Am Anfang war das Wort

„Wutbürger“. So stand es zuerst im SPIEGEL. Damit bezeichnete der Journalist die Demonstranten, die gegen den Stuttgarter Bahnhof protestierten. Ich dachte: Das sind  zornige Bürger, aber Wutbürger? Mein lieber Mann, du sollst mal sehen, wenn die wirklich wütend sind.
Das Wort verbreitete sich rasend schnell und wurde zum Standardbegriff für  Demonstranten.
Und jetzt ist sie da, die Wut. Was da auf der Straße demonstriert, von der PEGIDA bis zur AfD, sind echte Wutbürger.  Wie das? Wie konnte das passieren? Ganz einfach: durch die fast schon offizielle Bezeichnung „Wutbürger“ hatten sie ihre Legitimation bekommen. Wutbürger sind ja ganz normale Demostranten, das darf man wohl doch zeigen.
Und die Journalisten haben ein Problem. Wie soll man jetzt diese Leute nennen, die tatsächlich wütend sind? „Wutbürger“ ist ja vergeben, es muss ein neues Wort her, ebenso griffig und optimal.
Wie wär es mit „Revolutionäre“?
Sofort wird das Wort Karriere machen, denn heute muss alles lauter, schriller und übertrieben sein, sonst hört es ja keiner, sonst liest es ja keiner. Und siehe, bald ziehen Schlägertruppen durch die Straßen, brennen Häuser und es gibt die ersten Attentate. Ganz in Ordnung. Schließlich machen Revolutionäre so was.
Ja, richtig, das Wort allein wäre nicht die Ursache. Da kommen noch die Umstände dazu. Oder Leute, die auf dem Feuer heimlich ihr Süppchen kochen.

Doch wer Menschen mit einem Schlagwort tituliert, gibt ihnen die Lizenz, auch so zu sein.
Übrigens: Wer um der Sensation willen ein Wort benutzt, das nicht stimmt, aber schön „griffig“ ist, der verbreitet Fake News. Und so verbreiten auch Journalisten, denen es vor allem um Aufmerksamkeit geht, Fake News.

Worte schaffen Realität. Das ist ihre Magie. Vergessen?

„Am Anfang war das Wort“ heißt es. Daraus entstand eine wunderbare Welt.
Der das Wort nannte, hatte es sich gut überlegt.