. Und darum lasst uns einen alten Hut abschaffen. Schluss mit dem Gesieze aus Kaiserzeiten.

Duzen wir uns! Nicht einfach, ich weiß. Fangen wir klein an.

Liebes Fernsehen, lass die Schweden sich duzen in ihren Filmen, sie tun es aus vollem Herzen und ganz ohne böse Absicht. Es ist weder Jugend gefährdend, noch beschädigt es die deutsche Lebensart – im Gegenteil: wir gewinnen ein weiteres Stück Demokratie und verbessern das menschliche Miteinander.

Ach, könnte ich doch der Bundeskanzlerin schreiben: „Liebe Angela, lass dich nicht unterkriegen. Kämpfe weiter für ein gutes, für ein helles Deutschland! Ich bin nämlich an deiner Seite.“

Und sie antwortete: „Schön, dass du mich unterstützt. Dank dafür!“

 

Siehe auch mein Blog v. 4.4.2015: Das schwedische Du

 

*) Auf Facebook gab es eine heftige Reaktion zu dieser Aufforderung. Ich musste erkennen, dass er ernst genommen wurde. Natürlich hat ein Botschafter anderes zu tun, als sich um die Synchronisation der Filme seines Landes zu kümmern. Mein Appell an den Botschafter ist witzig gemeint.

 

 

Mi

04

Mai

2016

An ihren Daten sollt ihr sie erkennen...

Nein, kein Druckfehler. Ja, früher schrieb man Daten noch mit T.

 Das war noch in der Zeit des handfesten Lebens, da konnte man den Menschen an seinen Taten erkennen. Das ist vorbei, dafür haben wir jetzt ein Smartphone in der Hand und hauchen unser Leben hinein. Irgendwo kommt es als Foto oder Text an oder es geistert durch das Internet.

 Geschickte Fänger im Netz fangen das alles ein, fügen es zusammen und siehe: Sie haben uns. Gut haben sie uns profiliert! Jetzt wissen sie mit uns was anzufangen.

 Als Konsument zum Beispiel. Hauptsache als Konsument. Denn sie haben etwas Großartiges erfunden: Konsum ist Leben. Und wenn unser Profil dazu passt, werden wir geliebt und leidenschaftlich umworben.

 Wehe aber, unsere Daten ergeben kein nützliches Profil. Kein Konsum? Weg mit dem Zeug. Und so eliminiert man uns.

 In Wirklichkeit existieren wir noch. Lassen Sie sich bloß nichts anderes einreden. Leben Sie einfach!

 Ja, aber wie geht das noch mal?

 Erinnern wir uns. Gelebt wurde mit und durch Taten.

 Fangen wir also mit einer an.  Wie wär's damit. Das Smartphone ausschalten und sich draußen irgendwo auf eine Bank setzen, Laute hören, Gerüche schnuppern, Wind auf der Haut spüren, und sehen, richtig sehen.. So viel kann man sehen! Beispielsweise die Gesichter der vorüber gehenden Menschen. Wie lustig sie ihre Nasen über ein Smartphone halten, als witterten sie eine Spur und folgten ihr.

Peng, der ist an der Laterne gelandet. Macht nichts, er schnürt weiter. Online.

 Überraschung. Plötzlich setzt sich einer neben Sie auf die Bank. Sprechen Sie ihn an, bevor es zu spät ist: „Hallo.. Wie geht’s?“

 Und wenn er antwortet, gibt es ein Gespräch. Ein sinnliches. Denn Sie hören nicht nur seine Worte, sie hören seine Stimme, darin ist eine besondere Schwingung, Sie sehen seine Mimik, die sagt etwas mehr als seine Worte, und da kommt Ihnen etwas ganz nah, es berührt Sie – es ist sein Leben.

 Der Mann lebt ja!

 Erhalten Sie jedoch keine Antwort, dann... Ja, jetzt sehen Sie es. Er ist in sein Smartphone versunken.

 Sie möchten aber einen Kontakt mit ihm? Na schön. Holen Sie Ihr Smartphone raus, machen sie ein Foto von ihm, googeln sie das Foto.. Ha, da ist er, auf Facebook! Sehen Sie, sein Profil! Los, schicken Sie ihm ein paar Zeilen..

 Das genügt Ihnen nicht?

 Gut so. Dann stoßen Sie ihn an.

 Aber Vorsicht. Ein Abbruch des Datenverkehrs zwischen Gehirn und Smartphone könnte dramatische Folgen haben. Es wäre ungefähr so, als würden Sie jemanden aus einem tiefen Traum reißen. Das könnte dramatische Folgen haben. Etwa so: Er dreht durch und haut zu.

 Also lassen Sie das.

 Schauen Sie sich einfach die Welt an. Die World-Wide-Welt. Ist sie nicht verrückt?

 

 

Mi

30

Mär

2016

Die Bauerntruhe und die Fremdenfeindlichkeit

Mein småländischer Freund Gunnar hatte eine alte Bauerntruhe, sie war mit Blumenornamenten bemalt und vorne auf der Breitseite stand in schwungvoller Schrift der Spruch: "Vor dem Herrn sind wir alle Småländer."

Obwohl ich der erste Deutsche in der Gegend war, fühlte ich mich in dem schwedischen Dorf sofort aufgenommen. Die Bauern betrachteten mich nicht anders als ihre Söhne, nur dass sie vielleicht ein wenig mit den Augen zwinkerten, wenn ich versuchte, Schwedisch mit ihnen zu sprechen. Am Ende war ich stolz auf mein Schwedisch, doch als ich auf der Heimreise im Zug nach Malmö saß und mich mit einem Stockholmer unterhielt, sagte er: Ich würde nicht Schwedisch sprechen, sondern Småländisch. Erst schwieg ich gekränkt, dann sagte ich: „Vor dem Herrn sind wir alle Småländer“. Und dann lachten wir.

Es war ein entspanntes, singendes Schweden damals – schon allein von der Sprache her, die einen dunklen, fast zärtlichen Singsang hat. Aber vor allem sangen die Wälder, es war ein an- und abschwellender Gesang vom Chor der nordischen Bäume.

Seitdem hat mich Schweden nicht mehr losgelassen.

Heute freilich, fast 50 Jahre später, schmerzt es mich, zugeben zu müssen, dass sich Schweden verändert hat. Nicht wie man sich verändert, indem man wächst und von einer Reifenstufe zur nächsten kommt. Es ist wie eine plötzliche Krankheit, die das Land erfasst hat. Es macht sich Fremdenfeindlichkeit bemerkbar, erst war sie lokal, aber mittlerweile zeigt sie sich ganz offen durch die Partei der „Schwedendemokraten“.

Ich weiß, auch bei uns gibt es die Fremdenfeindlichkeit, sogar noch deutlicher, und in Dänemark gibt es sie, in Polen, Ungarn, Frankreich, England... Es ist also eine europäische Krankheit.

Und dann erinnere ich mich an die Truhe mit dem Spruch: „Vor dem Herrn sind wir alle Småländer.“

Mein Freund Gunnar ist gestorben, die Truhe verschwunden. Der Spruch aber gilt heute noch. Und daran halte ich mich. Vielleicht müssten wir ihn etwas abwandeln, damit wir ihn für unsere Zeit verwenden können. Denn das Wort „Herr“ bezeichnet Gott und es reicht nicht, wenn wir vor Gott alle gleich sind.

Malen wir auf ein Möbelstück im Wohnzimmer folgenden Spruch: „Vor einem Menschen sind wir alle Menschen.“ Er wird seine magische Wirkung entfalten.

Die Bauerntruhe stand in der Diele und wann immer ich an ihr vorüberging, las ich, was dort geschrieben stand. Und es stimmte mich froh und glücklich.

Übrigens: Noch immer wird sich in Schweden geduzt. Auch die singenden Sprechweise hat sich nicht geändert. Und, versteht sich, auch das nicht: Und ewig singen die Wälder.

Do

24

Mär

2016

Die Sprache - Brücke oder Mauer

 

Nein, ich will nicht viele Worte machen. Denn damit beginnt es schon. Allein die Masse von Wörtern kann schon eine Mauer bauen.

Am Anfang war das Wort, heißt es in der Bibel. Ich weiß nicht, was Bibelfachleute dazu sagen. Für mich ist es der erste Stein, auf dem wir unsere Brücken zueinander bauen sollen.

Jedenfalls ist die Sprache dazu da, um uns untereinander verständlich zu machen.

Werden aber zu viele Worte gebraucht, wie es meistens unsere Politiker tun, wird es nebelig. Nachher weiß keiner, was eigentlich gesagt worden war. Diese Sprechweise beherrschen Politiker meisterhaft. Und dann wundern sie sich, wenn die Leute nicht mehr hinhören.

Es geht auch um die Wortwahl. Als ich zum ersten Mal das Wort „Agenda 2010“ las, kapierte ich rein gar nichts. Das Wort wurde aber so oft benutzt, dass ich nachschlagen musste. „Agenda“ ist die Bezeichnung für eine Liste der Aufgaben, die man abarbeiten muss. Also eine Arbeitsliste. So könnte man es sagen und eine„Arbeitsliste 2010“ hätte ich sofort verstanden.

Solche Worte, heißt es, versteht man noch besser im Kontext. Aha. Schon wieder ein Fremdwort. Was sagt das Lexikon? „Zusammenhang“. Hätte man sagen können. Ja, denn manches Wort versteht man besser im Zusammenhang mit anderen Begriffen oder Sachverhalten.

Oft wird auch von „Usern“ gesprochen. Auf deutsch „Nutzer“. Nun ja, vielleicht gibt es in solchen Fällen keine deutschen Nutzer, dann muss man es wohl so sagen.

Und es gibt noch viele andere Worte von Fachleuten und Gebildeten, die von vielen Menschen nicht verstanden werden, und doch immer wieder benutzt werden.

Zum Beispiel das Wort „Eliten“. Schon wieder was, bei dem ich nachschlagen musste. Das Lexikon gibt eine lange Erklärung ab. Ich verkürze: Eliten sind die führenden Leute in Bildung, Wirtschaft, Politik.

Übrigens, es sind die Eliten selbst, die dieses Wort benutzen.

Ja, so wird die Sprache zu einer Mauer, gewollt oder nicht gewollt. Und dann wundern sich die Eliten (Erklärung siehe oben), dass der normale Bürger misstrauisch wird. Er denkt: "Was reden die da für ein Zeug? Das versteht doch keiner.. Wollen die was verheimlichen? Womöglich verschaukeln die uns?"

Und aus Misstrauen wird Empörung und schließlich Aufruhr.

Es gibt da einen in der USA, der macht es ganz anders. Es sind nicht nur die plumpen und üblen Themen, die so gut bei den Zuhörern ankommen. Er hält sich an Luthers Wort: Man muss dem Volk aufs Maul schauen. Aber ich trau ihm nicht. Überhaupt nicht. Er macht das zu gut und zählt doch zu den Eliten, wirtschaftlich gesehen. Sehr merkwürdig.

Nein, einen deutschen Donald Trump will ich auf keinen Fasll. Aber ein Luther wäre nicht schlecht.

Und jetzt mein Appell, Verzeihung, Aufruf:

Liebe Eliten, artikuliert euch kommunikativ!

Wie bitte? Ich sollte sagen „Redet verständlich?“

Richtig. Aber ich fürchte, das verstehen die Eliten nicht.

 

Di

18

Aug

2015

Woher kommt die Gewalt?

 

Einmal war Gewalt ein Tabu. In den Medien durfte sie nur angedeutet werden.

Doch dann passierte etwas. Gewalt wurde zu einem Mittel der Kunst. Sie sollte schockieren und sie tat es. Man war schockiert, aber mit heimlichem Behagen, und der Publikumserfolg war groß.

Nach und nach nahmen in den Medien die Gewaltszenen einen immer größeren Raum ein. Natürlich war das Publikum noch immer gegen die Gewalt, doch wenn sie „ästhetisch“ daher kam, war sie akzeptabel. In der Besprechung eines ungewöhnlich brutalen Films war zu lesen, er sei sehenswert – besonders weil die Gewaltszenen ästhetisch perfekt gelungen seien.

Und so wurde die Gewalt zu einem Mittel der Unterhaltung, das heißt: zu einem profitablen Geschäft.

Und dann kamen die Computerspiele. Pfeif auf die Ästhetik. Der Run auf das blutigste Kriegsspiel begann.

Von der Vorstellung zur Verwirklichung, vom Gedanken zur Tat ist es nur ein kurzer Weg.

Was der Mensch beim Zusehen als wonnig empfindet, will er bald selbst mal ausprobieren. Und dann, wie es so treffend heißt, hat er Blut geschmeckt: Die Tat brachte Lustgewinn, sogar Befriedigung.

Befriedigung, was für ein Wort im Zusammenhang mit der Gewalt. Aber der Mensch ist so gebaut.

Seit Urzeiten schläft ein Wilder in ihm, und es braucht nur einen Anstoß, um ihn zu wecken.

Damit die Gewalt dem Homo Sapiens kein schlechtes Gewissen macht – denn ein Wilder will er ja keinesfalls mehr sein – rechtfertigt er sie mit einer Ideologie. Oder einer Religion. Oder einfach mit dem Andersartigen, der Hautfarbe, der Kultur.

Warum gab es Tabus, als die Menschen noch Wilde waren?

Sie waren klüger als wir.

Sie wussten, dass man den Menschen vor sich selbst schützen muss.

 

 

Siehe auch "Das Boot im Garten"

 

 

So

24

Mai

2015

Es gilt das gedachte Wort.

 

Zu Kaisers Zeiten sagte man nicht „Unterhose“, man sagte schamhaft „die Unaussprechliche“.

Leben wir wieder in schamhaften Zeiten? Ganz sicher nicht.

Aber ähnliche Wortmasken gibt es auch heute. Hier ein paar Beispiele:

Sagt einer „Atommüllentsorgung“, dann heißt das „Ablagern von Atommüll“. Und jetzt keine Sorgen mehr? Von wegen. Der Atommüll ist immer noch da, und das einige hundert Jahre lang.

Sagt einer „Freisetzung von Arbeitskräften“, dann meint er „Entlassung von Arbeitern“. Von wegen Freiheit..

Und verkündet ein Konzern Kostensenkung, dann heißt das „Abbau von Arbeitsplätzen“, hoppla, jetzt fall auch ich schon darauf herein, natürlich heißt es „Entlassung von Arbeitern und Angestellten“.

Und die Jobcenter sprechen von denen, die sie aufsuchen, als von ihren Kunden. Schön wär’s, dann wären sie nämlich Könige. Aber sie sind das Gegenteil, sie sind Arbeitsuchende, im Grunde sogar um Arbeit Bettelnde, denn sie haben das zu nehmen, was sie vom Jobcenter bekommen. Wenn sie was bekommen.

Schämen sich die Leute, die Dinge beim Namen zu nennen?

Nein, sie sind raffinierte Wortschöpfer, sie wollen eine schlechte Sache schönreden. Sprachästheten, die uns über die schmutzige Wirklichkeit täuschen wollen.

Früher hatten Lügen kurze Beine, heute verpasst man ihnen schöne, lange Beine.

In Diktaturen muss man zwischen den Zeilen lesen. Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie, da herrscht Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber wir werden lernen müssen, hinter den Worten zu lesen.

DL

Sa

04

Apr

2015

Das schwedische "Du"

 

Als der schwedische König hörte, dass sich in Dalarna alle duzten, wollte er es nicht glauben. Er setzte sich in seine Kutsche, fuhr nach Dalarna, sprach am Feld einen Bauern an und fragte: „Sag mal, stimmt das, dass ihr zu allen du sagt?

„Ja", sagte der Bauer bedächtig, "das stimmt, wir sagen zu allen du ." Und fügte hinzu: "Zu dir natürlich nicht und auch nicht zu deinem Sohn.“

So begann es mit dem schwedischen Du, aber es dauerte lange, bis es sich durchsetzte. Das war in der 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Folge einer Demonstration. Wer für das „Du“ war, heftete sich einen Button auf die Brust, darauf stand: „Du kannst ‚du‘ zu mir sagen“. Erst waren es wenige, die Bewegung wuchs zur Welle und schließlich siegte das „Du“ über das „Ihr“ und  den Umweg über Titel und Beruf  („Kann mir der Herr Schornsteinfeger sagen..“).

Übrigens, als der Bauer in Dalarna den König duzte – wenn auch unbewusst– , war er sogar unsrer Zeit weit voraus, denn selbst heute darf man Mitglieder der Königsfamilie nicht duzen.

In Deutschland wird gesiezt, und ich erinnere mich, als ich mit 14 zum ersten Mal von einem unbekannten Erwachsenen nach einer Straße gefragt wurde, siezte er mich. Da war ich ziemlich stolz, spürte aber sofort einen Abstand zwischen uns. Und dieser Abstand hat mich mein ganzes Leben in Deutschland begleitet, betrat ich jedoch schwedischen Boden, atmete ich auf: Es war, als fielen Fesseln von mir ab.

Ja, das Siezen ist fesselt uns. Manchmal denke ich, es ist eine Zwangsjacke. Wir halten uns durch das Siezen zurück, wir legen die Rüstung nicht ab und wappnen uns mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Unsere Kommunikation ist behindert, daraus erwachsen Unverständnis und Missverständnis, was zu Streitigkeiten und Auseinandersetzungen führen kann.

Das schwedische „Du“ ist ein demokratisches Du und macht das Zusammenleben leichter. Mit dem „Sie“ grenzt man sich ab, mit dem „Du“ ist die Tür geöffnet.

Sicher, die Schweden empfanden sich schon immer als eine Familie, wir Deutschen dagegen waren Jahrhunderte lang zersplittert in Stämmen, Fürstentümern und Königreichen. So konnten kein Gemeinschaftsgefühl und kein Nationalgefühl entstehen.

Aber das muss nicht so bleiben. Vielleicht gibt es auch bei uns eines Tages eine demokratische Bewegung, da heften sich Deutsche einen Button auf die Brust, auf dem steht: „Du kannst ‚du' zu mir sagen." Und ist es kein Button, dann vielleicht ein T-Shirt mit dieser Aufforderung.

Ich höre den Einwand: Das „Du“ sei privat und intim, das würde ja verloren gehen. Moment… Ging es denn in Schweden verloren? Keinesfalls. In privaten Situationen sagen sie einfach: „Käre du..“ / „Snälla du..“ (Lieber du..  / Liebe du..).. Oder zärtlich „Du..“

Das können wir doch auch?

(Ach, aber wie sie das Ü in dem „Du“ singen! Das freilich schaffen wir mit unserem dunklen „Du“ nie..)

 DL