Gerechtigkeit, Bildung und noch etwas

Gerechtigkeit und Bildung werden zur Zeit heftig gefordert, ohne dass beide miteinander verknüpft werden. Aber beide haben miteinander zu tun.

Gibt es Gerechtigkeit ohne Bildung? Ich denke ja,. Ob mit Abitur, Studium oder mit einfachem Schulabschluss, jeder Mensch hat von Anbeginn ein Gefühl für Gerechtigkeit. Die Bildung kann es verfeinern, was aber die Gefahr mit sich bringt, dass Gerechtigkeit relativiert wird.

Jedenfalls: Gerechtigkeit ist ohne Bildung möglich.

Aber ist Bildung ohne Gerechtigkeit möglich?

Nein.

Zwar lassen sich Schulen besser ausstatten, Lehrer besser ausbilden, aber so lange Familien weder Zeit noch Geld für Bildung haben, so lange wachsen deren Kinder nicht nur in finanzieller Armut, sondern auch in Bildungsarmut auf und geben sie aus Mangel von Aufstiegsmöglichkeiten später an ihre Kinder weiter. 

Mit anderen Worten: Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine Bildung für alle. Also stattet alle Familien so mit Finanzen aus, dass sie sich Bildung leisten können.

Dann gibt es noch ein Schlagwort, das die Runde macht: das „untere Drittel in der Gesellschaft“. Allseits beklagt, weil es sich abkapselt und so anfällig sei für den Populismus.

Moment.. Das untere Drittel kapselt sich ab?  Ist es nicht eher so, dass im oberen Drittel eine Sprache gesprochen wird, die keiner im unteren Drittel verstehen kann? Außerdem ist die herrschende Kultur auch nicht gerade offen für "die dort unten". Theaterstücke, Opern, Kunstausstellungen..  Wer vom unteren Drittel kann sie genießen? Ihm fehlt einfach die Bildung dazu.

Und da sind wir wieder am Anfang: bei der Bildung.

Niemand wird erwarten, dass alle eine akademische Bildung erhalten können.

Das wäre auch nicht schlimm, gäbe es nicht die Überheblichkeit des oberen Drittels.

Denn auch das untere Drittel hat eine Kultur, bloß wird auf diese herunter geschaut. Oft mit Spott, meistens mit Naserümpfen.

Volkstheater, Volksmusik, Volkstanz, Volksfeste...  Vorsicht, das ist nichts Völkisches... Genau so wenig wie die Volkshochschule. Und diese Kultur hat das gleiche Existenzrecht wie die Kultur der Hochgebildeten. Sie darf man nicht in die Schmuddelecke abschieben. Man muss sie anerkennen, sie muss Platz im öffentlichen Raum bekommen, sie muss von der Kulturpolitik gleichberechtigt behandelt werden.

Auch das würde den Populisten das Wasser abgraben. Niemand könnte mehr behaupten: Die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden.

Und aus "Die da oben" und "Die da unten" würde ein "Wir" werden.