Das schwedische "Du"

 

Als der schwedische König hörte, in Dalarna würden sich alle duzen, wollte er es nicht glauben. Er setzte sich in seine Kutsche, fuhr nach Dalarna, rief einen Bauern heran, der gerade auf dem Feld arbeitete, und fragte: „Sag mal, stimmt das, ihr sagt 'du' zu allen?"

„Ja, das stimmt", antwortete der. "Wir duzen alle. Mit Ausnahme von dir und deinem Sohn natürlich.“

So begann es mit dem schwedischen Du, aber es dauerte lange, bis es sich durchsetzte. Das war in der 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Folge einer Demonstration. Wer für das „Du“ war, heftete sich einen Button auf die Brust, darauf stand: „Du kannst ‚du‘ zu mir sagen“. Erst waren es wenige, die Demonstration wuchs zur Welle und schließlich siegte das „Du“ über das "Ni" (deutsch: Ihr) und über das umständliche „Kann mir der Herr Schornsteinfeger sagen..“.

Übrigens, der selbstbewusste Bauer hat eine Ausnahme genannt, die auch heute noch gilt: In Schweden darf man alle duzen, nur nicht die Mitglieder der Königsfamilie.

In Deutschland wird gesiezt seit über hundert Jahren, und ich erinnere mich, als ich mit 14 zum ersten Mal von einem unbekannten Erwachsenen nach einer Straße gefragt wurde, siezte er mich. Da war ich ziemlich stolz, spürte aber sofort einen Abstand zwischen uns. Und dieser Abstand hat mich mein ganzes Leben in Deutschland begleitet, betrat ich jedoch schwedischen Boden, atmete ich auf: Es war, als fielen Fesseln von mir ab.

Ja, das Siezen ist fesselt uns. Manchmal denke ich, es ist eine Zwangsjacke. Wir halten uns durch das Siezen zurück, wir legen die Rüstung nicht ab und wappnen uns mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Unsere Kommunikation ist behindert, daraus erwachsen Unverständnis und Missverständnis, was zu Streitigkeiten und Auseinandersetzungen führen kann. Mit dem „Sie“ grenzt man sich ab, mit dem „Du“ ist die Tür geöffnet.

Das schwedische „Du“ ist ein demokratisches Du, alle sprechen miteinander in Augenhöhe ob Professor oder Arbeiter, Minister oder Putzfrau, das macht das Zusammenleben menschlicher und leichter.

Sicher, die Schweden empfanden sich schon immer als eine Familie, wir Deutschen dagegen waren Jahrhunderte lang zersplittert in Stämmen, Fürstentümern und Königreichen. So konnten kein Gemeinschaftsgefühl und kein Nationalgefühl entstehen.

Aber vielleicht gibt es auch bei uns eines Tages eine demokratische Bewegung, da heften sich Deutsche wie damals die Schweden einen Button auf die Brust, auf dem steht: „Du kannst ‚du' zu mir sagen."

Und ist es kein Button, dann eben zeitgemäß ein T-Shirt mit diesem Schriftzug.

Ich höre den Einwand: Das „Du“ sei privat und intim, das würde ja verloren gehen.

Moment… Ging es denn in Schweden verloren? Keinesfalls. In privaten Situationen sagen die Schweden einfach: „Käre du..“ / „Snälla du..“ (Lieber du..  / Liebe du..).. Oder zärtlich, fast gehaucht: „Du..“

Das können wir doch auch.

Aber wie sie das Ü in dem „Du“ singen!

Das freilich schaffen wir mit unserem „Du“ nie..

 

 

Siehe auch Blog  v. 20.5.2016 Deutsche duzt euch!

 

 

 

 

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