Als mich die Schweden mit ihrem "Tack" fast erschossen hätten...

 

Das war vor gut 50 Jahren. Mich gab es zu dieser Zeit gerade erst seit 21 Jahren auf der Erde, die Schweden jedoch schon seit einigen Jahrtausend. Daher haben sie Geheimnisse und Riten, die für Ausländer zum Gruseln, aber durchweg gut gemeint sind.

Ein besonderes Rätsel ist das „Tack“, das mir überall und in vielerlei Formen begegnete, sobald ich einem Schweden gegenüber stand.

Und da beschloss ich, meine Erfahrungen darüber aufzuschreiben, um zukünftigen Besuchern nützliche Hinweise zu geben, wie sie sich bei Begegnungen mit dieser besonderen Art Mensch verhalten sollten, damit sie keinen seelischen Schaden erleiden.

Das Papier ist vergilbt, die Schreibmaschinenschrift verblasst, ich tippe den Text ab, ehrlicherweise mit dem Staub, der auf manchem Wort liegt. Los geht’s:

 

Schweden süßen Brot und Wurst, um zu vergessen, dass sie vor über hundert Jahren nur Salz auf Brot und Pökelfisch zu essen hatten. Sie sind höflich bis zum Gipfel der Vornehmheit, um die Erinnerung an ihre bäurische Vergangenheit zu verwischen.

Und ich glaube, dass „Tack“ - das schwedische Wort für "Danke" - mehr als eine Höflichkeitsfloskel ist. Es ist die aus der Wikingerzeit überlieferte Parole, als die Wikinger um die Welt segelten und sich von den Einheimischen nur dadurch unterscheiden konnten, indem sie sich mit „Tack“ begrüßten. Antwortete der andere nicht mit „Tack“, dann konnte man ihm mit dem Schwert getrost eins drüber ziehen.

Darum ist es für jeden Ausländer überlebenswichtig, das Wort „Tack“ in all seinen Variationen zu lernen.

Fangen wir an. Du besuchst eine schwedische Familie. (Du wurdest eingeladen.) Du streifst den Mantel ab und schon hält ihn die Dame des Hauses in den Händen. Dafür sagt sie „Tack“ genauso wie für die Blumen, die du ihr schenktest. Keine Angst, sie will deinen Mantel nicht behalten, sie hängt ihn bloß auf einen Bügel. Beweise deine Furchtlosigkeit, indem du mit „Tack“ antwortest.

Darauf sitzt du am Tisch deiner Gastgeber. Jetzt beginnt die Erkennungsmelodie des gegenseitigen „Tacks“, ähnlich dem gegenseitigen Ansummen der Bienen, wenn sie sich begegnen. Konzentriere dich. Ein Fehltritt und du scheidest als Verlierer von deinen Gastgebern, was nicht in deren Sinne ist. Du würdest sie damit kränken.

Wenn du um etwas bittest, sag „Vasnäll“ (sei lieb), das hat denselben Sinn wie das „bitte“ bei uns. Wenn du es bekommst, sag „Tack!“ Noch besser: „Tack så mycket!“ (Vielen Dank). Andererseits, wenn du etwas anbietest, sag „Vasagod“ (sei so gut), auch das heißt bitte, aber eben nur beim Anbieten. Es sind die zwei Formen des Bittens in Schweden, die man auseinander halten muss.

Wenn du etwas Angebotenes nicht annehmen willst, sag nicht einfach „Tack!“ („Danke!“) wie es bei uns in Deutschland genügt, sonst kommt sofort die Gegenfrage: „Ja tack eller nej tack?“ (Ja danke oder nein danke?) Also sag höflich bei einer Ablehnung: „Nej tack.“

So freundlichvornehm geht es am Tisch zu. Es ist ein wechselweiser Tack-Gesang und geeignet, die Stimmung aufzulockern. Was im Norden ja bekanntermaßen nicht so einfach ist.

Hast du schließlich das Essen überstanden, ohne aus Nervosität oder in einer freudschen

Fehlleistung „Tick“ gesagt zu haben, wirst du, mutiger geworden, die Unterhaltung mit deinen Gastgebern im Wohnzimmer am Kamin fortsetzen können. (Nicht ohne zuvor dich für das ausgezeichnete Essen zu bedanken.) Erschrick nicht, wenn hinter dir jemand fortwährend „Ticktack“ sagt. Es ist die Wanduhr. Nimm es mit Humor und antworte mit „Taktik“. Jeder, bis auf deine Gastgeber, wird den kleinen Witz verstehen.

Dann - in Schweden soll man aus Höflichkeit einen Besuch nicht ausdehnen -  willst du aufbrechen. Die Gastgeber geleiten dich zum Mantel, du ziehst ihn an. (Verbeiß dir ,,Tack“ zu ihm zu sagen, es ist dein eigener Mantel und es gehört zu seiner verdammten Pflicht, dich zu umkleiden.) Doch sag zu jeder der hilfreichen Hände (etwa 9, meistens gehört eine davon dir, bei ihr brauchst du dich nicht zu bedanken, siehe oben „Mantel“ ) „Tack!“. Halt! Warte auf die Antwort. Da kommt sie: „Tacktacktacktack.“

Befriedigt nickst du dir zu. Genauso hast du es erwartet. Du beginnst dich in Schweden heimisch zu fühlen.

Und jetzt verabschiedest du dich. Sofort bedanken sich alle für deinen Besuch. Worauf du dich auch bedankst: für die Einladung. Dann trittst du vor die Tür. Du blickst zum Himmel, wölbst die Brust, atmest tief die frische Wald- und Seeluft ein. Du hast es überstanden. Du wirst in Schweden leben können als gleicher unter gleichen. Und gerade, als du den Fuß zum ersten Schritt anhebst, erschallt hinter dir ein vielstimmiges: ,,Tack för idag." (Danke für heute).

In den Rücken getroffen. Sie haben dich doch geschafft, die Schweden.